sie denn am Morgen , als Viktor im Begriff stand , auf sein Bureau zu gehen , in lässigem Tone : Du kommst heut nicht so spät nach Haus ? Warum ? Ich habe den Professor Winter gebeten , Dir einen Besuch zu machen , und möchte natürlich gern , daß er Dich zu Haus fände . Viktor ließ den Thürgriff , den er bereits in der Hand hielt , wieder los . Du hast den Mann gebeten , mir einen Besuch zu machen ? » Uns « wäre richtiger gewesen , obgleich mir hauptsächlich daran gelegen ist , daß Du ihn empfängst . Ich sehe ihn ja beinahe alle Tage . Ich beneide Dich nicht darum ; aber was soll ich mit dem Menschen ? Viktor war zu ihr an den Kaffeetisch zurück gekommen mit dem finstern Blick , wenn ihm etwas gegen den Willen ging , und den sie in diesem Falle erwartet hatte . So sah sie denn freundlich von ihrer Tasse zu ihm empor und sagte ruhig , trotzdem ihr das Herz heftig schlug : Ich kann Dich versichern , ich hätte es sehr viel lieber nicht gethan . Aber - setz ' Dich doch noch ein wenig hin ! es ist gut , wenn wir uns darüber aussprechen - es ging nicht anders . Ich bin mit dem Mann bei Sudenburgs jetzt so oft zusammen ; er ist wirklich für einen Menschen seines Standes so übel nicht ; und wenn ich mit meiner Rolle reüssiere - woran Dir denn doch auch gelegen ist - verdanke ich es nur , oder doch beinahe nur ihm . Wir verdanken ihm alle viel und geben uns natürlich Mühe , höflich und artig gegen ihn zu sein . Bei Sudenburgs geht er aus und ein ; während der ersten Proben ist er zweimal bei Meerheims gewesen ; und Frau von Breitenbach - ich sagte Dir ja wohl schon , daß Lotte Breitenbach in dem zweiten Stück mitspielt - hat ihn sofort gebeten , einen Besuch bei ihnen zu machen ; und Du weißt , daß gerade Breitenbachs sehr wählerisch sind . Nur bei uns ist er noch nicht gewesen , und gerade da wäre es am nötigsten , weil Du an unsern Abenden nicht zugegen bist . Ich habe auch wahrhaftig Besseres zu thun . Gewiß ! und so bin ich nicht weiter in Dich gedrungen , was mich nachträglich sehr gereut , denn Du hättest es doch wohl mir zuliebe gethan , und ich wäre aus der Verlegenheit . Es ist und bleibt eine für eine Dame , wenn sie dergleichen Geschichten mitmacht , ohne von ihrem Mann , oder wenigstens einem Bruder , einer Schwester oder Mutter begleitet zu sein . Alle die andern sind in der glücklichen Lage : Stephanie , Adele , Lotte Breitenbach , alle , nur ich nicht . Es sieht immer so aus , als ob man seinem Manne weggelaufen und unter die Komödianten gegangen ist . Das mag ich nicht . Wenn ich nur einsehen könnte , was dadurch besser wird , daß der Mann mich , meinetwegen uns besucht ! Du bist doch sonst in solchen Dingen so feinfühlig ! Dadurch , daß Du ihn in Deinem Hause empfängt , giebst Du mir die Legitimation , mit ihm in andern Häusern zu verkehren , die ich ohne das nicht habe . Aber der Mensch ist mir gründlich fatal ! Du hast ihn ja nur einmal gesehen . Mir war das gerade genug . Und was ich von Fernau über ihn gehört habe - Was kannst Du gehört haben ? Was ich lieber nicht wiederhole . Und gerade deshalb muß ich darauf bestehen , daß Du es sagst . Übrigens , wenn Du nicht willst - ich kann es Dir sagen : der Professor erdreistet sich , mich schön zu finden . Etwas der Art. Worüber sich lustig zu machen , Fernau doch zu allerletzt ein Recht hätte . Wer in einem Glashause wohnt , soll nicht mit Steinen werfen . Fernau ist mein bester Freund . Als ob es nicht immer die besten Freunde wären , über deren Betragen die Ehemänner am sorgfältigsten wachen sollten ! Du willst doch nicht sagen - Genau nicht mehr , als ich gesagt habe . Nur noch dies , da wir einmal bei dem Thema sind : gerade Fernaus wegen wünsche ich und muß ich wünschen , daß Du Herrn Professor Winter empfängst . Du bist völlig lächerlich mit Deiner Furcht vor Fernau . Ich fürchte mich vor Fernau nicht ; aber ich habe ein Recht , von Dir zu verlangen , daß Du mich gegen seine Spöttereien und hämischen Insinuationen in Schutz nimmst . Du kannst es in diesem Falle leicht , wenn Du mir meine Bitte gewährst . Schön ! ich werde den Herrn empfangen . Ich danke Dir im voraus . Unter der Bedingung , daß die Sache keine weiteren Konsequenzen hat . Ich wüßte nicht , welche . Mit seinem Besuche und einer Karte , die Du hinterher bei ihm abgiebst - Auch das noch ! Na , meinetwegen . Wann , hast Du ihm gesagt , daß ich zu Hause bin ? Vier Uhr - Deine gewöhnliche Zeit . Also , adieu ! Adieu ! Zwölftes Kapitel Es fehlten nur noch wenige Minuten an vier , und er würde gewiß pünktlich kommen , während Viktor nicht wohl vor ein viertel fünf da sein konnte . Sie saß in einem Fauteuil ihres Salons , auf dem Tischchen neben sich ein geöffnetes Buch , das sie in dem Augenblicke , wo es draußen klingelte , ergreifen konnte . Noch kurz vorher war das Arrangement ein anderes gewesen . Sie hatte eine Näharbeit in der Hand gehabt , und vor ihr auf dem Teppich hatte Liesbeth , ihr » Zeigekind « gespielt . Aber sie fürchtete , man könnte die Absicht merken ; oder die Bonne würde im ungeeigneten Moment hereinplatzen , Liesbeth zu holen ; oder die Kleine möchte anfangen zu