ganz gewiß nicht . Es wurde ihm beim Zuhören unbehaglich zumute , und er hatte Angst , daß seine Frau sich am Ende auf ihn berufen würde . Er schaute verstohlen zu ihr hinüber . Da mußte er sich doch wundern , wie sie in mütterlicher Würde dasaß und ruhig die langen Sätze redete . In den Frauenzimmern steckt etwas Gefährliches . Wer hätte bei seiner Sophie diese Grausamkeit gesucht ? Seit vierundzwanzig Jahren saß sie bescheiden und still an der Kasse von Sporners seligen Erben , in vierundzwanzig Jahren hatte sie ihm nichts genommen von der überlegenen Stellung , die ihm als Chef dieser Firma gebührte , und jetzt saß sie dort auf ihrem Stuhle und zeigte ein so beherrschendes Wesen , daß ihm nachträglich der Schrecken in die Glieder fuhr . Er hätte sich gefreut , wenn dieser junge Mensch sich vor ihrer Hoheit nicht gebeugt hätte . Aber der saß wie betäubt da und brachte nichts heraus , als sein » Ja , Frau Sporner « . Natürlich , so mußte er unterliegen . Jetzt schwieg sie , und Traudel kam in das Zimmer . Papa Sporner war neugierig , ob Sylvester nicht doch noch mit diesem Bundesgenossen einen Gegenangriff versuchen würde . Das Mädel mußte ihm tapfer helfen und sagen , daß sie alle zusammen fröhlich waren , und daß keine böse Zunge das unschuldige Vergnügen stören dürfe . Aber das war nun heute schon so . Niemand kämpfte wider die Macht der Frau Sophie . Der junge Mensch sagte kein Wort , und Traudel stand verlegen mitten im Zimmer ; eine leichte Röte stieg ihr in die Schläfen , und sie machte sich am Tische zu schaffen ; sie räumte einige Teller ab und eilte mit ihnen auffallend rasch hinaus . Nirgends war eine Spur von Mut und Entschlossenheit zu bemerken . Auch Sylvester erhob sich . Seine Stimme klang verschleiert . » Es tut mir so leid , wenn ich Ihnen Verdruß gemacht habe . Grüß Gott , Frau Sporner ! « Jetzt ging er zum Fenster hin . Der Alte gab ihm die Hand , und Sylvester drückte sie kräftig . » Gute Nacht , Herr Sporner , und ... « Der Satz brach ab und wurde durch Händeschütteln ergänzt . So verständlich , daß der Chef der Firma gerührt wurde und beinahe versucht war , den Sieg der Frau Sophie in eine Niederlage zu verwandeln . Aber Sylvester wartete es nicht ab ; er verließ das Zimmer noch rascher als Traudel , und erst auf der Treppe kam er in langsame Gangart . Diesmal ging Elise mit , obgleich man der Ansicht war , daß sie das Tor nicht ordentlich aufsperren könne . Sylvester bemerkte diese Ungeschicklichkeit nicht ; es ging viel rascher , als er dachte . Er blieb sogar noch eine Weile in dem gewölbten Hausgange , als das Tor bereits offen stand . Un dann schritt er zögernd hinaus . Es war alles wie sonst . Die Straße war still und menschenleer ; die Gaslaterne warf ihren Schein auf den fröhlichen Neger , der auch bei Nachtzeiten guten Knaster rauchte und sich an den Kaffeesack lehnte . Und es war empörend , wie vergnügt er lachte , während doch neben ihm ein junger Mann sich an die Mauer lehnte und bitterlich weinte . Neuntes Kapitel Herr Baustätter saß in der geräumigen Stube , die von ihm und Fräulein Lechner Studierzimmer genannt wurde . Neben dem Schreibtische stand eine offene Bücherstellage , und die frommen Gäste des Pfarrers konnten auf derselben einige dicke Folianten bemerken , welche nur von heiligen Dingen handelten . Die Schriften des hl . Thomas von Aquin , » Die Herrlichkeiten Mariä « von Alphons von Liguori , daneben mehrere Gebetbücher und Breviere und an profanen Schriften : » Die Verwaltung des katholischen Pfarramtes « von Stingl , der » Sulzbacher Kalender « und Pfarrer Kneipps Wasserkur . Das war die Bibliothek Baustätters . Auf dem Kanapee lag noch ein großes Buch mit schwerem Einbande , die Geschichte der Heiligen , herausgegeben zu Regensburg Anno 1672 . Es war stark abgenützt , die Messingschließen hingen herunter , einzelne Blätter sahen hervor , und die Ecken waren verbogen . Fremde Besucher konnten glauben , daß der Pfarrer in diesem Buche häufig lese ; Herr Kooperator Sitzberger und Fräulein Lechner jedoch wußten , daß die Schäden von den heftigen Würfen kamen , mit welchen es tags zuvor gegen die Wand geschleudert wurde . Sonst erinnerte nichts mehr an die stürmische Szene . Auch nicht auf dem Antlitze des hochwürdigen Herrn , welcher soeben den Hierangl empfing . » Ich hab ' Sie rufen lassen , « sagte er , » setzen Sie sich , denn wir müssen länger miteinander reden . « » Der Geitner hat ma ' s ausg ' richt ' . Weg ' n der Wahl hat er g ' sagt . « » Ja , auch wegen der Wahl . « » Da möcht ' i Eahna scho glei sag ' n , Herr Pfarrer , daß i am liabern glei gar nix mehr hör ' davo . « » Hierangl , reden können wir ja einmal darüber . « » I mag von die Erlbacher nix mehr wissen . Sollen s ' an Schuller b ' halten , weil s ' n gar so gern hamm . I brauch ' koan Erlbacher , i bin koan was schuldi und brauch ' auf neamd aufz ' passen . Na , i mag vo dera Wahl gar nix mehr hör ' n. « Baustätter hörte ruhig zu und sagte dann : » Sie ärgern sich . Das müssen Sie nicht tun . « » Sie hamm Eahna ' r aa g ' ärgert . « » Ich ? Nein , dazu hab ' ich keinen Grund gehabt . « » Bal der Schuller ... « » Nein , Hierangl . Ich bin Pfarrer und hab ' kein Recht , mich in die Wahlen einzumischen .