brach Siegbert aus . » Jawohl , da wird der Gefangene gepflegt und gefüttert und ist versorgt sein Leben lang , aber er darf nie mehr die Schwingen regen , nie wieder emporsteigen zum Licht – besser , er wird von der Kugel eines Jägers getroffen ! Nein , nein , lassen Sie den jungen Adler frei da oben auf seiner Felsenhöhe , glauben Sie mir , – es ist etwas Hartes um die Gefangenschaft ! « » Haben Sie das vielleicht schon erfahren ? « fragte Alexandrine langsam . » Ich ? « Siegbert schrak zusammen . Er hatte in völliger Selbstvergessenheit gesprochen und fühlte erst jetzt , wie jäh und unvermittelt jener Ausbruch gekommen war . » Ich sprach nur aus , was wohl ein jeder fühlt « , setzte er mit sinkender Stimme hinzu . » Vielleicht , « aber es klang wie der Aufschrei eines Gefangenen , der sich nach der Freiheit sehnt . Der junge Mann schwieg und wandte sich ab . » Erscheint Ihnen meine Teilnahme zudringlich , Herr Holm ? Dann will ich schweigen . « » Nein , nein ! « rief Siegbert aufwallend . Er begriff es nicht , wie die stolze , unnahbare Alexandrine von Landeck auf einmal dazu kam , sich fast gewaltsam seines Vertrauens zu bemächtigen , aber seine Verschlossenheit hielt nicht stand vor der ernsten Frage dieser dunklen Augen , die heute einen so rätselhaft milden und weichen Ausdruck hatten , wie er ihn noch nie darin gesehen . » Ich glaubte nur , daß das Schicksal eines Fremden Ihnen kein Interesse abgewinnen könnte , « erwiderte er , noch kämpfend mit der alten , scheuen Zurückhaltung . Alexandrinens Blick ruhte fest auf dem blassen , träumerischen Antlitz des jungen Mannes , als versuche sie , darin zu lesen . » Ich weiß durch Professor Bertold , daß Sie in beengenden , unwürdigen Verhältnissen festgehalten werden , die Sie und Ihr Talent nicht zur Entwicklung kommen lassen . Weshalb haben Sie sich nicht längst diesen Banden entwunden und sich frei gemacht ? « » Weil ich schwach und feig bin , « sagte Siegbert mit tiefer Bitterkeit . » Wenigstens meint Professor Bertold das . Er hat es mir oft genug anzuhören gegeben , er wird es auch Ihnen gesagt haben , und Sie werden es glauben . « » Niemals ! « rief Alexandrine in einem Tone , von dessen Wärme sie selbst nichts wußte . » Nicht ? Wirklich nicht ? « » Ich glaube , daß Professor Bertold eine große , bedeutende , aber auch eine rücksichtslose Künstlernatur ist , gewohnt , jedes Band zu zerreißen , das ihn hindert . Er hat nur eins im Auge , das Ziel , dem er zustrebt , und fragt nicht danach , was er auf seinem Wege verletzt oder zertritt . Er wird das gleiche auch von Ihnen gefordert haben , und Sie haben es nicht gekonnt . « » Nein , ich konnte es nicht , « sagte Siegbert mit einem tiefen Atemzuge . » Mein Fräulein , ich möchte wenigstens vor Ihnen nicht als Schwächling dastehen , vor Ihnen nicht ! Und doch werden Sie es vielleicht am wenigsten begreifen , wie Wohltaten und Dankbarkeit zu einer Kette werden können , die unlösbar , weil sie unsichtbar ist . Man muß das selbst durchgemacht haben , um zu fühlen , wie solche Fesseln jeden Mut lähmen , jede Kraft entnerven , wie sie unerbittlich am Boden festhalten , wenn auch die ganze Seele verzweifelnd empordrängt . Ich habe das siebzehn Jahre lang ertragen , – ich weiß , wie solche Ketten drücken ! « Er hatte in steigender Erregung gesprochen und stieß die letzten Worte mit so leidenschaftlicher Heftigkeit hervor , daß Alexandrine fast erschrak . Sie sah es jetzt , welch ein qualvolles Kämpfen und Ringen sich hinter jener träumerischen Ruhe barg , die sie , wie alle anderen getäuscht hatte . » Sie danken Ihrem Pflegevater viel ? « fragte sie zögernd . » Ich danke ihm alles , die ganze Existenz , die Erziehung , selbst das Studium , das mir die ersten Schritte auf der Künstlerbahn ermöglichte . Es ist nichts , was ich nicht aus seiner Hand empfangen hätte . Ich war in Armut und Niedrigkeit geboren und hatte im Elternhause nichts kennen gelernt , als das ewige Einerlei des Elends und Schlimmeres noch – die Verbitterung des Elends . Da starben die Eltern und ließen mich als zehnjährigen Knaben zurück , der nichts besaß als sein Zeichentalent , das die Lehrer über Gebühr lobten . Es erregte die Aufmerksamkeit meines Pflegevaters , und er nahm mich an Kindes Statt an . Aus den tiefsten Entbehrungen wurde ich plötzlich in das reichste und angesehenste Haus der Stadt versetzt , aber ich konnte des Wechsels nicht froh werden . Es wurde mir ja täglich vorgehalten , welch große , überschwengliche Wohltat mir zuteil geworden war , und wie dankbar ich mich dafür zeigen müsse , und das vergiftete mir die Dankbarkeit . « » Aber , Sie kamen doch zu Professor Bertold , « warf Alexandrine ein . » Sie brachten zwei Jahre bei ihm in der Residenz zu ? « » Ja , es war der einzige Sonnenblick in meinem Leben ! Möglich , daß ich damals am Wendepunkte dieses Lebens stand , daß ein rücksichtsloser Entschluß mich emporgeführt hätte . Professor Bertold wollte mich gewaltsam von jenen Verhältnissen losreißen ; er forderte den offenen Bruch mit dem Manne , dem ich alles verdankte , und hat es mir noch heute nicht verziehen , daß ich dessen Ruf folgte . Er wußte nicht , wie meine Rückkehr gefordert wurde , mit der Berufung auf meine Kindespflicht , auf meinen schuldigen Gehorsam , mit Klagen , Vorwürfen , Bitten ! Mein Pflegevater ahnte ja nicht , welch ein Fluch mir die Abhängigkeit geworden war , er bestand nur auf seinem Rechte . Wäre ich wirklich schwach und feig gewesen ,