Schale zwei verschiedene Briefe , ein umfängliches Schreiben und ein leicht zu verbergendes Briefchen . Lucrezia ließ einen schnellen Blick auf ihre Überschriften fallen . Es war die schön fließende Handschrift Bembos und auf dem kleinen Briefchen – Lucrezia erschrak zu Tode – das feine Frauenschriftchen Cäsar Borgias . Sie ließ beides in ihren weiten weißen Ärmel gleiten , und da Angela sie mit ängstlicher Frage anblickte , legte sie , Schweigen fordernd , den Finger an den Mund . Die Frauen traten auf den Balkon hinaus und erblickten in dem engen Hofe auf dem Schafott ganz nahe unter sich die beiden Brüder . Das Schneegestöber hatte aufgehört und ein lichter Abendhimmel blickte von hoch oben zwischen Mauern und Türmen herab . Das wimmernde Glöcklein schwieg , und Herkules Strozzi , der zwischen dem mit beiden Händen auf den eisernen Korb des Balkons sich stützenden Herzog und Lucrezia stand , begann das Urteil mit völliger Gedankenlosigkeit vorzulesen . Denn das wunderbare Weib an seiner Seite zitterte unerklärlich unter der weißen Wolle und ihre blassen und doch feurigen Augen schauten groß und geisterhaft unter der Kapuze hervor . Er empfand jene seltsame Angst , welche die Begleiterin der höchsten Leidenschaft ist . Während er die Begnadigungsformel verlas , welche die Todesstrafe in ewigen Kerker verwandelt , und die also beginnt : » Die Hoheit , aus der Fülle ihrer Macht und zugleich aus dem Born ihrer Gnade schöpfend ... « erhoben die Begnadigten ihre Häupter und schickten sich an , dem Herzog zu danken . Don Ferrante hatte sich mit verändertem Entschlusse würdig in schwarzen Samt gekleidet , und seine Züge , frei von den Zuckungen und Verzerrungen , die sie zu entstellen pflegten , waren ernst und gelassen . » Ich danke dir , Bruder Herzog « , begann er , » aber ich nehme deine Gnade nicht an . Ich habe mein Leben stets verabscheut ; warum , weiß ich nicht . Und da ich es nicht liebte , habe ich es mißbraucht und mich und andere verachtet . Überall , wohin ich darin zurückblicke , sehe ich nichts als törichte Larven , Hohlheit , Neid und Nichtigkeit ... nirgends eine reinliche Stapfe , wo Erinnerung den Fuß hinsetzen könnte , ohne ihn zu beschmutzen ! Ich fürchte mich vor dem Leben , das du mir schenkst ! Und ich sehne mich , meines Ichs und seiner Angst ledig zu sein . – Lebet wohl , Brüder ! « Er zog eine kleine mit flüssigem Gift gefüllte Phiole , die er sich mit Gold für alle Fälle erkauft hatte , aus dem Busen und zerdrückte sie zwischen den Zähnen , bevor ihn jemand daran hindern konnte . Er stürzte rücklings nieder und begann schmerzlich zu röcheln . Während der erschrockene Pater Mamette sich über den schon Entseelten beugte , brachten die Scharfrichter einen der bereit gehaltenen Särge , der Mönch bettete den Toten hinein , und sie trugen ihn weg . Der Blinde war ganz allein auf dem Blutgerüste stehen geblieben und weinte , denn er hatte gehört und erraten , was vorging . Dann wandte er das Haupt nach der Zinne , wo seine Begnadigung verkündigt worden war , hinauf zu dem schweigenden Don Alfonso , den er dort vermutete : » Herzog , ich bin dankbarer für das Leben . Nicht wie Don Ferrante vergelt ich deine Gabe ! Ich habe den Reichtum meines Daseins wie ein Unsinniger verschwendet . Nun ich blind bin und unter die Ärmsten der Armen gehöre , schätze ich das Almosen und halte es teuer . Ich bin von den Reichen zu den Armen gegangen . Ich bin gestürzt und an der andern Seite der Kluft emporgeklommen , welche die Genießenden und Satten der Erde von den Hungrigen und Durstenden trennt . Die Freude und ihre Genossen habe ich verlassen – ich gehe zu den Leidensbrüdern . Ja , redlich leiden und dulden will ich und darum dank ich für das neue Leben ! « – Da richtete der Herzog fast gütig das Wort an seinen blinden Bruder : » Ich habe nicht alles begriffen , was Ihr geredet habt , Don Giulio ; aber ich entnehme daraus , daß Ihr leben und Euch bessern wollt . Das ist ebenso verständig , als christlich . So reut es mich nicht , daß ich Euch begnadigt habe . « Und er gab das Zeichen , den Este in sein Gefängnis zurückzuführen , das im Eckturme eines andern Hofes lag . Er hatte noch nicht geendet , so verließ Donna Angela , die unter einer leichten schwarzen Halbmaske der Begnadigung beigewohnt hatte , auf fliegenden Sohlen die römische Kammer , um , über Gänge und Stiegen eilend , ihr abgelegenes Turmgemach zu erreichen . Unter ihrem Erker mußte der Gefangene vorbeigeführt werden , und dort pflegte sie duftende Rosen . Davon brach sie die schönste und öffnete leise das Fenster . Jetzt kam er mit Pater Mamette , der ihn an der Hand führte . Sie warf ihm die Rose zu . » Da fliegt eine rote Rose auf Euch nieder « , sagte der Franziskaner , indem er sie geschickt auffing und dem Blinden überreichte . » Eine Güte Gottes begleitet Euch ins Gefängnis ! « – und als der Blinde nach der falschen Seite hin sich verbeugte : » Nach rechts , Herrlichkeit ! Die Blume fiel vom Fenster der Prinzessin Angela . « Da winkte Don Giulio mit beiden Armen empor und rief : » Ich grüße dich , geliebtes Unglück ! « – Auf dem Balkon des Urteils hatte während der Rede Don Alfonsos Lucrezia mit feinen Fingern den Brief Don Cesares geöffnet und in verborgener Eile gelesen . Er lautet ehrgeizig und unheimlich fromm : » Schwester , vernimm , daß es nach so vielen Widerwärtigkeiten Gott unserm Herrn gefallen hat , mich aus dem Kerker zu ziehen . Möge diese herrliche Gnade zu seiner größeren Ehre gedeihen ! Ich strebe nach allem und verzweifle an nichts . Sende