Romanshorn , über dessen Staatsverbrechen und Hochverrat er vor dreißig Jahren kühl und gelassen das Protokoll geführt hatte , ohne sich um die Gefühle der Schwester Lina im geringsten zu kümmern . » Fassen Sie ihn fester , Professor « , sagte der brave Fritz . » Es hat seine guten Gründe , daß ihm schwül und schwankend zumute ist . Wär ’ ich kein Gerber , so hätte ich ihn Ihnen schon allein auf die Schulter gelegt , hätt ’ Kehrtum gemacht und Reißaus genommen – einerlei wohin ! « Jetzt tanzte das Deutsch-Ordenshaus vor ihren Augen und stellte sich auf den Kopf ; aber noch schlimmer war es mit ihnen auf der Mainbrücke . Alle drei zogen in ein vollständig verzaubertes Frankfurt hinüber und hatten sich dazu durch ein Gewimmel maientragenden Volkes durchzuwinden . Dicht zu den Füßen des Kaisers Karl stieß eine grüne lustige Birkenrute dem Legationsrat den Hut vom Kopfe , und der Kerl , der den Busch trug , ließ es sich außerdem nicht zuviel sein , ihm zu seinem , ihm von seinem hochseligen Landesherrn verliehenen Titel noch einen anderen beizulegen . Aber der Kaiser Karl der Große rächte weder mit seinem Schwerte den Frevel , noch warf er dem Frevler den Reichsapfel an den Kopf . Im Gegenteil , er schien ein Vergnügen an der Untat zu haben ; er grinste durch die hereinbrechende Dunkelheit , und der Messinghahn nebenan hob sich wahrhaftig auf den Füßen , schlug mit den Flügeln und krähte dem Trio nach , obgleich er diesmal doch keinen Juden vorübergehen sah . Der Professor Elard setzte dem Schwiegervater seiner Hoffnung den Hut wieder auf . Der brave Fritz brummte und grummelte immer wunderlicher in sich hinein , blöde und voll Unruhe zog er hin und fühlte sich nicht mehr imstande , dem Jugendgenossen die Vorfälle jener Zeit , da sie beide , und die Tante Lina dazu , noch jung waren , vorzurücken . Wahrlich , er würde jetzt viel darum gegeben haben , wenn er nicht mit dem Legationsrat an der Isenburger Warte zusammengetroffen wäre und ihn an die alte Bekanntschaft erinnert hätte . Er war Lohgerber , und das Schicksal hatte ihm freilich selber im Laufe der Zeit das Fell weidlich gegerbt ; aber unter der harten , zähen Haut lag doch noch das weiche , zärtliche Fleisch , und – die Lina Nebelung saß in der Hanauer Landstraße , und er – er sollte nach einem Menschenalter wieder vor sie treten und ihr die Hand bieten , und zwar als Witwer und Vater von drei erwachsenen Kindern . Zwölftes Kapitel Der Patrizius von Rottweil , Tabaksfabrikant von Höchst und großherzoglich hessische Kommerzienrat Florens Nürrenberg und die Tante Lina hatten in einer Weise Freundschaft geschlossen , die etwas Überraschendes hatte . Der Nachbar war gekommen , gesehen worden und hatte gesiegt . Die Tante mit seinem Strauß in der Hand war aus dem höchsten zeremoniellen Anstande einer schier dreißigjährigen Gouvernanten- und Gesellschaftsdamenexistenz fünf Minuten nach dem Eintritt des Kommerzienrats in den allergemütlichsten Plauderton bester Bekanntschaft gefallen , und jetzt saßen sie seit Stunden behaglich beim Tee , und Käthchen Nebelung saß ihnen gegenüber und ängstete sich nicht mehr über die heikle Frage , wie wohl die Tante Lina ausfallen möge ? Fünf Minuten nach seinem Eintritt in den Salon hatte die Tante den behaglichen , lächelnden ältlichen Herrn mit der Devise : Gott , Ehre , Vaterland und der Rosenknospe im Knopfloch auf der Brust für einen Mann nach ihrem weltbürgerlichen Herzen in der Stille ihres Busens erklärt , und augenblicklich sagte sie es ihm laut . » Sie sind der Mann , den ich in Deutschland zu finden hoffte « , sagte sie lachend . » Nach Jahren hab ’ ich Heimweh gehabt ! Ohne Schmeichelei , – ich versichere Sie , von Ihnen hab ’ ich häufig geträumt in Amerika . Lachen Sie nur nicht , Herr Nachbar ; parole d ’ honneur , Sie gefallen mir ausnehmend wohl . « Der Extabaksfabrikant lachte nicht ; der ließ die Welt nichts von seinem Behagen sehen ; dieses luftdicht verschlossene Gefäß komprimiertesten Lebensvergnügens erwiderte nur : » Ja , ja , Tante Lina , wir beide sind eben zwei solcher Oasen in der Wüste . Rund um uns her heult der Schakal , winselt die Hyäne , yhant der wilde Esel und rollt der Skarabäus seine heilige Kugel mit seiner Nachkommenschaft durch den Sand ( Notabene , das alles weiß ich von meinem Sohn , den ich also hiemit exemplarisch und poetisch verwerte und empfehle , Fräulein Käthchen ) , aber in uns wachsen und blühen die Palmbäume und springt der Quell . Notabene , Käthchen , der Schlingel hat mich auf seinen Reisen nach Italien , Griechenland und Ägypten Geld genug gekostet – ich sage Ihnen , ein Heidengeld , Käthchen – « » O , Herr Kommerzienrat ! « hauchte Fräulein Käthchen Nebelung . » Jawohl , Kind : Herr Kommerzienrat ! Wenn der Bub ’ einmal Wirklicher Geheimer Rat wird , so hat er das nur meinem Titel und der soliden Grundlage , aus welcher derselbige hervorblühte , zu verdanken . Nun , wir waren ja wohl in der Wüste stehen geblieben ? Also , Tante , die Palmen wachsen in uns , und die Quellen rauschen in uns , da kommen die Kamele , aus uns zu trinken , und die Affen klettern in unsern Zweigen herum , und die Beduinen – « » Verwickeln Sie sich nicht in Ihren Gleichnissen , Nachbar ! « rief die Tante . » Wir sind nur die Oasen , und die Palmen mit ihren Zweigen wachsen nur in uns . Was die Affen anbetrifft , so müssen die doch in den Zweigen der Palmen klettern . « » So ist es ! Mein Sohn hält sich ebenfalls darüber auf und verbessert mir stets das , was er meine Parabeln und Allegorien nennt , aber das ist mir ganz einerlei . Annähernd begreift mich meine Umgebung