Wir müssen vorher vorbei sein . « Aber der Marmorweg dehnte sich endlos aus . Und plötzlich , dicht bei den Stufen , kam aus einem Nebenarm des Sees , der ganz mit Lotos bedeckt war , der kaiserliche Nachen angeglitten . Er war schon ganz nahe . Andere Boote folgten . Sie waren gefüllt mit Menschen in buntschillernden gestickten Seidenkleidern . » Werft Euch nieder , « befahl der Palastwächter mit zitternder Stimme . Und gleich ihm knieten all die Knaben und berührten den Boden mit der Stirn . Es waren seltsame Boote . Wie schwimmende Pagoden aus feingeschnittenem Holz schienen manche . An den zurückgeschobenen Fenstern der Kajüten spielten rotseidene Vorhänge in der leichten Brise . Man blickte in kleine verschwiegene Räume , die doch viel zu erzählen schienen . Aber die Herrscherin selbst hatte für diesen Tag einen ganz flachen offenen Nachen gewählt , über dessen Rand die hohen Lotosblüten aus dem Wasser noch emporreichten . So fuhr sie in einem Meer von Blumen . Sie saß unter einem gestickten Ehrenschirm , den ein Diener über sie hielt . Hofdamen , mit weiß- und rosagepuderten Wangen und kirschroten Schminkflecken auf der unteren Lippe , umstanden sie , und Palastwächter , in kostbaren Trachten und großen Hüten , schoben das Boot mit langen Stäben im seichten Wasser vorwärts . Die grünen Lotosblätter bogen sich dabei auseinander mit einem Klang von rauschender Seide . Ein geschnitzter Wandschirm , dessen seidene Felder mit Phönixen und Glückssprüchen bestickt waren , stand hinter der Gewaltigen , ein Symbol höchsten Ranges und zugleich ein Schutz gegen jeden heftigeren Windhauch . Die Kaiserin hatte die Knaben am Ufer gewahrt und befahl zu halten . Nun wird sie uns sicher alle köpfen lassen , dachte Tschun . Aber eine tiefe , etwas rauhe Stimme erschallte ganz freundlich vom Wasser und fragte : » Sind das die Knaben von den Dörfern , die heute beim Theaterspiel auftreten sollen ? « Der Palastwächter berührte noch einmal den Boden mit der Stirn und antwortete : » Sie sind es , Lao tsu tung , strafe Deinen unwürdigen Knecht , daß Du sie auf Deinem Wege gefunden . « Doch die Kaiserin sagte ganz behäbig gutmütig : » Mögen die Kinder sich immerhin hier etwas umsehen . Es hat ja mit dem Theater noch mehrere Stunden Zeit . « Und dann befahl sie einem anderen Palastwächter : » Man soll nicht vergessen , ihnen zu essen zu bringen . « Tschun war ganz erstaunt . Er hätte nie gedacht , daß die Gefürchtete so sein könne . Jetzt erst wagte er , sie verstohlen anzusehen . Er sollte sich ja auch alles genau für die Taitai merken . Ja , das päoniengestickte Kleid würde er ihr beschreiben können , die goldenen Nagelfutterale an den gebrechlich dünnen Fingern , die Perlenquasten und Nephritembleme an dem breitausladenden Mandschukopfschmuck ; die Kette dicker Perlen , die nicht wie bei der Taitai um den Hals geschlungen war , sondern an einem Knopf der Jacke hing . - Aber das Gesicht ? Das war viel schwieriger . Es war Tschun , als seien es eigentlich viele Gesichter . Wie ja auch im Tempel die Buddhas der Vergangenheit , Gegenwart und Zukunft verschieden waren , und doch ein und derselbe sein sollten . Trotz ihrer Leutseligkeit hatte sie etwas Beängstigendes . Lag das vielleicht an der gebogenen Adlernase , die Tschun noch in keinem chinesischen Antlitz gesehen ? Nun landete die Erhabene an den Stufen , und die Hofdamen , mit den weiß-rosa Puppengesichtern und den kirschroten Flecken auf den Unterlippen , eilten herbei , so schnell es auf den hohen Mandschusockelschuhen ging , und halfen und stützten mit vielen Verbeugungen und verbindlichem Lächeln . Ein ganzes Gewühl von Bediensteten hatte hier mit Sänften der Ankunft der Boote geharrt . Die Kaiserin bestieg einen gelben offenen Tragstuhl . Acht Palastwächter hoben ihn an langen Stäben empor . Dabei stand zu jeder Seite ein hoher Würdenträger , die Hand auf dem Tragstab ruhend . Hinzwinkernd zu dem auf der Rechten Stehenden , der allein unter allen den roten Knopf und die Pfauenfeder trug , flüsterte Mahan : » Das ist Li lien ying . « Und auch dieser Gefürchtete war für Tschun eigentlich eine Enttäuschung . Er hatte ihn sich gar furchtbar gedacht . Statt dessen war es ein schöner Mann von unendlich höflichen Manieren , der sich mit würdiger Anmut vor der Gebieterin verneigte und ihr , während sie sich zurechtrückte , offenbar Belustigendes erzählte , denn sie lachte ganz laut . Dann begann der ganze Zug sich feierlich in Bewegung zu setzen . Vier Eunuchen der fünften Rangstufe schritten voran ; zwölf der sechsten folgten dem kaiserlichen Tragstuhl . Dann kamen alte Amahs und junge Dienerinnen . Und sie alle trugen der Kaiserin die verschiedensten Gegenstände nach , die sie etwa benötigen konnte : Kämme , Spiegel , Puderbüchsen , gestickte seidene Taschentücher ; schwarze und rote Tinte und gelbes Papier für eilige Edikte ; Zigaretten und die Wasserpfeife , sowie das mit Teeblättern gestopfte Ruhekissen , und auch das Buch , drin sich für jederlei Unternehmen der glückverheißende Tag nachschlagen läßt . Tschun mußte dabei plötzlich an die Taitai denken , die hatte auch immer so viele Dinge , die sie sich gern nachtragen ließ ! - Und noch eine andere Aehnlichkeit entdeckte er : auch die Kaiserin hatte einen Lieblingshund , der schon auf dem Boot bei ihr gewesen war und nun hinterher lief . Tschun hörte , wie sie ihn » Seeotter « rief . Den Schluß bildeten die vielen Hofdamen in roten , kleineren Tragstühlen , und dann kamen noch Männer nachgekeucht , die einen goldgelben Atlassack trugen , aus dem Bambusrohre hervorschauten . Tschun begriff nicht , wozu die wohl sein mochten . So zogen sie alle an den noch immer knienden Knaben vorüber . Die Kaiserin hoch über allen anderen schwebend , wie das schimmernde Idol einer seltsamen Prozession . Sie nickte den Knaben zu und rief lachend