Jahre waren seitdem vergangen , und wieder färbte der Herbst die Blätter rot ; allüberall in der Altmark , und nicht zum wenigsten in dem Städtchen Arendsee , dessen endlos lange Straße , zugleich seine einzige , nach links hin aus Häusern und Gärten , nach rechts hin aus Klostergebäuden und zwischenliegenden Heckenzäunen bestand . Hinter einem dieser Heckenzäune , der abwechselnd von Dorn und Liguster gebildet wurde , ließ sich ein auf Säulen ruhender Kreuzgang erkennen , in dessen quadratischer Mitte der Klosterkirchhof lag , wild und verwahrlost , aber in seiner Verwahrlosung nur um so schöner . Einige hoch aufgemauerte Grabsteine schimmerten aus allerlei Herbstesblumen und dichtem Grase hervor , die meisten aber versteckten sich im Schatten alter Birnbäume , deren ungestützte Zweige mit ihrer Last bis tief zu Boden hingen . Vorüberziehende Fremde würden sich des Bildes gefreut haben , das eben jetzt , bei niedergehender Sonne , von absonderer Schönheit war ; ein paar Arendseesche Bürger aber , Handwerker und Ackersleute zugleich , die mit ihrem Gespann vom Felde hereinkamen , achteten des wohlbekannten Anblicks nicht und hielten erst , als sie schon dreißig Schritt über den Heckenzaun hinaus waren und an der andern Seite der Straße dreier hochbepackter Wagen ansichtig wurden , die hier , vor einer alten Ausspannung mit tiefer Einfahrt , den ohnehin schmalen Weg beinah versperrten . » Süh , Kersten , doa sinn se all . Awers hüt wahrd et nix mihr . « » Nei , hüt nich . Un weet ' st all , Hanne , se speelen joa nicht blot mihr mit Zocken un Puppen . Se kümmen joa nu sülwer ' rut . « » Joa ; so hebb ick ' t ook hürt . Richt ' ge Minschen ... Jott , wat man nich allens erlewen deiht ! « Und damit gingen sie vorüber , weiter in die Stadt hinein . Und es war so , wie die beiden Ackerbürger gesagt hatten . Puppenspieler , die , wie ' s dazumalen aufkam , ihre Puppen zeitweilig im Kasten ließen und an Stelle derselben in eigener Person auftraten , waren an eben jenem Nachmittag in das Städtchen gekommen und hatten sich ' s in der Ausspannung , vor der ihre Wagen hielten , bequem gemacht . Da saßen sie jetzt zu vier um den Tisch der großen Schenkstube herum , ihrem Aufputz und ihrer Redeweise nach oberdeutsches Volk , und vertaten das Geld , das ihnen der Salzwedelsche Michaelismarkt eingebracht hatte . Denn von daher kamen sie . Zwei derselben alte Bekannte von uns . Der Schwarzhaarige , mit einer Narbe quer über der Stirn , war derselbe , den wir an jenem hellen Julivormittag , an dem unsere Geschichte begann , an der Emrentz Fenster vorüber seinen Umritt hatten machen sehn , und der neben ihm , ja , das mußte , wenn nicht alles täuschte , der Hagre , Schlackerbeinige mit dem weißen Hemd und der hohen Filzmütze sein , der bei Tage die Pauke gerührt und am Abend , in seinem hölzernen Abbild wenigstens , den Polizeischergen des » Jüngsten Gerichtes « gemacht hatte . Ja , sie waren es wirklich , dieselben fahrenden Leute , denn eben erschien auch die große stattliche Frau , die damals , in halb spanisch , halb türkischem Aufzug , als dritte zwischen ihnen zu Pferde gesessen . Auch heute war sie verwunderlich genug gekleidet , trug aber , statt des langen schwarzen Schleiers mit den Goldsternchen , ein scharlachrotes Manteltuch , das sie , voll Majestät und nach Art eines Krönungsmantels , um ihre Schultern gelegt hatte . » Ach , Zenobia « , riefen alle und rückten zusammen , um ihr am Tische Platz zu machen . Mit ihr zugleich war der Wirt eingetreten , ein paar Kannen im Arm , und überbot sich alsbald in Raschheit und Dienstbeflissenheit gegen seine Gäste . Wußt er doch , daß sie mit vollem Beutel kamen und außerdem Freibrief und gutes Zeugnis von aller Welt Obrigkeit aufzuweisen hatten . Und was wollt er mehr ? » Wirt « , rief der Schwarzhaarige , der auch heute wieder die Herrenrolle spielte , » die Salzwedelschen haben mir gefallen . Die drehen den Schilling nicht erst ängstlich um . Zweimal gespielt jeden Tag , erst die Puppen und dann wir selber . Und immer voll , und kein Apfel zur Erde . Ein lustiges Volk ; nicht wahr , Wirt ? Und wie heißt doch der Spruch von den Salzwedelschen ? Ihr kennt ihn ? « » Ei , freilich ; welcher Altmärksche wird den nicht kennen . Ein guter Spruch , und er geht so : De Stendalschen drinken gerne Wien , De Gardeleger wülln Junker sien , De Tangermündschen hebben Mot , De Soltwedler awers , de hebben dat Got . « » Ja , das haben sie , das haben sie « , schrien alle durcheinander , und der Wirt wiederholte seinerseits : » Ein guter Spruch ihr Herren . Bloß daß die Arendseeschen drin vergessen sind . « » Ei , warum vergessen ! Solch Sprüchel ist ja nicht wie ' s Vaterunser , wo nichts zukann und nichts weg . Was ihm fehlt , das machen wir dazu . Könnt Ihr nicht einen Reim machen , Wirt ? Ein Wirt muß alles können , reimen und rechnen . « » Ja , rechnen ! « fiel der Chorus ein . » Ärgert ihn nicht , sonst bringt er ' s nicht zustand . Und ich seh ' s ihm an , daß er dran haspelt . Habt Ihr ' s ? « » Ja ... De Stendalschen drinken gerne Wien ... « » Nein , nein , das nicht . Das ist ja die alte Leier . Wir wollen den neuen Reim hören , den Arendseeschen . « Und so ging es unter Lärmen und Schreien weiter , bis der Wirt eine Pause wahrnahm und in schelmischem Ernst über den Tisch hin deklamierte : » Un