Popanz zu erblicken . Sie beschloß daher , dem Befehl ihres Herrn untreu zu werden und den Schreckensort zu meiden . Die wohlerwogenen Gründe , die jener hatte , ihr Aufmerksamkeit auf Alles , was vorging , zu em ­ pfehlen , vermochte sie nicht einzusehen und so begab sie sich , nachdem Leuthold in die Fabrik gegangen , wieder hinauf in ihre eigenen Gemächer . Hartwich lag nun allein , in Angstschweiß gebadet , auf seinem heißen Lager . Langsam schlichen die Mi ­ nuten hin , von Viertel- zu Viertelstunde mußten ihm Nachrichten über Ernestinens Zustand gebracht werden ; sie lauteten immer gleich . Doch plötzlich nach Ver ­ lauf einer Stunde kam Rieke eilig herein : „ Gnädiger Herr , “ rief sie , „ Ernestine ist aufgewacht und verlangt nach einem Buche , aber wir können gar nicht erraten , was sie für eines meint , sie spricht so undeut ­ lich , und was wir ihr bringen , ist ihr nicht recht . Was soll man denn da machen ? “ „ Einen Knecht in die Stadt schicken und alle Kinderbücher holen lassen , die es dort zu kaufen gibt , — dem Kinde soll es an nichts fehlen — hört Ihr ? an nichts ! Hat sie nicht von mir geredet ? “ „ Ach nein “ — entgegnete die Magd . „ Sie ist ja gar nicht recht bei sich — sie jammert nur immer um ihr Buch ! “ „ Nun so schafft nur rasch herbei , was sie will — nur rasch ! “ Die Magd ging hinaus und der Kranke brütete wieder einsam vor sich hin . Es ängstigte und quälte ihn grenzenlos , daß Ernestine etwas wünsche , was erst in einigen Stunden zu bekommen war . Nach einiger Zeit klingelte er der Wärterin wieder und er ­ hielt den Bericht , daß die Kleine noch immer nach einem Buche verlange . Der Kranke ward immer un ­ ruhiger und begehrte endlich die Nähe des Chirurgen , der noch bei Ernestinen war . „ Lederer , “ rief er diesem entgegen , als er ein ­ trat , „ laß Er mir zur Ader ! Weiß Er noch ? Das tat mir damals so gut . “ „ Ei bei Leibe nicht , gnädiger Herr ! “ rief Lederer , „ das darf ich nicht ohne ärztliche Verordnung und scheint mir ja auch gar keine Ursache zu einem so ge ­ waltsamen Mittel vorhanden zu sein ! “ „ Was weiß Er ! “ fuhr ihn Hartwich zornig an , „ ich fühle , daß es nötig ist , sag ’ ich Ihm . Das klopft und bohrt in meinem Kopfe . Er muß mir Blut lassen , wenn mich der Schlag nicht zum zweiten Male treffen soll ! “ „ Ach gnädiger Herr , Sie machen sich gewiß unnütze Sorgen , “ jammerte der Barbier , „ haben Sie doch nur Mitleid mit mir armen , abhängigen Manne , ich darf mir bei einem Kranken , wie Sie sind , keine solche Eigenmächtigkeit erlauben — ich wollte es ja sonst gern tun ! Gedulden Sie sich doch nur , bis der Geheimerat wieder kommt ! “ „ Er ist ein nichtsnutziger feiger Wicht “ — schrie Hartwich in überschäumender Wut . „ Ums Himmels willen , gnädiger Herr , beruhigen Sie sich nur “ — unterbrach ihn der Chirurg er ­ schrocken : „ Ich will Ihnen ja gehorchen , — aber ich habe mein Verbandzeug nicht da — ich muß erst nach Hause gehen und es holen . Bis dahin kommt viel ­ leicht auch der Herr Geheimerat wieder ! “ „ So geh ’ Er , “ murmelte Hartwich , den seine Heftigkeit schon wieder reute , aus Angst , er habe damit die Gefahr seines Zustandes erhöht . „ Aber richte Er mich erst noch auf ! Ach , wenn ich nur mit den Füßen aus dem Bette könnte , es würde mir gewiß leichter . Versuch Er es doch , ob ’ s nicht geht , — ziehe Er die steifen Klötze einmal heraus . — So recht — so recht . Es geht schwer . Ach , wer hölzerne Beine hat , ist doch viel glücklicher daran , — Stelzfüße kann man abschnallen , aber der Gelähmte muß die toten schweren Glieder immer an sich hängen haben ! — ’ s ist ein Hundeleben und ich hätte nichts dagegen , wenn ’ s ein Ende nähme , — aber nur nicht jetzt , bevor ich meine Schuldigkeit getan . Geh ’ Er nur , Lederer , und komm Er bald wieder . “ Der Barbier hatte ihm so weit herausgeholfen , daß er aufrecht , im Bette saß und die lahmen Füße auf einem Schemel stehen hatte . Er sah sich im Zimmer um und gewahrte Ernestinens Buch , das noch aufgeschlagen auf dem Tische lag . „ Was ist das ? “ fragte er . Lederer reichte es ihm . Er blätterte darin . Plötzlich verklärte sich sein Gesicht : „ Das ist am Ende das Buch , nach dem Ernestine verlangt ! Gewiß hat ihr ’ s gestern in der Gesellschaft Jemand geschenkt . Du lieber Gott — jetzt verstehe ich , warum sich das arme Würmchen noch so spät zu mir geschlichen — es wollte bei meiner Lampe lesen ! — Ach — und hat das unschuldige Vergnügen so furchtbar büßen müssen ! Geh ’ Er schnell hinüber , guter Lederer , und bring ’ Er ’ s dem Kinde . — Die Rieke soll mir dann berichten , was es gesagt hat und — nicht wahr — Er holt dann gleich das Verbandzeug ? “ — „ Ja wohl , gnädiger Herr , empfehle mich ganz gehor ­ samst ! “ sagte Lederer und eilte mit dem Buche hinaus . Eine Uhr schlug Neun . Hartwich seufzte tief . „ Erst Neun — da kann es noch eine Stunde