Andere – kümmert Das ja nicht . Lassen Sie mich allein nach Hause fahren , Hugo ! Ich bitte Sie darum . “ Ihre Augen sahen ihn durch den Thränenschleier bittend an . Der Capitain sagte kein Wort weiter ; er schloß , gehorsam den Schlag und trat zurück ; aber er sah dem fortrollenden Wagen nach , bis dieser verschwunden war . – Mitternacht war längst vorüber , als Reinhold zurückkehrte und , ohne seine Wohnung zu betreten , sich sofort nach dem Gartenzimmer begab . Das Haus und die Nebengebäude lagen still und dunkel da ; nichts regte sich mehr in dem ganzen Umkreise . Was hier lebte und schaffte , war gewohnt , den Tag für die Arbeit zu benutzen , und forderte dafür Nachts seine ungestörte Ruhe . Es war ein Glück , daß das Gartenhaus so fern und einsam lag , sonst wären die Hausgenossen und die Nachbarschaft wohl noch unduldsamer gewesen gegen den jungen Componisten , der es nun einmal nicht lassen konnte , so spät er auch oft nach Hause kam , stets noch seinen Flügel aufzusuchen , und den oft genug der lichte Morgen in seinen musikalischen Phantasien überraschte . Es war eine stille und mondhelle , aber scharfe und rauhe nordische Frühlingsnacht . In dem dämmernden Lichte sahen diese Mauern und Giebel , die den Garten einengten , noch düsterer und gefängnißartiger aus als am Tage ; die Fluth des Canals erschien noch schwärzer in dem blassen Mondstreif , der darüber hin zitterte , und die noch kahlen , blattlosen Bäume und Gesträuche schienen zu leben und zusammenzuschauern in dem kalten Nachtwinde , der erbarmungslos darüber wegfuhr . Man befand sich bereits im April , und doch zeigten sich kaum die ersten Knospen . „ Dieser armselige Frühling mit seinem mühseligen Wachsen und Gedeihen , seinen grauen Regentagen und kalten Winden ! “ Das hatte Reinhold erst vor wenigen Tagen aussprechen hören , und dann war eine glühende Schilderung jenes Frühlings gefolgt , der wie mit einem Zauberschlage auf den Fluren des Südens emporblüht , jener Sonnentage mit dem ewig blauen Himmel und der tausendfachen Farbenpracht der Erde , jener Mondscheinnächte voll Orangenduft und Liederklang . Der junge Mann mußte wohl noch Kopf und Herz voll haben von diesem Bilde ; denn er blickte noch verächtlicher als sonst auf die dürftig kahle Umgebung und schob ungeduldig einen Fliederzweig zur Seite , dessen braune eben erst aufbrechende Knospen seine Stirn streiften . Er hatte keinen Sinn mehr für die Gaben dieses armseligen Frühlings und keine Lust mehr , so mühselig zu wachsen und zu gedeihen wie die Knospen hier , ewig im Kampfe mit Reif und Wind . Hinaus in die Freiheit , das war der einzige Gedanke , der ihn jetzt noch erfüllte . Reinhold öffnete die Thür des Gartenzimmers und fuhr wie in plötzlichem Schrecken zurück . Es dauerte einige Secunden , ehe er in der Gestalt , die da an seinem Flügel lehnte , hell beschienen vom Mondlichte , das durch durch das Fenster fiel , seine Gattin kannte . „ Du bist es , Ella ? “ rief er endlich rasch eintretend . „ Was giebt es ? Ist etwas vorgefallen ? “ [ 444 ] Sie machte eine verneinende Bewegung . „ Nichts ! Ich wartete nur auf Dich . “ „ Hier ? Und zu dieser Stunde ? “ fragte Reinhold auf ’ s Aeußerste befremdet . „ Was fällt Dir denn ein ? “ „ Ich sehe Dich ja fast nie mehr , “ war die leise Antwort , „ höchstens noch bei Tisch in Gegenwart der Eltern , und ich wollte Dich einmal allein sprechen . “ Sie hatte bei diesen Worten die Lampe angezündet und auf den Tisch gestellt . Die junge Frau trug noch das dunkle Seidenkleid , das sie heute Abend im Theater getragen ; es war freilich auch schmucklos und einfach genug , aber doch nicht so derb und unkleidsam wie ihre gewöhnlichen Hausanzüge . Auch die sonst immer unvermeidliche Haube war verschwunden , und jetzt , wo sie fehlte , sah man erst , welch ein seltener Reichthum sich unter ihr geborgen hatte . Das blonde Haar , das sonst immer nur in einem schmalen Streifen sichtbar wurde , ließ sich kaum bergen in den schweren Flechten , die sich jetzt ist ihrer ganzen prachtvollen Fülle zeigten ; aber dieser natürliche Schmuck , mit dem wohl jede andere Frau geprunkt hätte , wurde hier beinahe ängstlich Tag für Tag versteckt , bis ein Zufall ihn enthüllte , und doch schien er dem Kopfe ein ganz anderes Gepräge zu geben . Reinhold hatte wie gewöhnlich kein Auge dafür ; er sah die junge Frau kaum an und hörte nur flüchtig und zerstreut auf ihre Worte . Es lag auch nicht die leiseste Spur eines Vorwurfs darin , aber er mußte doch so etwas herausfühlen , denn er sagte ungeduldig : „ Du weißt doch , daß ich gerade jetzt von allen möglichen Seiten in Anspruch genommen werde . Meine neue Composition , die in den letzten Wochen vollendet wurde , ist heute Abend zum ersten Male in die Oeffentlichkeit getreten – “ „ Ich weiß es , “ unterbrach ihn Ella , „ ich war im Theater . “ Reinhold stutzte . „ Du warst im Theater ? “ fragte er rasch und scharf . „ Mit wem ? Auf wessen Veranlassung ? “ „ Ich war allein dort . Ich wollte – “ sie stockte und fuhr dann zögernd fort : „ ich wollte doch auch einmal Deine Töne hören , von denen alle Welt spricht , und die nur ich nicht kenne . “ Ihr Gatte schwieg und sah sie forschend an . Die junge Frau verstand sich schlecht auf die Verstellung , und die Lüge wollte nicht über ihre Lippen . Sie stand vor ihm , todtenblaß , bebend an allen Gliedern ; es bedurfte keines besonderen Scharfblickes , um hier die Wahrheit zu errathen , und