Verabredung für den Nachmittag getroffen , dann begab sich Georg in die Kanzlei und Max , der keine Eile hatte , in die Stadt zurückzukehren , nahm erst noch flüchtig das Schloß in Augenschein , das für Fremde allerdings eine der Sehenswürdigkeiten von R. bildet . Der junge Arzt kümmerte sich zwar herzlich wenig um Baustil und alterthümliche Romantik , aber das Schloß interessirte ihn seines jetzigen Bewohners wegen . Er streifte also durch die Bogengänge und Gallerien , so weit sie zugänglich waren , und wollte endlich wieder zurückkehren , irrte sich aber und gerieth , statt den Ausgang zu gewinnen , in einen der Seitenflügel . Er bemerkte den Irrthum erst , als er einen Corridor betrat , der zweifellos zu einer Wohnung führte , und war gerade im Begriffe , umzukehren , als die Thür jener Wohnung sich öffnete und eine ältere Frau heraussah . „ Da sind Sie ja , Herr Doctor , “ sagte sie erfreut . „ Bitte , treten Sie nur ein ! Das Fräulein wartet schon . “ „ Auf mich ? “ fragte Max , erstaunt über diese vertrauliche Begrüßung . „ Gewiß . Sie sind doch der Arzt ? “ „ Der bin ich allerdings . “ „ Nun , dann kommen Sie nur herein ! Ich werde Sie dem Fräulein melden . “ Damit verschwand die Frau , dem Anscheine nach eine Wirthschafterin oder Beschließerin , während Max in dem Entreezimmer blieb , wohin sie ihn genöthigt hatte . „ Das nenne ich Glück , “ sagte er halblaut . „ Gleich bei den ersten Schritten , die ich hier in R. thue , fällt mir ganz unvermuthet eine Praxis in den Schooß . Sehen wir zu , wie die Sache sich entwickelt ! “ Sie entwickelte sich ziemlich rasch . Schon nach einigen Minuten kam die Frau zurück und führte ihn in ein behaglich und freundlich ausgestattetes Wohnzimmer , wo eine junge Dame sich bei seinem Eintritte von ihrem Platze am Fenster erhob und ihm entgegen kam . Es war noch ein sehr junges Mädchen , vielleicht sechszehn oder siebenzehn Jahre alt , hoch und schlank gewachsen , aber von sehr kränklichem Aussehen . Eine durchsichtige Blässe bedeckte das nicht gerade schöne , aber zarte und angenehme Gesicht . Um die Augen zogen sich bläuliche Schatten während Wangen und Lippen kaum eine Spur von Röthe zeigten . Die Kleidung war von einer fast übertriebenen Einfachheit und durchaus klösterlichem Zuschnitte . Das schwarze Kleid , ohne die geringste Verzierung , schloß hoch am Halse und dicht an den Handgelenken . Ein schwarzes Spitzentuch verhüllte vollständig das Haupt , sodaß nur ein schmaler Streifen des glattgescheitelten dunklen Haares sichtbar wurde . Die Haltung der jungen Danne war sehr schüchtern und verlegen als sie mit niedergeschlagenen Augen vor dem Arzte stand , ohne ein Wort zu sprechen . „ Sie wünschen ärztlichen Rath , mein Fräulein ? “ fragte Max endlich , nachdem er vergebens auf eine Anrede gewartet hatte . „ Ich stehe Ihnen zu Diensten . “ Bei dem Klange seiner Stimme hob das junge Mädchen die Augen empor , ein paar ausdrucksvolle dunkle Augen , senkte sie aber schnell wieder und trat mit offenbarer Aengstlichkeit einen Schritt zurück . Auch ihrer älteren Gefährtin schien bei genauerer Betrachtung das jugendliche Aussehen des Doctors Bedenken zu erregen , denn sie verweilte dicht neben ihrer Schutzbefohlenen , die jetzt mit leiser , weich klingender Stimme antwortete : „ Mein Vater wünscht , daß ich den Rath eines Arztes in Anspruch nehme . Es ist gewiß nicht nothwendig ; ich fühle mich nicht eigentlich krank . “ „ Sie sind es aber gründlich , “ fiel die Aeltere ein , die mehr zur Familie als zur Dienerschaft zu gehören schien . „ Und der Herr Hofrath besteht doch nun einmal darauf . “ „ Herr Hofrath Moser ? “ fragte Max , dem urplötzlich ein Licht aufging , in wessen Haus ihn der Zufall geführt hatte . „ Ja . Haben Sie ihn denn nicht gesprochen ? “ „ Vor zehn Minuten , ehe ich hierher kam , “ erklärte der junge Arzt , mühsam das Lachen unterdrückend . Er vergegenwärtigte sich das entsetzte Zurückweichen des loyalen Hofrathes , als der Name seines Vaters genannt wurde . Unter anderen Umständen würde er den Irrthum wohl aufgeklärt haben , jetzt aber dachte er nur an den Aerger des alten Herrn der ihn so ungnädig behandelt hatte , wenn er den Demagagensprößling in seiner eigenen Wohnung entdecken würde . Brunnow beschloß auf alle Fälle seinen Platz zu behaupten . „ Sie sehen aber doch leidend aus , mein Fräulein , “ nahm er wieder das Wort , indem er ihre Hand ergriff und den Puls aufmerksam prüfte . „ Wollen Sie mir einige Fragen erlauben ? “ Das Examen begann . Sobald Max einen Patienten vor sich hatte , war er nichts weiter als Arzt , den nur der vorliegende Krankeitsfall interessirte , auch jetzt traten alle übermüthigen Regungen davor zurück . Er stellte seine Fragen kurz , knapp und klar , ohne viel Worte zu machen , ohne sich irgendwie von der Sache zu entfernen , und das schien seiner jungen Patientin allmählich Vertrauen einzuflößen . Sie wurde unbefangener , ausführlicher in ihren Antworten und sah sich nicht mehr bei jedem Worte ängstlich nach ihrer Beschützerin um . Endlich war das Examen zu Ende , und Max schien davon befriedigt zu sein . „ Ich glaube nicht , daß ein Grund zu ernsten Besorgnissen vorliegt , “ sagte er . „ Ihr Leiden scheint nervöser Natur zu sein , vielleicht durch geistige Ueberreizung veranlaßt und durch Mangel au Luft und Bewegung verschlimmert . “ „ Ja wohl , “ mischte sich die Wirthschafterin ein , die augenscheinlich gewohnt war , überall mitzusprechen . „ Fräulein Agnes macht sich gar keine Bewegung und kommt nie in ’ s Freie , den täglichen Gang in die Frühmesse ausgenommen . Ich habe immer gesagt , daß