geladen hatte , hoch her . Lena war die übermütigste von allen . Sie genoss , völlig harmlos , aber in vollen , durstigen Zügen , was sich ihr bot , Stunden leichtlebigen Genusses , wie sie sie nie zu träumen gewagt . Alles entzückte und berauschte sie . Das rot ausgeschlagene , luxuriös ausgestattete Zimmer , die in Kristall und Silber blitzende Tafel , die kostbaren frischen Blumensträusse , die vor dem Gedeck jeder Dame lagen , das ausgezeichnete Souper , die köstlichen Weine , von denen sie freilich nur zu nippen wagte . Ihr ganzes Leben lang hätte sie so dasitzen mögen , selbst plaudern und dem Geplauder zuhören , den feinen Duft , aus Blumen und exquisiten Speisen gemischt , einatmen und den bethörenden Schmeicheleien zuhören , die ihr Nachbar ihr von Zeit zu Zeit ins Ohr flüsterte . Diese Schmeicheleien ernst zu nehmen , oder gar sich durch sie zu einem wärmeren Gefühl hinreissen zu lassen , daran dachte Lena nicht . Nur lustig wollte sie sein , geniessen und auskosten , was ihr so freigebig geboten ward . Clementine und Elisabeth machten sich heute weidlich über ihre Kollegin lustig . So recht kleinbürgerliche Provinz , das Vergnügen an einem solchen Abend derartig zur Schau zu tragen ! Sie hatten zwar alle drei , Mutter und Töchter , den ganzen Tag auf das Bornstein ' sche Souper hin gehungert , aber um nichts in der Welt hätten sie sich merken lassen , wie gut es ihnen schmeckte , wie behaglich es ihnen nach der häuslichen Misere in dieser luxuriösen Umgebung zu Mute war . Die hagere Frau Oberstleutnant , die heute spitzer und verkümmerter aussah denn je , nahm Lenas und Bornsteins Benehmen ernster als ihre Töchter . Sie hatte sich zwar niemals eingebildet , dass Bornstein Absichten auf Clementine oder Elisabeth habe , aber die so grob zur Schau getragene Verehrung des Bankiers für die kleine Telephonistin , der diese , in ihren Augen wenigstens , mehr als koketten Vorschub leistete , verletzte und empörte sie doch . Ausserdem drohte dieser Fall all ihre ausgeklügelt freisinnigen , gesellschaftlichen Anschauungen jäh über den Haufen zu werfen . Das Benehmen der beiden war einfach skandalös bürgerlich . So inkorrekt hätte sich ein Mann von Adel , ein Mädchen der Aristokratie nie betragen . Was aber konnte man schliesslich erwarten von einem jungen Menschen , dessen Grossvater noch hinter dem Ladentisch eines Materialwaarengeschäfts gestanden hatte , und einem Mädchen von Gott weiss welcher Abkunft , aus Gott weiss welchem märkischen oder mecklenburgischen Nest , dessen Name als Geburts-oder Sterbestätte niemals im Gothaer vermerkt gewesen war , noch mutmasslich jemals darin vermerkt sein würde ! Schliesslich aber beschloss die Frau Oberstleutnant doch gute Miene zum bösen Spiel zu machen , schon um Kurts willen , der es in keinem Fall mit Bornstein verderben durfte . Sie mochte gar nicht an die Misere denken , die wieder über sie hereinbrechen würde , wenn Bornstein eines Tages Kurt den Kredit , den er ihm so freigebig gewährte , wieder entziehen würde . Erst lange nach Anbruch des neuen Jahres wurde die Tafelrunde in dem roten Zimmer aufgehoben . Kurt , der unbesonnener Weise in Uniform erschienen war , hatte sich nicht mit Unrecht geweigert , in der ersten Stunde nach Mitternacht die Damen durch die Friedrichstadt zu begleiten . Rempeleien mit Zivilisten waren seine Sache nicht . Er war im Grunde viel zu aristokratisch bequem , um nicht gern jedem Anlass zu Unannehmlichkeiten oder Streit aus dem Wege zu gehen - nicht nur in der Sylvesternacht . An der Leipziger- und Friedrichstrassen-Ecke trennte man sich . Kurt bestieg mit seinen Damen den letzten Pferdebahnwagen nach dem Westen , Bornstein begleitete Lena nach Hause . Bornstein hatte eigentlich von diesem Heimweg in Anbetracht der animierten Stimmung , in der sie sich beide befanden , mehr erwartet . Trotzdem man , wie auf stillschweigendes Uebereinkommen , den Weg lang genug ausdehnte , gelang es Bornstein nicht , mit Lena über das Mass des Herkömmlichen hinauszukommen . So übermütig sie sich auch den ganzen Abend mit ihm gezeigt hatte , sobald sie allein mit ihm war , zog sie , sich selbst vielleicht unbewusst , eine Grenze , über die selbst ein Bornstein sich nicht hinauswagte . Verwünscht , wie viel von der Dame in diesen beiden Mädchen steckte ! Na , nur nicht gleich den Mut verloren . Was nicht war , konnte ja am Ende werden . Als er zum so und sovielten Male vor der Zimmerstrasse Kehrt machen wollte , erklärte Lena sehr entschieden , totmüde zu sein und nach Haus zu wollen . Erst als er ganz ehrlich kummervoll noch um ein paar Minuten bat , da er morgen auf mehrere Tage von Berlin fort müsse , liess sie sich erweichen und schlenderte noch ein Weilchen neben ihm her . » Wo müssen Sie denn hin , Herr Bornstein ? « fragte sie schon halb verschlafen . » Nach Dahlow , liebes Fräulein Lena . Ach , ich wünschte , Sie kämen mit ! Es wird zum Sterben langweilig werden . Denken Sie nur , in dem grossen Haus ganz allein mit dem Inspektor ! Nichts wie rechnen und wieder rechnen und bogenlange Berichte entgegennehmen und Belege einsehen und revidieren - Brr . - Wenn die Jagd nicht wäre , möchte man geradezu verrückt werden ! « Lena war bei der Erwähnung von Dahlow wieder munter geworden . Von ihrer Kindheit her , damals als der Vater noch Inspektor auf Gross-Klockow gewesen , hatte sie eine heimliche Liebe für grossen Grundbesitz , natürlich nur , wenn es darauf wie auf einem echten Herrensitz zuging . Für ihr Leben gern hätte sie Dahlow einmal gesehen ; aber sie durfte Bornstein das nicht merken lassen , sonst hätte er sie gleich beim Wort genommen , und es ging doch unmöglich an , dass sie zu ihm nach Dahlow kam . So fragte Lena hauptsächlich nach dem , was ihr das Unverfänglichste erschien