Famos , Michel ! Nochmal ! Das muß ich auch lernen ! ” Michels erschlaffte kleine Züge röteten sich , während er und seine Mutter die neue Fratze probierten . “ Du kannst ' s , Du kannst ' s ! ” schrie er begeistert . “ Jetzt esse ich auch meine Suppe ! ” Sich an der Dummheit , der Trivialität , der Häßlichkeit wie an einem seltsamen Genusse zu ergötzen — das war die Weise , in der die drei verfeinerten Menschen sich gegen diese Gewalten wehrten , wodurch sie sich Freiheit und geistreichen Frohsinn bewahrten . Nannte Woszenski seine Frau bei ihrem Vornamen , so fand er es entzückend , daß die ungewöhnliche Person , deren Bewegungen an ein japanisches Götzenbild erinnerten , welches kurzes , krauses , nach allen Seiten davonstarrendes Negerhaar besaß und grelle aufgeregte Augen — daß sie gerade “ Mariechen ” heißen mußte . Der Gegensatz , den ihr scharfes Organ und ihr Leipziger Dialekt zu seinem gewählten , leicht von ausländischem Accent berührten Deutsch bildete , hatte vielleicht auf den Entschluß , sie zu heiraten , eingewirkt , als ein subtiler und närrischer Reiz . Ihm waren die gesellschaftlichen und künstlerischen Verhältnisse der Gegenwart so zuwider gewesen , daß er verwundet und ermattet allem den Rücken gekehrt und sich bei einem Einsiedler auf Capri in Kost und Wohnung gegeben hatte , als dem einzigen Menschen , der seinen Nerven nicht unerträglich wurde . Bis Mariechen kam und ihn sich durch ihren sieghaften Humor in die Welt zurück holte . Am Abend , während das Ehepaar mit dem jungen Gast in ihrem Wohnzimmer saß , von dessen Decke eine Messing-Lampe aus einer Synagoge niederhing , wo lebensgroße buntbemalte Kirchenheilige an den Wänden lehnten und über den gefalteten Händen Fetzen von japanischer Seide trugen , begann Herr von Woszenski aus jener Zeit zu erzählen . Er war in einem alten Pelzrock gewickelt , auf dessen Schultern sein langes , schon ergrauendes Haar Spuren gelassen hatte . Seine ausdrucksvolle Künstlerhand liebkoste den wirren Bart , und er rauchte unzählige Cigaretten , während er mit leiser bedeckter Stimme sprach . — — Bei Pagano war ein junger Maler gestorben . Er und ein paar andere hatten seine Leiche zum Festland hinübergerudert . . . . “ Das Meer glänzte still im frühen Morgenlicht wie so eine kostbare Perlmutterschale — und auf der grauen Flur trieb ein großer Strauß blaßroter Rosen an uns vorüber — wir sahen sie immer auf- und niederschwanken , mit der Bewegung der Wellen . Und der schwarze Sarg im Boot war ganz bedeckt mit Rosen . . . . ” Agathe lag lange wach auf dem ungewohnten Lager , in dem ihr noch fremden Raum . Sie hörte das Murren der Wogen zwischen Capri und Neapel — sie sah die Rosen auf der silbernen Flut . . . . Blutroter Sammet strömte über den Hochaltar , Engelsköpfe umgaukelten sie . . . . . . Und ein Sturmwind vom Himmel schauerte durch ihre Seele . “ Das Kind soll die alte Hauptmann Gärtner besuchen , ihre Mutter kennt sie von früher . Ich will Mittag mit ihr hingehen . Du könntest ' mal bei Lutz vorsprechen , Kas . Wir treffen uns dann . ” So bestimmte Frau von Woszenska das Programm des Tages . Agathe verspürte Lust , sich zu putzen . Sie nahm ihren neuen Rembrandthut aus dem Koffer . Der Hut stand ihr reizend . Papa hatte ihn zu auffallend gefunden , aber Mama hat gemeint , für die Künstlerstadt wäre so etwas gerade das Richtige . Doch Frau von Woszenska trug sich sehr einfach — beinahe schäbig sah sie aus in ihrer schwarzen Trikotbluse . Nein — Agathe genierte sich . . . . Frau von Woszenska würde sie für eine oberflächliche , eitle Fliege halten . Und man zog auch seine besten Sachen nicht so mir nichts dir nichts an , wenn man gerade vergnügt war , sondern wenn die Gelegenheit es forderte . Die Anschauung war Agathe nun einmal in Fleisch und Blut übergegangen . Es taute überdies und das Wasser klatschte in großen Tropfen von den schneebedeckten Dächern . Der Rembrandthut wanderte in den Koffer zurück und die Pelzmütze wurde aufgesetzt . Ganz nett sah sie ja so auch aus — wenn sie einmal nicht geistreich und bedeutend sein konnte , so war es doch recht angenehm , daß sie wenigstens so ein hübsches Gesichtchen hatte . Frau von Woszenska tauschte beim Frühstück mit ihrem Manne ganz beifällige Bemerkungen über sie , eigentlich , ein bißchen als wäre sie ein Bild , nicht ein lebendiger Mensch , der eitel werden konnte . — — Merkwürdig lau war die Luft , ihre Winterjacke wurde Agathe viel zu warm . Sie knöpfte sie auf , denn sie hatte schon so eine Freude , daß man sich hier in dem stillen alten Städtchen und bei Woszenskis mehr gehen lassen konnte als zu Haus , wo man fortwährend Rücksicht auf Papas Stellung nehmen mußte . Während des Besuches saß sie nach einigen von ihr beantworteten Fragen still und hörte auf Frau von Woszenskas Gespräch mit der alten Dame . Alles , was Frau von Woszenska sagte , war Agathe spannend und merkwürdig , wenn sie auch nur , wie eben jetzt , von Dienstboten sprach . “ . . . Ja — ich wollte mal ' ne Solide haben . . . . . Eine Solide ! ! sage ich zu Kas . Da nehmen wir eine , die ' n Kropf hat . . . ” Das “ R ” wurde mit Leidenschaft geschnarrt . “ Und een ' Buckel ! Einen ordentlichen Buckel ! — So . — Am ersten Sonntag kommt das Frauenzimmer : ist zum Maurerball eingeladen . Willst Du nicht vorher essen ? frage ich . Da stellt sie sich vor mich hin und sagt so ganz von oben — von oben herab — über den Kropf weg : Ich danke — die Herren