ist erst 18. Wohin soll das am Ende führen ? « Drei Tage nach Empfang antwortete Manon . Berlin , 12. Januar Mein lieber Leo ! Habe Dank für Deine Zeilen , die mich herzlich erfreut haben , weil sie so ganz Du selbst waren . Deine Karte , glücklicherweise couvertiert , kam zugleich mit einem Briefe von Sophie . Da sah man so recht den Unterschied . Sophie immer , ich möchte sagen , Palette in Hand , immer künstlerisch , immer gefühlvoll und immer dankbar . Namentlich dies letztere läßt sich Dir nicht vorwerfen . Dein älterer Bruder ( und der bessere dazu ) macht Dir den Hof , und Du bespöttelst ihn . Ei , ei ; poggenpuhlsch ist das jedenfalls nicht . Die Poggenpuhls sind pietätvoll . Ich glaube , Dein Hang zu kleinen Spöttereien und Überheblichkeiten fliegt Dir so an , ist Umgangseinfluß oder , was dasselbe sagen Will , eine Folge des Tons , dem Du im Hause der pompösen Esther oder der » Pomposissima « , wie Du schreibst , begegnest . Ich kenne diesen Ton auch von Bartensteins her , wiewohl diese selbst nicht daran teilnehmen und verlegen werden , wenn er überhaupt angeschlagen wird . Daß dies geschieht , können aber freilich selbst Bartensteins nicht verhüten , denn sie haben , bei der eigentümlichen Zusammensetzung ihrer Gesellschaft , das Spiel nie ganz in der Hand . Um nur eins zu nennen , die Verwandtschaft , die sich allsonntäglich bei ihnen versammelt , ist immer wie aus zwei Welten : der eine Onkel war vielleicht dreißig Jahre lang in London oder Paris , der andre dreißig Jahre lang in Schrimm . Und das macht denn doch einen Unterschied . Ich sprach von Umgangseinfluß . Er ist da ; seine Macht verspür ich an mir selbst , und wenn ich Therese ansehe , so bestätigt sich mir dieser Einfluß , von der andern Seite her , wie eine Probe aufs Exempel . Therese , wenn auch manches an ihr anders sein könnte , weiß doch jederzeit , was sich schickt , und das verdankt sie der Wilhelmstraßenluft , in der sie nun mal lebt . Ich weiß nicht , in welcher Straße Esther wohnt ( vielleicht auch in einer Wilhelmstraße ) , nur das weiß ich , daß es in der unsrigen keine Pomposissimas gibt . Ich muß mich hier unterbrechen . Eben hat es geklingelt , und aus dem Korridorgespräch , das Friederike führt , hab ich gehört , daß Flora gekommen und bei der Mama eingetreten ist . Sie wird mich einladen wollen . Über das vorstehende Thema nächstens mehr . Deine ganze Zukunft , soviel wird mir immer klarer , dreht sich um die Frage : Esther oder Flora . Flora , Gott sei Dank , ist blond , sogar hellrotblond . Lebe wohl . In alter Liebe Deine Manon Berlin , 15. Januar Lieber Leo ! Du hast meinen zweiten Brief , der den ersten vervollständigen sollte , gar nicht abgewartet und mir umgehend geantwortet . Das ist sehr liebenswürdig , aber leider auch ängstlich , und wenn schon die bloße Raschheit der Erwiderung etwas Mich-besorgt-Machendes hatte , so mehr noch die einzelnen Wendungen Deines Briefs . Ich will doch nicht fürchten , daß die Einladung zum 8. abends , von der Du auf Deiner Karte schriebst , verhängnisvoll für Dich geworden ist . Ich weiß , daß dunkler Teint Dir immer gefährlich war . Und Esther ! Es ist merkwürdig , daß manchem Namen etwas wie eine mystische Macht innewohnt , eine Art geistiges Fluidum , das in rätselhafter Weise weiterwirkt . Raffe Dich auf , sei stärker , als Ahasverus war ( ich meine den Perserkönig ) , der auch der Macht der Esther erlag . Eben habe ich Deine Zeilen noch einmal überflogen und wieder den Eindruck davon gehabt , als hättest Du Dich bereits engagiert . Ist dem so , so weiß ich sehr wohl , daß die Welt darüber nicht zugrunde gehen wird , aber mit Deiner Karriere ist es dann vorbei . Denn in der Provinz , und speziell in Deiner Provinz , ist das religiöse Gefühl - oder , wie sie bei Bartensteins immer sagen , das » Konfessionelle « ( sie wählen gern solche sonderbar verschränkten Ausdrücke ) - von viel eigensinnigerem Charakter , und der Übertritt wird von den Eltern einfach verweigert werden . In diesem Falle bliebe Dir also nur Standesamt , ein , so aufgeklärt ich bin , mir geradezu schrecklicher Gedanke . Solch ein Schritt würde Dich nicht nur von der Armee , sondern , was mehr sagen will , auch von der » Gesellschaft « ausschließen , und Du würdest von da ab in der Welt umherirren müssen , fremd , abgewiesen , ruhelos . Und da hätten wir dann den andern Ahasverus . Tu uns das nicht an . Therese würd es nicht überleben . Deine Manon Berlin , 18. Januar Mein lieber Leo ! Gott sei Dank . Nun kann noch alles gut werden . Du glaubst nicht , wie erlöst ich mich fühle , daß dieses Wetter an uns allen und nicht zum wenigsten an Dir selber vorübergegangen ist . Du lachst mich aus über meine Besorgnisse , neckst mich und stellst die Frage , was denn , wenn ' s nun wirklich sich so gestaltet hätte , was denn für ein Unterschied gewesen wäre zwischen den so verpönten Blumenthals und den mit so vielem Empressement empfohlenen Bartensteins . Ja , Du fügst hinzu , Blumenthal führe seit Jahr und Tag den Kommerzienratstitel und solche Staatsapprobation durch eine doch immerhin christliche Behörde sei zwar nicht die Taufe selbst , aber doch nahe daran , und so sei denn Haus Blumenthal dem Hause Bartenstein eigentlich um einen Pas voraus . Ach , lieber Leo , das klingt ganz gut , und als einen Scherz will ich es gelten lassen , aber in Wahrheit liegt es doch anders . Bei Bartensteins war der Kronprinz ,