Lucile naiv belustigt . » Oder waren Sie nie in Berlin ? « » Da bin ich gewesen . « » Nun , dann ist es undenkbar , daß Sie Mama nicht kennen sollten ! Die berühmte erste Tänzerin , Manon Fournier – « » So ? ! « schnitt die junge Frau lakonisch die lebhafte Rede ab und rollte ihre Arbeit zusammen . » Ich besuche sehr selten das Theater , « fügte sie gedehnt und trocken hinzu – eine leichte Röte war in ihre Wangen getreten , und ihre Augen vermieden es , die Sprechende anzusehen . Sie stand auf und ging nach dem bereits hergerichteten Teetisch , der inmitten des Zimmers unter der Ampel stand und mit seinem eleganten Geschirr in dem niederfließenden Licht blitzte und flimmerte . » Himmel , wie lang ! « sagte Luciles weitgeöffneter erstaunter Blick , mit welchem sie die lautlos dahingleitende , schmale Gestalt verfolgte . Das bequeme , staubfarbene Hauskleid schlotterte über der flachen Büste und dem stark vorgeneigten Rücken und fiel als lange Schleppe weich auf den Teppich ... Aber trotz ihrer häßlich langen Arme , ihrer nachlässig müden Haltung , waltete die junge Frau doch mit vornehmer Grazie am Teetisch . Sie entzündete den Spiritus unter der silbernen Maschine , musterte mit kritischem Blick die drei Tassen , die aufgestellt waren , und maß voll peinlicher Sorgfalt die Teeportionen ab ... Kein Blick fiel mehr auf das junge Mädchen , das , mit der versöhnten Minka spielend , dennoch aufmerksam das Tun und Walten der jungen Frau beobachtete . » Zu Hause ist das mein Amt , « plauderte sie . » Alle Welt lobt meinen Tee ; nur Baron Schilling hat mir immer das Leben schwer gemacht – er ist der verwöhnteste Teetrinker , den ich kenne . « Jetzt fuhr der gesenkte blonde Kopf wie mit einem Ruck empor – es war , als spanne sich jeder Muskel dieser scheinbar gleichgültigen Frau in atemlosem Aufhorchen . » Mein Mann ist im Hause Ihrer Mutter aus und ein gegangen ? « » Oh , sehr viel ! – Wissen Sie das nicht ? – Felix sagte immer , er mache als Maler seine Studien in Mamas Salon . Wir sehen sehr häufig hübsche interessante Frauen bei uns ... Er hat ja auch die Mama gemalt – « » Er hat die Tänzerin Fournier gemalt , sagen Sie ? – « Dem jungen Mädchen ging plötzlich ein Licht auf . Die Frau dort sprach mit einer Stimme , als koche es in ihrer eingesunkenen Brust – und mit welcher schneidenden Mißachtung sie die » Tänzerin Fournier « betonte ! ... Dabei klirrte das Geschirr unter ihren lebendig gewordenen , überschlanken Händen , als solle es samt und sonders im nächsten Augenblicke auf den Boden rollen ... Wie , diese lange , häßliche Person unterstand sich auch noch , eifersüchtig zu sein ? – Wie die meisten gefeierten , schönen jungen Mädchen , war Lucile erbittert gegen die Unschönen , die sich anmaßten , gleichberechtigt zu sein . Ihre großen Augen schillerten plötzlich im entschiedensten Grün – das Sprühteufelchen der Bosheit glühte drin auf . Sie erhob sich , strich lächelnd ihr Kleid glatt und trat dem Teetisch um einige Schritt näher , eine Bewegung , die die Baronin sofort in ihre krankhaft gebeugte , und dabei doch so unnahbare Haltung zurücksinken machte . » Ist es denn gar so verwunderlich , daß Baron Schilling eine schöne Frau gemalt hat ? « fragte Lucile zurück , und hinter den grausam lächelnden Lippen blinkten die kleinen , spitzen Perlzähnchen . » Man sagt , es sei Rasse in Mamas Erscheinung – sie ist weder verschwommen blond , noch lang und dürr in ihren Formen . Sie hat das reichste schwarze Haar , das sich denken läßt , und die Linien ihrer Schultern und Arme sind berühmt unter den Künstlern ... Baron von Schilling hat sie nicht in einer ihrer Rollen , sondern als Desdemona gemalt – es ist geradezu sinnberückend , wie der weiße Atlas von der einen Schulter gleitet , wie der Arm sich von der Harfe hebt . « Sie hielt einen Moment inne – ihr fiel gerade ein , wie verächtlich hingeworfen die Skizzenmappe zu den Füßen der » gnädigen Frau « gelegen hatte . – » Baron Schilling malt sehr schön , « fügte sie hinzu , und ihre Augen strahlten triumphierend auf ; denn über die graubleichen Wangen dort jagte fortwährend die Röte inneren Aufruhrs hin . – » Professor W. sagt von ihm , er habe den Dilettanten längst hinter sich – er sei ein bedeutendes Talent und werde sich einen großen Namen machen . « Die Baronin hatte sich währenddessen auf einen hinter ihr stehenden Stuhl gleiten lassen . Die Rechte über die Augen gelegt , und mit der Linken den Ellbogen stützend , lehnte sie sich schweigend zurück ... Sie war ohne Zweifel eine eigensinnige , nervöse Natur ; vielleicht als einziges Kind vom Vater , und im Hinblick auf ihren dereinstigen Reichtum auch von den Klosterschwestern verwöhnt und verhätschelt ... Lucile , im Vollgefühl ihrer Schönheit und Jugendkraft , musterte feindselig den schmallippigen Mund , der nicht zu lächeln verstand , diese zusammengeschmiegte , grämliches Nachsinnen und Grübeln verratende Stellung , das fleischentblößte Gelenk des langen Armes , das so spitz und wachsbleich aus dem unaufhörlich zitternden Spitzenvolant des Ärmels ragte ... Was hatte diese völlig Reizlose in der Welt zu suchen ? Sie hätte getrost im Kloster bleiben und Nonne werden sollen ... Das eingetretene Schweigen war ein erdrückendes . Man hörte das Summen und Singen der Teemaschine und gedämpft den jetzt draußen niederrauschenden Gewitterregen ... Lucile nahm ihren Platz nicht wieder ein ; sie schob die Vorhänge des ihr zunächst liegenden Fensters auseinander , um in die Mauernische zu treten ; sie sah nicht , wie ihr die grauen Augen durch die vorgehaltenen Finger in kaum zu bemeisternder Erbitterung nachstarrten , wie der Fuß der schweigenden Frau ungeduldig den