Es war kein angenehmer Gedanke . Er wollte nicht durch einen Vater , noch weniger durch einen Gensd ' arme-Rittmeister , es war sein Stolz gewesen , nur durch sich empfohlen zu sein . » War das nicht auch vielleicht Phantasie , « fuhr er aus seinen Träumen auf , » eine fixe Idee , wie die der guten alten Oberkirchenräthin ? Bewegen wir uns nicht Alle in einem großen Gespinnst , über das wir nie hinausfliegen , wie wir uns auch anstrengen ? Wir sehen nur nicht das Gängelband , an dem man uns führt . Ja , Alle sind wir eingeführt in die Kreise , wo wir wirken sollen ; der durch seinen Namen , Herkunft , der durch die glatten Wangen , das Geld des Vaters , es war ihm mitgegeben , als er geboren ward . Der ruft den Schneider , den Coiffeur , den Tanzmeister zu Hülfe . Sie lesen , bilden sich , um zu wirken . Was wäre unser ernstestes Studium , wenn uns nicht doch , als endliches Ziel , ein Wirkungskreis vor Augen stände , der uns gefällig machen soll , uns unter den Menschen erhebt , einen Einfluß verschafft ! Warum nun , wo wir immerfort Hülfe suchen müssen , um die Lücken unseres dürftigen Ichs auszufüllen , die von uns stoßen , die man uns darreicht , die von selbst da ist ! Das Netz , das uns umschlingt , heißt Konnexionswesen . Ist ' s nicht in unsere Natur eingeimpft , bedingt durch unsere Gesellschaft , unser Gemeinwesen , lag es nicht ausgeprägt in unserm zünftigen , deutschen Sippschaftswesen ? Der Sohn schlüpfte in die Kundschaft , Rüstung , die Lehen seines Vaters , die Gesetze drückten ein Auge zu , die Freundschaft half und die Gewohnheit machte die Vererbung zu einem Recht . So überall . Wir sehen freilich Lumpe auf diesem Wege steigen , wo das Verdienst zur Thür hinausgewiesen wird . Warum lässt es sich ausweisen ? Warum greift es nicht zu den Mitteln , welche die Vorsehung ihm bot ? Ist das nicht viel mehr Hochmuth , vielleicht der impertinenteste Dünkel , sich nur selbst genügen zu wollen ? Sollen wir nicht klug sein , wie die Schlangen ? Und was Klugheit ! Grassirt nicht unter diesen Menschen die Manie zu protegiren ? Sie locken uns ; wir brauchen nur zuzugreifen . Es ist der Kitzel des Stolzes und der Armseligkeit Derer , die aus sich nichts machen können , Andere zu erheben , die sich ihnen fügen , ihren Launen schmeicheln , in ihre Gedanken hineinlügen . So entstanden Schulen , künstlerische , philosophische , religiöse , so erwuchs das Königthum zu der mythischen Größe . Man erhob sich , weil man Kleinere unter sich groß werden ließ . Man unterließ den Pyramidenbau , weil man inne ward , daß man doch nicht über die Wolken dringe ; aber je mehr Abstufungen man zu seinen Füßen betrachtete , um so erhabener dünkte man sich selbst . Es ist ihr Spielzeug , warum erfassen wir es nicht , und lassen sie spielen zu unserm Zwecke ! « Sein Blick fiel auf eine Fensterreihe , schräg dem Hotel gegenüber . Ein Theil dieser Fenster war mit grünen Jalousieen verschlossen ; sie schienen nicht erst heute gegen den Sonnenbrand herabgelassen , der dicke Staub darauf sprach von einem langen Verschluß . Das ganze Haus sah still und öde aus wie eines , worin Krankenluft wehte . Ein Leiterwagen mit Strohbunden kam langsam herangefahren . Er hielt seitwärts . Man streute das Stroh langsam auf das Pflaster vor dem Hause . Jetzt rollte vor einem der Mittelfenster die Jalousie langsam auf , eine weibliche Gestalt sah auf die Arbeiter hinaus . Die Geheimräthin Lupinus gab den Leuten Anweisungen , die er nicht hörte . Sie hatte wieder ein Tuch vor dem Munde und wehte sich frische Luft zu . - Man nannte die Lupinus eine unglückliche , schwer vom Schicksal heimgesuchte Frau . Man rühmte sie wegen der stoischen Ruhe , mit welcher sie die harten Unfälle , die Schlag auf Schlag sie trafen , ertrug . Sie widmete sich Tag und Nacht der Pflege des kranken Gatten , und musste von ihren Bekannten an die Pflicht erinnert werden , zuweilen auch an sich selbst zu denken . Die Zufälle des Geheimraths sollten besonderer Art sein , und er seine Pflegerin durch wunderbare Phantasieen plagen . Von alledem merkte man nichts , wenn sie in der Gesellschaft erschien . Sie sprach von dem , was ihr bevorstehe , mit Ruhe und Fassung . Sie mache sich keine Illusionen , wenn auch die Ärzte ihr Trost zusprächen : mit einem Seufzer fügte sie hinzu , sie habe in ihrem Leben die Trugschlüsse dieser Wissenschaft hinlänglich kennen gelernt . Sie citirte gern Stellen aus Mendelssohns Plato . Was sei denn das Leben anders , als ein Gefängniß oder ein Wachtposten , aus dem die Seele sich hinaussehnt nach Befreiung oder Ablösung . Sie blickte auch wohl nach den Sternen , und schien über sich selbst zu lächeln , wenn sie in zwei kleinen , die sie bezeichnete , die lieblichen Kinder zu sehen glaubte , die unter ihrer mütterlichen Pflege in das Jenseits entschweben müssen . » Halten Sie mich um deswillen nicht für eine Schwärmerin , « setzte sie mit einem sanften Händedruck hinzu , » dazu bin ich verdorben . Meine Freunde sagen zu oft , daß ich es am Ende glauben muß , ich sei eine Philosophin . Die Leidenschaften , die uns verwirren und aufregen , wer kann von sich rühmen , daß er sie ganz bewältigt , um zu der Ruhe der Seele zu gelangen , welche uns zu wahrhaft Freien macht ! Bin ich nicht eine schlechte Philosophin , wenn ich nicht einmal so weit Herr über mich ward , wie mein guter Mann ? Er sieht seiner Auflösung mit der Ruhe des Gerechten entgegen , froh wie ein Kind jeden Augenblick genießend