angeschlossen als je . Aus ihren ehelichen Enttäuschungen machte sie dieser ihrer besten Freundin gegenüber kein Geheimnis , aber sie teilte sich mit , ohne dabei in Klagen auszubrechen . Glücklich war sie freilich nicht - aber auch nicht unglücklich . Das große Los hatte sie nicht gezogen in der Heiratslotterie - aber die Niete machte sie nicht zur Bettlerin . Die Selbstvorwürfe , mit welchen Martha sich quälte , suchte sie zu verscheuchen ; sie lud alle Schuld auf sich , auf ihre eigensinnige Verblendung - nichts , nicht einmal die mütterliche Autorität , hatte sie von ihrem , durch närrische Verliebtheit befestigten Entschluß abbringen können - und dafür war sie jetzt gestraft . Aber was weiter ? Gibt es nicht Tausende von Frauen , die früher oder später mit ihren Männern auch in solches Stadium gegenseitiger Gleichgültigkeit geraten ? Und unzählige Mädchen , die gar nicht heiraten und dabei doch Genuß am Leben finden ? Übrigens - so philosophierte sie weiter - ist denn auch Genuß und ungetrübtes Glück etwas , worauf jeder berechtigten Anspruch erheben dürfe ? Warum sollte gerade ihr ein Paradies erschlossen werden , wo so viele auf Erden ein Fegefeuer , gar manche sogar eine Hölle finden ? Man muß sich bescheiden mit dem , was man hat ; und wahrlich , sie hatte gar viel : eine herrliche Mutter , einen teuren Bruder , geistige Mitwirkung an den Lebensaufgaben dieser beiden - dazu Gesundheit , Reichtum , Rang . - » Nein , nein , Mutter , bedauere mich nicht ! « So wußte sie Martha stets zu trösten , wenn diese über die zu rasche Einwilligung in die Heirat ihrer Tochter in Selbstanklagen ausbrach . Als Sylvia die Schriftzüge auf der Adresse des Berliner Briefes erkannte , erblaßte sie . » Von wem denn ? « fragte Anton über seine Zeitung hinüber . Er las den Sportbericht im » Neuen Wiener Tagblatt « . » Von Hugo Bresser ... er will auf kurze Zeit hierherkommen ... Das wird seinen Vater freuen - « » Du , sag ' mir : ist euer Hausfreund , der alte Bresser , nicht etwa ein getaufter Jud ' ? « » Mag sein - ich weiß nicht . « » Also vielleicht gar ungetauft ? « » Das sicher nicht - aber warum fragst Du ? Was wäre denn weiter ? « » O , ich mag die Juden nicht - es wird auch von Tag zu Tag mehr mal porté mit Juden zu verkehren . « » Das auch noch ! « seufzte Sylvia im Innern . Es war ihr nichts widerwärtiger , als der in der Gesellschaft und in der Wiener Kleinbürgerschaft überhandnehmende Antisemitismus . Laut sagte sie nur : » Pater Protus denkt da viel weitherziger . « » Ach , der ! Der ist auch so ein Liberaler ... Na ja , ich bin ja auch kein bigotter Duckmäuser ... aber wenn ich schon Priester wäre , so würde ich auch zu den klerikalen Ansichten halten und mich nach meinen Vorgesetzten richten . Im übrigen ist mir das alles egal ... Wird der junge Bresser jetzt im Lande bleiben und sich redlich nähren ? « » Ich sagte Dir - er kommt nur auf kurze Zeit « - sie schob den Brief hinüber : » Lies selber . « Anton machte eine abwehrende Bewegung . » Es interessiert mich nicht ... der ganze Mensch interessiert mich nicht mit seinem sogenannten schriftstellerischen Beruf , von dem sein Vater immer so langes und breites erzählt . « In der Tat : im Hause Tilling war man über die Schicksale des jungen Bresser durch die Mitteilungen des Doktors stets auf dem Laufenden geblieben . Man hatte erfahren , daß sich Hugo in Berlin in die Schriftstellerkreise eingeführt hatte , daß er rastlos produzierte und sowohl mit einem Roman , der in einer angesehenen Rundschau erschienen war , als mit einem Drama , das eben die Runde über sämtliche deutsche Bühnen machte , große Erfolge errungen hatte . » Übrigens , wenn er kommt , « sagte Delnitzky aufstehend , » lad ' ihn zum Essen ein ... Ich geh ' jetzt ... « Sylvia fragte nicht » wohin « - sie nickte einfach » Adieu ! « Allein geblieben , las sie noch ein paarmal die wenigen Zeilen durch . Die Physiognomie der Schrift war es , was sie daran fesselte - denn sie brachte ihr deutlich jenen verbrannten Brief und die - nicht unangenehme - Sensation ins Gedächtnis , welche ihr damals der Brief verursacht hatte . Eigentlich war es eine Kühnheit von dem Bresser , sich jetzt bei ihr anzumelden , als wäre nichts geschehen ... Sollte sie ihn empfangen ? ... ... Warum nicht ? Die Schwärmerei von damals war ja sicherlich vergessen . Sie hatte selbst erfahren , wie die Zeit - eigentlich kurze Zeit - gar tiefe Wandlungen in verliebte Gefühle bringen kann . Und nun gar bei einem jungen Mann - einem gefeierten Autor ... der hatte in Berlin sicher mehr als ein Liebesverhältnis angeknüpft und dachte garnicht mehr an jene wesenlose Episode ... Empfinge sie ihn nicht - den Sohn des alten Hausfreundes - so wäre das auffallend . Und er selber könnte sich ' s auslegen , als fürchte sie sich vor ihm - und wahrlich , das lag ihr fern . So ging sie an ihren Schreibtisch und antwortete : Es werde sie und ihren Mann sehr freuen , Herrn Bresser wiederzusehen und von seinen Erfolgen berichten zu hören . Er möge , damit man gemütlicher plaudern könne , zur Speisestunde , sechs Uhr , kommen , und zwar am nächsten Donnerstag , da erwarte sie auch ihren Bruder , der sich gewiß ebenso freuen würde , ihn zu treffen . Und am nächsten Donnerstag , zehn Minuten vor der angegebenen Stunde , fand sich Hugo Bresser in der Delnitzkyschen Wohnung ein . Das Herz klopfte ihm , als er das Vorzimmer betrat . Ein Diener