noch so scharf rundum spähen , nirgends ein Ausweg . Plötzlich stampfte er mit dem Fuße : » Wer verpflichtet mich denn , mich um sie zu kümmern ? Mag sie bekehrt oder unbekehrt sein , im Sumpf oder im Tümpel waten , wenn sie will , was geht das mich an ? Ich hin doch nicht ihr Beichtvater und Seelsorger . Oder meint sie etwa , ich gäbe Privatstunden in Psychologie ? Viel zuviel Ehre , die ich ihr antat , sie zu ärgern . Aber ehe ich mich jemals wieder um sie bemühe , müßte sie mich erst angelegentlich darum bitten . Einstweilen fahr hin , ich kenne dich nicht . Was ist das - Frau Direktor Wyß ? Lebt das im Wasser oder nistet es auf den Bäumen ? Pickt es Körner oder frißt es Insekten ? Gnädige Frau , haben Sie jemals einen Floh von einem Fingernagel springen sehen ? Genau so springen Sie hiemit aus meinem Gedächtnis . Eins - zwei - drei ! geschehen ; nichts mehr . Pseuda , du bist nicht . « Sprachs , drehte sich auf dem Absatz um und schlug ein Schnippchen . Oh , wie war ihm jetzt leicht , seit er dieses schädliche Geschöpf vergessen hatte ! Ein böser Zahn , den er los war ! Was nun mit der jungen Freiheit beginnen ? Tausend köstliche Möglichkeiten winkten . » Wie wäre es zum Beispiel , wenn wir uns zur Abwechslung einmal in jemand verliebten ? « Ein guter Einfall ! denn seit unvordenklichen Zeiten hatte er diesen kleinen Sirup nicht mehr gekostet ; das ist doch unnatürlich ! Und zwar womöglich in ein ganz untergeordnetes , ungebildetes Geschöpf , damit , wenn sies erfährt ( und in diesem Klatschnest erfährt sies sicher ) , es sie ärgert und demütigt . Also zum Beispiel in eine Kellnerin . Zu diesem Zwecke begab er sich , seinen Widerwillen gegen den Alkohol und dessen Huldinnen überwindend , ins nächste Wirtshaus . Pamela hieß sie , die ihn bediente . Die nötigte er neben seinen Platz und kandierte sie mit Redezucker , indem er nach bewährter Regel die Teile ihres Gesichtes einzeln einmachte . Eine Weile hörte die Pamela schmunzelnd zu , sich behaglich schmiegend wie eine Schnecke unterm lauen Mairegen . Bis sie unversehens rauchend und zischend hinter den Käsekatheder schnurrte , wie eine Katze , der man auf den Schwanz getreten hat . » Dummkopf , alter , ungebildeter ! « keifte ihr Gruß . Ach so , er hatte ihre Perlenzähne gepriesen , und sie besaß gar keine Zähne mehr . Er hatte es nämlich nicht einmal über sich vermocht , sie nur anzusehen . Am drittfolgenden Tage eilte ihm Frau Direktor Wyß freundschaftsstrahlend über die Straße entgegen . Ei sieh , welch eine plötzliche Verwandlung ! Was soll das bedeuten ? » Man darf , scheints , Glück wünschen ! « heuchelte sie , » auf wann die Hochzeit mit der Pamela ? « » Ach , du Verschmitzte ! « - so hatte ers nicht gemeint . Nein , mit der Liebe ging es nicht . Wie er gleich bei seiner Ankunft richtig geahnt hatte : auf diesem Kalkboden wächst keine Liebe . Versuchen wirs mit der Freundschaft . Ein gewisser Andreas Wixel , Archivar , war ihm hiefür besonders empfohlen , deshalb , weil ihn Frau Direktor Wyß nicht ausstehen konnte ; einen scheuledernen Andreas pflegte sie ihn zu nennen . Für diesen Andreas verspürte er jetzt , unbekannterweise , plötzlich eine stürmische Zärtlichkeit , eilte , ihn aufzusuchen , und freundete sich ihm an , ganz gerührt von seinem scheuledernen Anblick . Der Wixel wiederum war gerührt von Viktors jäher Freundschaft , und um den Freundschaftsbund einzuweihen , verabredeten die beiden auf nächsten Sonntagnachmittag einen Ausflug auf die Guggisweid . Von dort stierten sie dann den unendlichen , schauerlichen Sonntagnachmittag auf die Stadt hinunter , zwischen einem kegelnden Turnverein und einer weinerlichen Blechmusik ; Viktor stockstumm , die Blicke auf die Münstergasse geheftet , der Wixel querköpfiges Zeug über den Unterschied von Goethe und Schiller von sich gebend , in unerbittlichem Klavadatsch , daß es einen zum Erbrechen hätte erbarmen mögen . Es half nichts , Pseuda mochte sagen , was sie wollte , er war wirklich ein scheulederner Andreas , der Wixel . Mit der Männerfreundschaft also war es auch nichts . Dann etwas anderes . Theater ? Puh ! was für ein Theater in dieser Stadt ! Überhaupt liebte er nicht das Theater . Vielleicht ein Konzert ? Gut ; versuchen wirs mit einem Konzerte . Aber , o weh , da saß sie in der zweitvordersten Reihe , und mit einem Male tönten alle Instrumente falsch . Auch Besuche wurden ihm verleidet , dadurch , daß man ihm überall von einer gewissen sogenannten Frau Direktor Wyß sprach . » Wissen Sie nichts Neues von Frau Direktor ? « » Wann haben Sie sie das letztemal gesehen ? « und ähnliches . Dann suchte er mühsam an der Zimmerdecke in seiner Erinnerung : » Frau Direktor Wyß ? Wo habe ich doch diesen Namen schon einmal gehört ? « Sogar auf der Straße wurde er angeredet , damit er Nachricht über das Befinden einer Frau Direktor Wyß erteile , die ja doch gar nicht vorhanden war . Nein , er wußte zwar , daß es aufdringliche Weiber gibt , allein eine so unverschämt klebrige , harzige Klette wie diese sogenannte Frau Direktor Wyß hätte er doch nicht für möglich gehalten . O , diese Kleinstadt , wo man beständig über die nämlichen Menschen , oder wenn nicht über die Menschen , doch über ihre Namen stolpert ! Wohin vor dieser unseligen , unvermeidlichen Direktorsgattin sich retten ? Man müßte hinaus , weit hinaus aufs Land flüchten können , wo keine Ziege von ihr weiß . Nun , warum denn nicht ? Wozu ist denn die Eisenbahn da ? Er erinnerte sich , einmal aus ihrem Munde den Ausruf vernommen zu haben