Wortlos stieg Lilli in den Wagen . Sie hatte das dumpfe Gefühl , als sei plötzlich ein unübersehbares Unglück in ihr Leben hereingebrochen und als habe sie eine Schuld , schwärzer als die Nacht , auf ihre Seele genommen . – Die sogenannte grüne Stube , ein sehr großes Eckzimmer mit sechs Fenstern im Hause der Hofrätin , steckte Jahr aus Jahr ein hinter festgeschlossenen Jalousien und zugeriegelten Türen . Zu des alten Erich Zeiten hatte dieser Raum sehr oft großen Glanz gesehen . Die deckenhohen Wandspiegel hatten majestätische Frauengestalten mit turmhoher Frisur und brocatener Schleppe und jene pomphaften , aus Atlas , Tressen und Spitzen zusammengesetzten Männertoiletten zurückgeworfen , und der sauber eingelegte Fußboden wußte von mancher Menuett zu erzählen , die auf hohen Stöckelschuhen von den Honoratioren der Stadt in aller Feierlichkeit und Grandezza hier getanzt worden war . Nur zweimal im Jahr wurden jetzt die Fensterladen auf wenige Tage zurückgeschlagen , und wer Tante Bärbchens Gewohnheiten kannte , der wußte dann , daß sie eine jener großen Gesellschaften beabsichtige , zu denen ihre sämmtlichen Freunde eingeladen wurden . Zu Sauer ’ s und Dortens Erstaunen wurde in diesem Sommer der Befehl zum Auslüften der grünen Stube bei weitem früher gegeben , als seit vielen Jahren herkömmlich war . Diese Abschweifung von der Regel hatte aber lediglich ihren Grund in Lilli ’ s „ fortgesetzter Kopfhängerei “ , wie sich die Hofrätin ausdrückte . Es war für Tante Bärbchen etwas ganz Neues , Ungewohntes , dem jungen Mädchen gegenüber auch einmal „ im Finsteren zu tappen “ . Nach zahllosen Muthmaßungen , aber stets mit Umgehung der allein richtigen , war sie schließlich zu der Ueberzeugung gekommen , daß Lilli Heimweh habe , und hatte ihr sofort mit großer Selbstverleugnung die Abreise nach Berlin freigestellt . Aber mit ausbrechender Heftigkeit , die fast ausgesehen wie ein tödtliches Erschrecken , hatte das junge Mädchen den Vorschlag entschieden zurückgewiesen . Von diesem Augenblick an bemühte sie sich mit unsäglicher Anstrengung , heiterer auszusehen , und Tante Bärbchen sann Tag und Nacht darauf , die angeblichen Hirngespinnste im Kopf ihrer Pflegebefohlenen zu zerstreuen . Es waren viele Gäste , alte und junge , zu dem bevorstehenden Souper eingeladen und die Hofrätin hatte bereits einigemal prüfend den Raum überblickt , ob sich neben den Spieltischen der alten Herren und Damen auch noch ein Tanzplatz für die Jugend einrichten lasse . Durch die strenge Abgeschiedenheit von Luft und Licht hatte sich der Salon so ziemlich seine ursprüngliche Frische zu erhalten gewußt . Die Vergoldung der zierlich geschnitzten Holzleisten an den Wänden blinkte lebhaft unter den neugierig hereinhuschenden Sonnenstrahlen , und das mythologische Plafondgemälde zeigte noch dieselben feurigen Fleischtöne an den Gestalten , wie sie längst gebrochene Augen ehemals entzückt hatten . Nur einige weibliche Pastellportraits , die eine unkundige tactlose Hand an den Wänden des harmonisch im Renaissancestil gehaltenen Raumes aufgehangen , hatten erblaßte Lippen und Wangen und die einst carmoisinschimmernde Umhüllung der häßlichen , ungebührlich kurzen Taillen war schmutzig-fahl geworden . In dem Kamin brannte trotz der Sommerhitze ein helles Feuer ; es sollte die letzten Ueberreste der dumpfen Luft verzehren . Noch standen inmitten des Zimmers die provisorisch hereingeschobenen Möbel aus dem Pavillon , und die geflüchteten Oelgemälde lehnten an den Wänden ; sie sollten nach Tante Bärbchens Beschluß endlich hier ihren Platz finden , weil der Großvater Erich für dieses Zimmer stets eine große Vorliebe , gezeigt hatte . Die Hofrätin und Lilli säuberten und wuschen vorsichtig die Bilder , und Sauer , der eben von einem Geschäftsgang nach der Stadt zurückkehrte , sollte sie aufhängen . [ 486 ] Er trat mit einer gewissen Feierlichkeit in ’ s Zimmer . Lilli kannte die Eigentümlichkeiten des alten Menschen genau und erkannte augenblicklich an dem Ausdruck seines breiten Gesichts , daß er eine wichtige Neuigkeit mit heimgebracht habe . Er rückte einen der hochbeinigen , ungepolsterten Eichenstühle an die Wand und indem er scheinbar prüfend die Stelle besah , wo das größte Bild hängen sollte , sagte er , ohne den Blick wegzuwenden : „ Die Frau Hofrätin können froh sein , Sie kriegen nun wieder Ruhe … Der da drüben , “ – er wagte nie , den Namen des Nachbars vor den Ohren seiner Herrin laut werden zu lassen – „ ja , der da drüben geht morgen fort , in die weite Welt und gar über ’ s Meer ; seine Siebensachen stehen schon fix und fertig gepackt . … Der Kutscher erzählte es beim Bäcker , wo ich die Torten bestellte . “ Lilli lehnte das Bild des Orestes , das sie eben in den Händen hielt , stillschweigend an die Wand , über ihre fest aufeinander gepreßten Lippen kam kein Laut . Sie schritt nach der Tür , fast mit den Geberden und Bewegungen des Nachtwandlers , den eine dämonische Macht vorwärts treibt . Die hohe Eichentür fiel hinter ihr schwer in ’ s Schloß , aber weder die Hofrätin , noch der alte Sauer bemerkten es . Die Erstere nahm die Neuigkeit mit einem scheinbar gleichgültigen „ So “ entgegen und wandte das Gesicht auf einen Moment nach den Fenstern , während der alte Sauer mit zitternden Knieen auf den Stuhl stieg . Die Pastellgemälde wurden von der Wand genommen und Sauer hing das Orestesbild versuchsweise an einen der alten , gelockerten Nägel , allein die Last war zu schwer . Kaum hatte er die Hände entfernt , als das Bild herabstürzte ; durch einen ungeschickten Rettungsversuch Sauer ’ s fiel es sehr unglücklich , es wurde gegen den Kaminsims geschleudert und blieb dort an einer spitz hervorragenden Verzierung hängen , doch nicht der Rahmen , man hörte das feine , scharfe Geräusch der mürben , zerreißenden Leinwand . „ Na , aber das nehm ’ Er mir nicht übel , Sauer , Er ist doch zu ungeschickt ! “ rief die Hofrätin erzürnt . Sauer verließ erschrocken den Stuhl und nahm das Bild herab ; über das Gesicht des Orestes liefen zolllange Risse nach