« Der Kastellan gehorchte und trug die Bürde herbei , die er an den Grabstein lehnte . » Jetzt tue auf das Tor und öffne es weit ! Alles Volk trete ein und sehe und höre ! « Da wälzte sich der Strom durch die Pforte und füllte den Raum . Die Höflinge scharten sich um den Kaiser , Alkuin und Graciosus unter ihnen , während die Menge Kopf an Kopf stand und selbst Tor und Mauer erklomm , ein dichter und schweigender Kreis , in dessen Mitte die Gestalt des Kaisers ragte , in langem blauen Mantel , mit strahlenden Augen . Neben ihm Stemma und ihr Kind . Vor den dreien stand Wulfrin und sprach , den Blick fest und ungeteilt auf Stemma geheftet : » Jetzt richte mich ! « » Gedulde dich ! « sagte sie . » Erst rede ich von dieser « , und sie wies auf die entseelte Faustine , die mit gebrochenen Augen und hangenden Armen an der Gruft saß . » Räter « , sprach sie und es wurde die tiefste Stille , » ihr kennet jene dort ! Sie hat unter euch gewandelt als eine Rechtschaffene , wofür ihr sie hieltet . Nun ist ihr Mund verschlossen , sonst riefe er : Ihr irret euch in mir ! Ich bin eine Sünderin . Ich , die das Kind eines andern im Schoße barg , habe den Mann gemordet . « – » Frau « , schrie Wulfrin ungeduldig , » was bedeutet die Magd ! Mich laß reden , meinen Frevel richte , damit ein Ende werde ! « » Nun denn ! Aber zuerst , Wulfrin – nicht wahr , wenn diese hier « – sie zeigte Palma – » nicht das Kind deines Vaters , nicht deine Schwester , sondern eine andere und Fremde wäre , dein Frevel zerfiele in sich selbst ? « » Frau , Frau ! « stammelte er . » Kaiser und Räter « , rief Stemma mit gewaltiger Stimme , » ich habe getan wie Faustine . Auch ich war das Weib eines Toten ! Auch ich habe den Gatten ermordet ! Die Herrin ist wie die Eigene . Hört ! Nicht ein Tropfen Blutes ist diesen zweien gemeinsam ! « Sie streckte den Arm scheidend zwischen Wulfrin und Palma . » Hört ! hört ! Kein Tropfen gleichen Blutes fließt in diesem Mann und in diesem Weibe ! Zweifelt ihr ? Ich stelle euch einen Zeugen . Palma novella , das Kind Stemmas und Peregrins des Klerikers , hat das Geheimnis meiner Tat belauscht . Sie glaubt daran und stirbt darauf , daß ich wahr rede . Gib Zeugnis , Palma ! « Aller Augen richteten sich auf das Mädchen , das mit gesenktem Haupte dastand . Palma bewegte die Lippen . » Lauter ! « befahl die Richterin . Jetzt sprach Palma hörbar den Vers der Messe : » Concepit in iniquitatibus me mater mea ... « Da glaubte das Volk und entsetzte sich und stürzte auf die Kniee und murmelte : » Miserere mei ! « Wulfrin streckte die Arme und rief gen Himmel : » Ich danke dir , daß ich nicht gefrevelt habe ! « Karl aber trat zu Palma und hüllte sie in seinen Mantel . » Nun richte du , Kaiser ! « sprach Stemma . » Richte dich selbst ! « antwortete Karl . » Nicht ich « , sagte sie , wendete sich zu dem Volke und rief : » Gottesurteil ! Wollt ihr Gottesurteil ? « Es redete , es rief , es dröhnte : » Gottesurteil ! « Da sprach die Richterin feierlich : » Erstorbenes Gift , erstorbene Tat ! Lebendige Tat , lebendiges Gift ! « und hatte den Kristall aus dem Busen gehoben und geleert . Eine Weile stand sie , dann tat sie einen Schritt und einen zweiten wankenden gegen Wulfrin . » Sei stark ! « seufzte sie und brach zusammen . Rudio neigte sich über die Tote , hob sie auf seine Arme und trug sie zu Faustinen . Dort saß sie am Grabe , die Hörige aber neigte sich und legte das Antlitz in den Schoß der Herrin . Jetzt enthüllte der Kaiser das Mädchen , das einen jammervollen Blick nach der Mutter warf , faltete die Hände und gebot : » Oremus pro magna peccatrice ! « Alles Volk betete . Dann sagte er mit milder Stimme : » Was wird aus diesem Kinde ? Ich ziehe nicht , bis ich es weiß . Wie rätst du , Alkuin ? « » Sie tue die Gelübde ! « riet der Abt . » Ehe sie gelebt hat ? « schrie Wulfrin angstvoll . » Dann weiß ich ein anderes . Graciosus « – der Abt hielt ihn an der Hand – » dieser hier , ein frommer Jüngling , hat ein Wohlgefallen an der Ärmsten – « » Herr Abt « , unterbrach ihn der aufgeregte Gnadenreich , » das geht über Menschenkraft . Mir graut vor dem Kinde der Mörderin . Alle guten Geister loben Gott den Herrn ! « Wulfrin sprang in die Mitte . » Kaiser und ihr alle « , rief er , » mein ist Palma novella ! « Da redete Karl : » Sohn Wulfs , du freiest das Kind seiner Mörderin ? Überwindest du die Dämonen ? « » Ich ersticke sie in meinen Armen ! Hilf , Kaiser , daß ich sie überwältige ! « Karl hieß das Mädchen knieen und legte ihr die Hände auf das Haupt . » Waise ! Ich bin dir an Vaters Statt ! Begrabe , die deine Mutter war ! Dieser folge mir ins Feld ! Gott entscheide ! Kehrt er zurück und stößt er ins Horn , so freue dich , Palma novella , fülle den Becher und vollende den Spruch ! Dann entzündet Rudio die Brautfackel und schleudert sie in das Gebälke von Malmort ! «