deshalb den glücklichsten Ausgang vorhersage , weil es sogleich im ersten Stadium in ganzer Heftigkeit ausgebrochen wäre und den ganzen Organismus ergriffen hätte . Wenn es eine schleichende , unausgesprochene Form angenommen hätte , sagte er , würde er besorgt sein . Allein eine so gewaltige Erschütterung und der schnelle Ausbruch des Phantasirens erzeugt rasche und gute Krisen . Wir haben ein Nervenfieber , nicht den Typhus . Phantasirt Egon und was ? wollte Helene in ihrer leidenschaftlichen Theilnahme eben fragen ; aber Pauline zog sie fort und flüsterte ihr zu : Mäßigung ! Drommeldey mußte sich nun mit Paulinen beschäftigen , mit ihrem Pulse , den er zu aufgeregt fand , mit ihrem Appetit , den sie für gering erklärte ... Sie haben keine Badereise gemacht , sagte Drommeldey , Sie grübeln zuviel , Sie nehmen das Leben zu ernst . Als Pauline diese » Kur durch Leichtsinn « ablehnte , vertiefte sie sich mit Drommeldey in homöopathische Gespräche , die ihr den Genuß verschafften , mit sich selber zu theoretisiren und eine Art von autodidaktischer Quacksalberei zu treiben ... Sanitätsrath Drommeldey war der gesuchteste Arzt der vornehmen Welt . Er mischte das allopathische Princip mit dem homöopathischen und praktizirte auf diese Art à deux mains . Wer an das Eine nicht glaubte , dem half vielleicht das Andere . Besonders behauptete der kleine , feine , magere , starkgeröthete Herr mit den stechenden listigen Augen , daß die Seele des Patienten ein Hauptaugenmerk des sorgenden Arztes sein müsse . Er hatte durch dies Zauberwort alle vornehmen Frauen gewonnen . Denn eine verstimmte Seele wollen sie alle haben und mehr durch das Gemüth und seine Anregungen , als durch die Pharmakopöe kurirt werden . Drommeldey führte ein Buch über seine Patienten , eine förmliche Chronik ihres ganzen Lebens . Man kann sich denken , wie ihm die Gläubigen anhingen . Die Malades imaginaires behandelte er homöopathisch und ließ sie aus ihren kleinen portativen Apotheken sich die unschädlichsten Dinge selbst dispensiren ; die wirklichen Kranken griff er aber mit vielem Geschick allopathisch an . Er galt nicht nur bei Hofe , sondern mit gleicher Autorität in einem ganzen Bezirk von zwanzig bis dreißig Meilen bei allen Reichen und Vornehmen . Er war fast in jedem Monat einmal auf einer größeren Reise begriffen . Ihm ganz besonders kamen die Eisenbahnen zu statten , denn sie gaben ihm eine Universalpraxis . Im Übrigen war er keineswegs so kopfhängerisch , wie man nach seiner Verehrung vor der Homöopathie und der medizinischen Wichtigkeit , die er der Seele zuschrieb , hätte glauben sollen . Er liebte ein Glas herben Ungarweins und stritt oft mit dem Justizrath Schlurck , ob die englischen oder holsteinischen Austern nahrhafter wären . Seine Philosophie war so ziemlich die des vorigen Jahrhunderts . Er liebte Anekdoten von Voltaire , Friedrich dem Großen und der Kaiserin Katharina . Ein bon mot stand ihm höher als eine Abhandlung . Sein Wissen wurde besonders von den jungern Ärzten sehr bezweifelt ; allein darum hätt ' er es doch längst zu einem höhern Titel als dem eines Sanitätsrathes - was in der medizinischen Welt soviel wie ein Commerzienrath in der bureaukratischen ist - gebracht , wenn er nicht als halber Homöopath gewissermaßen außerhalb der offiziellen Medizinalverfassung des Landes stand . Die Homöopathie war noch nicht akademisch vertreten . Er verzichtete auf Ehrenämter , begnügte sich mit seinen Orden und den Dukaten , die ihm von allen Seiten zuströmten . Die Säle füllten sich ... Offiziere , Beamte , Künstler kamen , manche nicht ohne Ruf . Es kann nicht unsre Absicht sein , sie Alle zu katalogisiren ... Es war da die stehende Garde der Geheimräthin zugegen . Sie bildete den Stamm ihrer Gesellschaften und konnte recht verletzt werden , wenn sie bei irgend einem größern Mittage oder Abende fehlte . Alle gehörten sie der Richtung an , die noch bis vor kurzem von Pauline von Harder leidenschaftlich vertreten war . Da es ihr nicht möglich wurde , sich nach der Krisis , in der ihre ästhetische Lebensauffassung zu Grunde ging , auf die Werke der Liebe , die Frauenvereine , die Institute der inneren Mission zu werfen , eine » graue Schwester « , Diakonissin oder Schwanenjungfrau zu werden , so hatte sie es leidenschaftlich mit der Politik und dem conservativen Systeme . Alle diese Anhänger ihrer Fahne waren Beamte , Adlige , Offiziere , auf ' s beflissenste damit beschäftigt , die alte Ordnung der Dinge wiederherzustellen und das demokratische Princip zu bekämpfen . Einige von ihnen sahen in diesem Princip nur die rohen und gemeinen Straßenausbrüche der Demokratie , Andere waren gerechter und gestanden zu , daß die Demokratie das Unglück hatte , in ihren ersten Bildungsformationen eine Menge Schlacken involviren zu müssen ; doch auch das reinere Metall erschien ihnen verderblich und gefährlich . Der Unschuldigste dieser Conservativen war noch der alte Graf Franken , den nichts in seinem Hochtorysmus berührte , an dem Alles abglitt und der erst seit kurzem wieder dauernd die Gnade gehabt hatte , in der Residenz zu wohnen . Viel schroffer schon war der Kammerherr von Ried , ein Schwager Paulinens aus erster Ehe , ein sehr reicher Gutsbesitzer , der zu verarmen fürchtete , wenn die progressive Einkommensteuer und die neue Grundzinsgesetzgebung in Kraft blieb . Die Gespenster des Communismus ließen diesen Mann nicht schlafen . Er hatte eine große Korn-Ligue gestiftet zwischen allen Grundbesitzern des Landes , um den Ministern und Kammern die Spitze zu bieten , ein Unternehmen , über das der Hof nicht wußte , sollte er Freude oder Schrecken empfinden . Kammerherr von Ried organisirte Bauernvereine , die die Gesellschaften der Demokraten bei passenden Gelegenheiten überfielen und Jeden halbtodt prügelten , der sich nicht bereit erklärte , auf der Stelle eine gewisse Landeshymne zu singen . Diese patriotischen Banden wurden fast in der ganzen Monarchie organisirt und von Gendarmen oder eben ausgedienten Soldaten , die zwar den Bauernkittel wieder anzogen , aber nicht viel Lust zum Arbeiten hatten , geleitet