nicht vor Mittag in Venedig ankommen . Das kleine Geschäft , das mich zu dir führte , ist gleich beendigt , dann fahre ich ohne weiteres nach dem Palazzo des Herzogs am Canal grande . Ich weiß nicht , ob ich dort gerade willkommen sein werde ; aber Schutz und Sicherheit als seinem Gaste versagt mir der Herzog nicht . « » Keinen Schritt aus meiner Bude , Jürg ! « eiferte Meister Lorenz . » Der Herzog wird in wenigen Augenblicken hier sein . Er will drüben bei den Frari den Tizian besehen . Das hat mir eben sein Adjutant gesagt , der Wertmüller von Zürich , ein gebildeter Mensch , ein feiner Kopf ; aber noch grün , grün ! Er spricht häufig hier ein , um mit mir die öffentlichen Angelegenheiten zu verhandeln und sich ein gesundes politisches Urteil zu bilden . « – Inzwischen hatte er leise die Tür etwas geöffnet und sein großes Gesicht lauschend an die Spalte gelegt . » Sieh , sieh « , fuhr er fort , » drüben setzen sich die Bettler schon in Bewegung und bilden in rührenden Gruppen auf beiden Seiten Spalier . Der Herzog ist im Anzuge . « Mit diesen Worten stieß er beide Flügel weit auf . Der dunkle Steinrahmen der Tür umschloß ein Bild voll Farbenglanz , Leben und Sonne . Im Vordergrunde wurden eben an den Ringen der Landungstreppe zwei mit zierlichem Schnitzwerke und wallenden Federsträußen geschmückte Gondeln befestigt . Zwölf junge Gondoliere und Pagen in Rot und Gold , die Farben des Herzogs , gekleidet , blieben zur Hut der Fahrzeuge auf dem von der Mauer grün beschatteten Canale zurück und kürzten sich in den Gondeln mit allerlei Scherz und Neckerei die Zeit . Die Herrschaften waren ausgestiegen und hatten sich die Treppe hinauf nach dem hellen Platze vor der Kirche begeben . Hier standen sie noch , die Schönheit der Fassade bewundernd und lebhaft besprechend . Leicht zu erkennen an seinem vornehmen , hagern Wuchs und der würdevollen , aber anmutigen Haltung war der mit calvinistischer Schlichtheit in dunkle Stoffe gekleidete Herzog . Die schlanke Dame , die er führte , war nach allen Seiten in beständiger Bewegung . Jetzt neigte sie sich gefällig einem kurzen untersetzten Herrn zu , der ihr mit einiger Gravität die gotische Architektur des Doms zu erklären bestrebt war . Ein Gefolge von jungen Edelleuten in militärischer Tracht hielt sich in angemessener Entfernung und setzte mit französischer Lebendigkeit eine Unterhaltung fort , in der offenbar die Maria gloriosa keine Rolle spielte . In ihrer Mitte stolzierte der kleine kecke Wertmüller und schien , wie ein kampflustiger Sperling seinen Raub , eine These gegen alle gewandten Angriffe seiner jugendlichen Genossen zu verfechten . Jenatsch hatte sich , die Pforte leer lassend , mit Fausch etwas in den Hintergrund des Gemaches gestellt , doch dergestalt , daß sein Auge den Platz beherrschte , und blickte über des Bäckers Schulter mit gespannter Aufmerksamkeit auf die Gruppe . Die Erscheinung des Herzogs fesselte seine ganze Seele . Dies war wieder das ihm unvergeßlich eingeprägte blasse Antlitz , in welches er einmal vor langen Jahren am Comersee geschaut hatte . In diesem Augenblicke zeigte ihm der Herzog seine scharf gezeichneten Züge im Profil und der Ausdruck langgeübter Selbstbeherrschung und schmerzlicher Milde , der auf dem etwas gealterten geistvollen Gesichte unverkennbar vorherrschte , überwältigte seltsamerweise den Bündner wie mit der Macht einer erwachenden alten Liebe . Dieser Mann , der ihn magnetisch anzog , der in der Stunde , die über sein Leben entschied , einen wunder baren Einfluß auf ihn geübt , dieser edle Mensch , an den er sich immer noch in verborgener Weise gekettet fühlte , hier stand er vor ihm und erschien ihm , als der bestimmt sei , in das Los seiner Heimat entscheidend einzugreifen . Rohan hielt wieder die Urne des Schicksals in den Händen . » Erkennst du in dem schneeweißen Rundkragen dort , dem ansehnlichen Herrn , der vor der Herzogin scharwenzelt , unsern alten Schulkameraden Waser von Zürich ? « unterbrach Fausch den stürmischen Gedankenflug des Hauptmanns . » Seine Manschetten sind so sauber und schmuck wie vordem sein Schulheft im Loch . « » Richtig ! dort steht Waser ! – Was sucht der in Venedig ? « flüsterte Jenatsch . » Da hab ich meine Vermutungen ... Vielleicht hat Zürich irgendeine Rechnung für seine Kompanien im Dienste von San Marco zu ordnen – das ist aber nur Vorwand , sicherlich – und der Fuchs dort hat wohl mehr mit dem französischen Herzog als mit dem geflügelten Löwen zu tun . Das französische Heer , das der Herzog auf das Kriegstheater führen wird , sammelt sich , sagt man , im Elsaß und er kann es nur über den Boden der protestantischen Kantone nach Bünden bringen . Die Herren von Zürich aber berühmen sich , ihre Neutralität zwischen Frankreich und Österreich streng und peinlich aufrechtzuhalten ... Nur durch einen unvorhergesehenen raschen Durchbruch könnte sie vorübergehend perturbiert und die scharfsichtigste Wachsamkeit betrogen werden . Dieses jeder Vorsicht der zürcherischen Regenten spottende Ereignis kartet ihr braver Kanzler dort mit dem Herzog ab . « » Vortrefflich ! « sagte Jenatsch , den Degen umschnallend , » aber nun zu unserm Geschäft ! « Er zog Brieftasche und Beutel hervor . » Diese zweihundert Zechinen sind dein , Fausch « , und er steckte ihm eine Rolle zu , » für Gaul und Harnisch . Meine übrige dalmatische Beute – hier ist sie in Briefschaften und Gold – bring mir bei dem Wechsler a Marca in Sicherheit . Ich hoffe die Bleidächer zu vermeiden ; aber es ist gut auf alles gefaßt zu sein . Addio . « Fausch ergriff mit Wärme die dargebotene Hand und sagte : » Lebe wohl Jürg , du mein Stolz . « Drittes Kapitel Drittes Kapitel Auch der Hauptmann trat durch die Pforte der Maria gloriosa . Er sah sich mit einem schnellen Blicke um , und wandte sich dann