, Übersatten , der organisierte Besitz der Besitzenden hatten über die Besitzlosen , Hungernden , Nachgiebigen eine Sklaverei verhängt , der sie sich nicht entziehen konnten . Die Sklaverei der schwachen , zur Überanstrengung gezwungenen Leiber der Schlechtgenährten , der Angesteckten , der Krankgeborenen , der Widerstandsunfähigen , der jungen Kinder erzeugte jene Summe des Jammers , von dem die Welt widerhallte , und nun kam im ärztlichen Gewande der Unsinn geschritten und wollte mit Messer und Gift heilen , was durch Hunger und Überbürdung , durch Auspressung des Blutes und des Schweißes so krank geworden , daß es nicht mehr um Heilung , sondern um den Tod flehte . » Die Erhaltung des Lebens ist unser erstes Gebot , « sprach der Arzt , und es klang so menschenfreundlich , so tröstlich , so hoffnungsvoll . Aber der Kranke bat : » Lassen Sie mich sterben ! Wär ich nur schon vorher gestorben ! Sie wissen nicht , was mein Leben ist ! « Nein , er wußte es nicht , und er wollte es auch nicht wissen , der grundgelehrte , ausgezeichnete , geistreiche Arzt , die Leuchte der Wissenschaft . Er hatte ja die Wissenschaft zu pflegen , ihr heiliges Feuer zu unterhalten , er fühlte sich als Diener und Beherrscher der Göttin Wissenschaft . Mit dem Leben hatte er nichts zu tun . Um das Leben konnte er sich nicht bekümmern , dazu ließ ihm sein Beruf nicht Zeit . Oh , wie er ihn liebte , seinen Beruf . Er hatte eine wundervolle , eine epochemachende Erfindung gemacht in seiner Spezialität . Nur in den speziellsten Grenzen der Spezialität durfte man hoffen , etwas zu leisten . Er hielt sie noch geheim , seine Erfindung , denn bis jetzt waren die Versuchsobjekte leider fast unmittelbar nach der Operation gestorben . Aber er würde so lange versuchen , bis es ihm glückte , einmal einen einige Wochen am Leben zu erhalten , und dann würde er hervortreten . Das Material wuchs ja immer nach . Ihm winkte Berühmtheit . Ein Weltruf . - - Josefine beobachtete , grübelte und litt . Sah dies denn niemand als sie ? Fühlte denn niemand den Frevel , den Jammer , den Unsinn als sie allein ? Sie sahen alle so zufrieden aus , diese Professoren , diese Operateure , diese Assistenzärzte , diese Schwestern , diese Wärter und Wärterinnen . Sie wandelten einher mit Wichtigkeit und Würde . » Der neue Operationssaal - ist er nicht wundervoll ? Nichts als Glas und Eisen ! Diese Instrumentenschränke , diese prachtvollen vernickelten Löffelserien , um aus tiefliegenden Abscessen die Materie herauszulöffeln , diese spiegelblanken Knochensägen , diese Häkchen und Haken , die Zängelchen und Zangen , diese interessanten krummen Nadeln zum Vernähen der Wunden , diese Hunderte und Hunderte von Messerchen , Lanzetten , Messern ! Diese sinnreichen und hübschen Apparate zum Auskochen der Instrumente , zum Auskochen der Tücher , diese Reihen von Chloroformmasken , von Gummischürzen für die Ärzte , von Waschvorrichtungen für die blutbespritzten Hände , von in jeder Richtung beweglichen und zusammenklappbaren Operationstischen ! « Mithausfraulichem Stolz zeigten die Schwestern diese Schätze , zeigten sie in ihrer zierlichen Anordnung , ihrer Nützlichkeit , Unentbehrlichkeit , in ihrem Silberglanz , in ihrer gefälligen , das Auge erfreuenden Form . Welche eine Summe von menschlicher Tätigkeit steckte in diesen Instrumentensammlungen ! Welch eine Summe menschlicher Intelligenz und Energie war auf die Erfindung und Herstellung dieses ganzen ungeheuren Spitalapparats verwendet worden ! Und wofür das alles ? Wozu ? Wer so fragte , erhielt prompte Antwort ! Man führte ihn vor die scheußlichen Wunden der Arbeit , zeigte ihm die Phosphornekrose der Phosphorarbeiter , die an der langsamen Fäulnis der Kieferknochen durch das Gift zugrunde gehen . Man zeigte ihm die quecksilbervergifteten Spiegelarbeiter , die bleivergifteten , in unheilbaren Blödsinn verfallenen Maler , die rhachitischen Kinder , die in feuchten Kellern feinste Gewebe und Spitzen weben mußten , damit der feine Faden nicht bräche , die aus Mangel und schlechter Ernährung der Tuberkulose Verfallenen , mit verzehrten Lungen oder mit abgesägten Gliedern . Man führte die Fragenden zu den Opfern der Maschinen , zu den von den Zahnrädern Gepackten , von den Transmissionen Umhergeschleuderten , von den Dampfhämmern Zerschlagenen , von den giftigen Gasen Erstickten , von den elektrischen Strömen Verbrannten , von feuerflüssigem Metall Verbrühten . » Für diese ! Für diese ! « - Kann das möglich sein ? dachte Josefine schaudernd . Kann es sein , daß dies die Ordnung ist ? daß dies unabänderlich ist ? Dieser Frevel , dieser Jammer , dieser Unsinn - ist er unabänderlich ? Und ihr durch eigenes Leben fein gewordenes Ohr vernahm den nie verstummenden Hilfeschrei aus der Tiefe : » Ihr da oben , die ihr die Luft und die Sonne zumesset und verteilt , die ihr das Brot , das uns ernährt , zumesset und verteilt , die ihr die Kleider , die unsere Blöße decken , zumesset und verteilt : Hilfe ! Hilfe ! Hilfe ! Laßt uns atmen ! Laßt uns essen ! Laßt uns nicht erfrieren ! Die Arbeit , die ihr uns aufgeladen , und deren Früchte ihr uns aus den Händen nehmt , die Arbeit geht über unsere Kräfte ! Sie zerquetscht uns ! Sie vergiftet uns ! Sie zerreißt uns ! Wir sind erschöpft . Wir erkranken leicht . Wir leben nur halb so lang wie ihr . Unsere Kleinen schon verkümmern im eintönigen Erwerb um den Bissen Brot . Und immer steht der Hunger vor der Tür ! « - - - Und die Antwort ? O , auch die Antwort hörte Josefine . » Es ist nichts zu tun , nichts zu ändern . Gott hat gewollt , daß es sei , wie es ist . Kein einzelner von uns vermag ihm in den Arm zu fallen . Die Entwicklung der Menschheit geht über Blut und Leichen . Die Industrie verlangt ihre Hekatomben , aber darum dürfen wir ihre Entfaltung