ist fertig , ab und aus . Die Familie läßt mich fallen . Innerlich hatten sie mich längst ausgestoßen , nun stoßen sie mich auch öffentlich von sich . So lebt denn wohl ! Ach , dieser Brief , der mich verfolgt ! » Für dergleichen hirnverbrannte , kostspielige Experimente ist mir mein Geld zu schade , « schreibt Papa . Aber , wenn ich nun geheiratet hätte , nach seinem Willen und Geschmack natürlich , da hätt ' er mir doch eine Mitgift gegeben ! Ist denn eine Heirat nicht auch ein unsicheres Experiment ? hundertmal unsichrer , als die Hingabe an einen selbstgewählten Beruf ? das alles weiß er nicht , das alles kommt ihm nicht nah ! das heißt , wenn ich ein Sohn wäre , statt ein Mädchen zu sein , dann wüßte er das alles , dann verstände er mein Streben . Es giebt freilich auch Söhne , die man verläßt und verleugnet , aber doch nicht aus solchen Gründen , wie bei mir ! - - Lebt wohl ! lebt wohl ! Es thut mir weh , doch ihr verlaßt mich , nicht ich hab ' euch verlassen ! - 5. Oktober . Aber ich bin ja nicht nur das Kind meines Vaters . Ich gehöre ja noch einer größeren Gemeinschaft an , ich habe ja einen Heimatschein , der besagt , daß ich in Hamburg Heimatsrecht habe . Dämmert mir nicht da eine Hoffnung ? ein Licht ? Wenn man so lange schlaflos liegt , alle Abend , da wirbeln und quirlen die Gedanken , die Pläne . Und alles scheint möglich , alles greifbar nah , auch das Abenteuerlichste . Jeden Abend , wenn ich endlich Schlaf finde , sind alle Fragen gelöst , die Sorgen verschwunden , etwas Ausgezeichnetes ist mir eingefallen , ich atme tief auf , wie befreit für immer . Und am Morgen , noch eh ' ich wach bin , liegt es mir wie ein Felsstück auf der Brust , drohend schwer , mit unerbittlicher Wucht drückt es meine Glieder . » Wozu erwachst du ? « flüstert es um mich , » weißt du nicht ? weißt du nicht ? « ein schreckliches Flüstern und Zischeln erhebt sich , - eine Starrheit kommt über mich , - » glaubst du , sie wird untergehen ? glaubst du ' s ? warum nicht ? wer kümmert sich darum ? wieviel gehen unter jeden Tag ? « Jemand zuckt die Achseln , pfeift und lacht höhnisch . Jemand , ein Fremder , ich kenn ' ihn nicht , aber er ist mein Feind , sein kalter Atem ist ' s , der mich in der starren , quälenden Unbeweglichkeit erhält . Hundert verzerrte Fratzengesichter umdrängen mich , eins wächst hervor aus dem andern , alle pfeifen und lachen und grinsen und recken die Zungen gegen mich . Atemlos , keuchend , in Schweiß gebadet , mit ungeheurer Mühe gelingt es mir zuletzt , mich zu bewegen , - wie zerbrochen richt ' ich mich auf , mit zugeschnürter Kehle , eiskalt und zitternd . So beginnt für mich der Tag . Ich kann nicht essen . Jeder Bissen preßt mich , würgt mich , - meine Wirtin sagt : » Sie sind krank . « Nein , das ertrag ich nicht länger , das ist dumm , einfach dumm . Man muß einen Versuch machen , man muß einen der Nachtpläne zu verwirklichen suchen . - - Ich habe schon versucht , aber es scheint , daß all meine Federn nicht schreiben . Sie gleiten ab , schreiben unbrauchbares Gekritzel , - - Bestimmte Worte wollen sie nicht schreiben , ich merk ' es ganz deutlich , woher ihr Sperren kommt ! Ich glaube , sie sind zu hochmütig zur Bitte . Man muß sich schämen , so hochmütige Federn zu haben . Das deutet auf - - Ach nein , es ist ja nicht wahr , ich bin nicht hochmütig ! Ich bin nur ungeschickt . Ich sollte eine Bitte an die Behörde schreiben , an irgend einen Senator bei uns und ihn fragen , ob es nicht irgend eine Staatshülfe für mich giebt . Dazu werde ich doch nicht zu dumm sein ? Es ist ja das Einfachste von der Welt ! Man nimmt einen Bogen Papier und schreibt . Schreibt was ? ...... Ja , mir bleibt kein andrer Weg . Bin ich nicht ein Hamburger Kind ? Giebt es nicht Stipendien für arme Studierende ? Bin ich nicht arm genug ? Ich werde ihnen alles schildern und alles beilegen : meine Studienausweise , mein Aufnahmezeugnis an der Zürcher Universität , die Zeugnisse über meine Befähigung zur Matura . Und ich werde herzlich bitten : » Verhelfen Sie mir zur Matura , zur Vollendung meiner Studien , zur Promotion . Ich werde alles zurückzahlen , wenn es mir möglich ist . Ich habe den dringenden Wunsch , etwas Nützliches zu leisten , ich werde meiner Vaterstadt keine Unehre machen , ich fühle die Kräfte in mir , etwas für andere zu sein . « Ist das zu stolz gesprochen ? darf ich mir das nicht getrauen ? Ist die Bitte unbescheiden ? Die Stadt ist ja reich , voller Wohlthätigkeitsanstalten , voller Stiftungen . » Leben und leben lassen « , das ist der Hamburger Wahlspruch . Eine große hülfbereite Gutmütigkeit geht durch alle Klassen . Humor blüht überall , auf den Straßen sogar , im dichten Menschengewühl . Wir sind ja auch eine Republik , der einzelne Bürger steht nicht so weit vom Zentrum wie in den monarchischen Staaten . Freilich , ich , - bin ich eine Bürgerin ? Gehöre ich irgend wohin ? Dumme Frage ! Laut Heimatschein ist meine engere Heimat Hamburg , meine weitere das deutsche Reich . Das mächtige deutsche Reich ist mein Vaterland . Wenn meine Familie mir die Mittel versagt , meinem erwählten Beruf zu folgen , dann kann ich mich an meine Heimat wenden , an