und sagte ihm zuletzt , weil es schon so dunkel sei und das Haus so abgelegen , so möge er sie doch eine Strecke begleiten , und wie er das tat , sagte sie ihm auf dem Wege dasselbe über Karl . Da bekam er einen so wilden Haß auf den , daß er darüber erschrak , denn er hatte ein solches Gefühl noch nicht verspürt , und war es ihm besonders heftig , wenn er Karl lachen sah , denn da hätte er ihn mögen umbringen . Und weil er in diesen Tagen keinen Halt mehr fand in seinem Gebet , so geriet er in Trübsinn und tiefes Unglück , und ihm war , als sei er in einem Tal , aus dem es keinen Ausweg gibt , weil er vorher gemeint , es gebe einen Weg nach oben , der in Wahrheit nicht da war . So geschah es das erstemal , daß er dieses Gefühl hatte , das ja die meisten Menschen durch ihr ganzes Leben begleitet ; sie wissen es sich nur zu verbergen , daß sie es haben , denn wenn sie das nicht täten , so vermöchten sie ja nicht zu leben . Während diese Dinge nun solchergestalt liefen neben den Dingen der Erwachsenen , die meinten , daß ihre Dinge wichtiger seien , spitzte sich in der Heimlichkeit eine andre Sache in Beziehung auf Johanna zu . In Hansens Klasse war ein Schüler , dessen Jahre weit über den Durchschnitt seiner Mitschüler hinausgingen , und der von diesen nicht sonderlich geachtet wurde wegen seines törichten Wesens , denn er ahmte in geckenhafter Weise die Erwachsenen nach in seiner Tracht , Haltung und Benehmen ; so hatte er dem Religionslehrer abgesehen , daß er eine große Silbermünze an der Uhrkette trug , was damals neu und elegant war , und hatte sich einen steifen Hut gekauft , wie die jungen Kaufleute haben , und trug Stege an den Hosen . Sein Vater war ein reicher Gutsbesitzer , der wenige Stunden von der Stadt entfernt wohnte , und von dem erzählt wurde , daß er habsüchtig sei und Geld auf hohe Zinsen ausleihe . Als Hans an einem Morgen in die Klasse kam , sah er , wie dieser Mensch allein auf seinem Platze saß und scheinbar eifrig in einem Buche studierte ; alle seine Nachbarn waren von ihm gewichen , und in einer Ecke des Schulzimmers wurde von einigen heftig gestritten und erzählt ; von denen erfuhr Hans , daß Ecker , denn so hieß jener , bei einem Freunde einen Ring gestohlen habe , der dessen Mutter gehörte ; und diese , in der Meinung , daß ein Dienstbote die Tat begangen , habe der Polizei Nachricht gegeben , und als Ecker den Ring beim Goldschmied zum Verkauf bringen wollte , sei er festgehalten und erkannt worden . Wie der Lehrer in die Klasse trat , gingen alle schnell auf ihre Plätze ; der Lehrer aber rief Ecker an und sagte , es sei bereits Meldung über ihn eingelaufen , und er solle bis auf weiteres aus der Schule bleiben . Da richtete sich Ecker auf mit einem blassen und verzerrten Gesicht , daß alle erschraken , denn sie hatten ihre Blicke auf ihn gewendet , und machte sonderbare Bewegungen mit den Händen und stieg unbeholfen auf die Bank und den Tisch ; und indem noch alle erstaunt waren , was dieses bedeuten solle , da zog er ein Terzerol aus der Tasche , wie es wohl Jungen heimlich für ihr Taschengeld kaufen , setzte sich das auf die Brust , schoß ab und stürzte vornüber auf die Bänke und Tische hin , wo die andern entsetzt wegstoben , ehe sie noch wußten , weshalb sie erschrocken waren . Hans war es , als höre er einen Fall eines schweren Geschirrstückes auf die Erde , denn er hatte die Handbewegung nicht verstanden , und wie Ecker fiel , wußte er noch gar nicht , was das bedeute . Als ihm das aber klar wurde , stieß er einen lauten Schrei aus vor Entsetzen , und nach einer kurzen Weile schrie er nochmals und anhaltend . Viele versammelten sich um ihn , und er wurde nach Hause gebracht . In den nächsten Tagen wurde erzählt , wie alles zusammenhing . Der Tote hatte allabendliche Zusammenkünfte mit Johanna gehabt in der schlechtesten Straße des Städtchens , und hatten sie Leute da zusammen stehen und sprechen sehen . Um diese Liebe hatte der junge Mensch allerhand Ausgaben gemacht , die an sich wohl gering waren , aber doch sein Vermögen überstiegen , und so war er zu dem letzten verzweifelten Streich gekommen . Für Hans war es , als ob er das alles in einem schweren Traum erlebe , bei dem man das Bewußtsein hat , daß doch nichts Wirkliches geschieht , sondern nur Erträumtes , und daß alles wieder in Ordnung ist , wenn man aufwacht . Und kam ihm zwar nicht zu rechter Klarheit , was innerlich bei ihm vorging , aber es ward ihm bewußt , daß alle Neigung zu Johanna plötzlich erloschen war , und ihm geschah , wie wenn ein verschönender Schleier plötzlich von ihrem Gesicht weggenommen war ; so fiel ihm als häßlich auf , daß sie über dem Nasensattel kleine Sommersprossen hatte , die sie vorher ihm besonders liebreizend gemacht , und klang ihm auch ihre Stimme mit einem Male scharf und widerwärtig . Sie besuchte seine Wirtstochter und sprach wieder mit ihm , daß über sie viel gelogen werde , und sie sei jetzt nach jenem Todesfall so allein , deshalb dürfe er sie nicht auch verstoßen . Aber ihm war das alles abscheulich und ganz kalt . Wie oft die Letzten untergehender Geschlechter zeigte Johanna das unheimliche Auftauchen längst vergessener Triebe der Urzeiten , denn nicht gestorben ist ja in uns das Blut unserer Vorväter , die im Steinalter und in der Bronzezeit düstere Höhlen bewohnten und mit bodengesenkten Blicken auf Raub und Vernichtung zogen , und