sie Geschöpfe meiner Phantasie , und ich kann sie vernichten , wann , wo und wie es mir beliebt . Im ersteren Falle aber frage ich : Wer steht höher , sie oder ich ? Sie , die von meinen Fehlern und Sünden leben , oder ich , der ich sie ihnen hinwerfe , um rein und gut zu werden ? Welche Furie darf sich an mich wagen eines Fehlers wegen , den ich nicht mehr habe , weil nun sie ihn zwischen ihren Krallen hält , um sich an ihm zu mästen ? Sie lebt von dem , was mir widerlich geworden ist . Sie steht so unendlich tief unter mir , daß ich es gar nicht hören oder sehen kann , wenn die Knochen meiner Sünden unter ihrem Raubgebisse krachen ! « » Aber andere hören es ! « warf er ein . » Wer ? « fragte ich schnell und kurz . » Doch nur solche , die ebenso tief da unten wohnen . Die werden allerdings einen zähnefletschenden Jubel erheben , darüber , daß ihresgleichen sich abermals am Sündenaase laben kann . Aber jeder Brave , dem es bekannt würde , müßte es anerkennen , daß du nichts mehr von deinen Fehlern wissen willst . Dies letztere müßtest du ihm aber dadurch beweisen , daß du sie nicht etwa verteidigst , sondern sie den Furienkrallen schweigend überlässest . Nun sag , wie hast du dich verhalten ? ! « Da setzte er sich hin , senkte den Kopf , legte die Hände zusammen und antwortete : » Effendi , ich habe mich gewehrt , gegen diese Furien gewehrt , fast bis zum letzten Reste meiner Kraft ! « » So wundere dich nicht darüber , daß sie sogar noch heute Macht über dich besitzen ! Du hast ihnen nicht erlaubt , reine Arbeit zu machen . Ich sage dir : Diese Eumeniden ruhen nicht . Sie werden nicht ohne Ursache mit kralligen Fingern , gifttriefendem Munde und hervorgestreckter Zunge abgebildet . Ihr Gift wird so lange triefen und ihre Zungen werden so lange heraushängen , bis dir der letzte und auch der allerletzte Rest von dem , was nicht hineingehört , aus dem Leibe und aus der Seele gerissen worden ist ! « Da stand er rasch wieder auf , faßte mich am Arme und sagte : » Wie richtig , Effendi ! Oh , du scheinst sie doch zu kennen ! Weißt du , was so eine Furie that ? Nein , du kannst es nicht wissen , nicht einmal ahnen ! Du wirst es für unmöglich halten , aber es ist die volle Wahrheit ; du kannst es mir glauben ! Als diese Eumenide meine sogenannten öffentlichen Fehler öffentlich verzehrt hatte , war sie noch nicht satt . Sie begann nun auch nach heimlichen Sünden zu suchen . Sie war so unvorsichtig , Briefe zu schreiben , in denen sie fragte , ob man vielleicht etwas gegen mich wisse . Man brachte mir solche Briefe . Wenn ich sie nicht gesehen und gelesen hätte , so würde ich heut wahrscheinlich glauben , daß es gar keine Furien gebe . Du siehst also , daß sie nicht bloß mythologische Gestalten , sondern noch jetzt lebende Wesen sind ! Schatten , die unhörbar leise hinter meinem Rücken schleichen , um sogar die verborgensten Bewegungen meines Lebens aufzufangen , damit man sie selbst trotz ihrer Dunkelheit für reine , lichte Wesen halte ! - Glaubst du , was ich dir da erzählte , Effendi ? « Er wartete meine Antwort gar nicht ab , sondern fuhr fort : » Du hast gelächelt , und jetzt lachst du gar ! Und zwar so eigentümlich ! Warum ? Du machst mich aufmerksam ! Solltest vielleicht auch du - - du - - - du - - - - ? Doch nein ! In deinem frommen Christenlande kann es ja niemals solche Furien geben ! Denn , würde eine entdeckt , so müßte sich die ganze Christenheit , die volle Priesterschaft an ihrer Spitze , erheben , um entrüstet nachzuweisen , daß ihre Liebes- , Gnaden- und Verzeihungsreligion unmöglich Eumeniden dulden kann ! Verzeihe mir ! Verzeihe mir im Namen deiner Christenheit , daß mir auch nur der Gedanke hieran kommen konnte ! Ich sehe zu meinem Erstaunen , daß ich noch Schatten werfe , sogar auf dein geliebtes Abendland hinüber ! « » Beruhige dich ! « bat ich ihn . » Der König des Schattenlandes , von welchem dein Märchen erzählte , hat Unterthanen überall . Auch bei uns ! Doch , will ein solcher Schatten einmal zur Furie werden , so behandeln wir ihn anders , als du deine Eumeniden behandelt hast . Wir lassen ihn sein trauriges Werk vollenden . Wir stören ihn nicht . Es ist ja doch wohl mehr als Strafe genug für ihn , daß er es thut ! Wir sagen ihm sogar noch Dank dafür , jedoch nur öffentlich , selbst wenn er heimlich wirkt . Du siehst , wir haben sogar für die Furien nur Liebe und Verstand ! Wir Christen wissen nur zu gut : Es kommt die Zeit , in der die Schatten schwinden . Was dann aus ihnen wird , das wissen wir zwar nicht , doch sagt das heilige Buch : Ihre Werke folgen ihnen nach ! Und ich , ich möchte dereinst mit solchen Werken nichts zu thun haben . Ich habe mit den Menschen , selbst mit solchen Furien , nachsichtig zu sein , weil ich wünsche , daß Gott dann , wenn es sich um meine Abrechnung handelt , auch gnädig mit mir sein möge ! « Da sagte er in plötzlich ganz anderem Tone : » Du sprichst von einem Wir . Etwa mit Ueberzeugung , Effendi ? Spielen wir Komödie miteinander ? Denken und handeln wirklich alle Christen so , wie du mit diesem Wir mich glauben machen willst ? « » Komödie ? « fragte ich . » Wer hat damit