sollte , ob an Opitzen oder an Lehnert . Ja , liebe Frau Menz , jeder Tat , so steht drin , und daß er aus diesem Grunde beantrage , die Strafe streng zu bemessen , und zweitens auch deshalb , weil er viel Anhang und Zuhörerschaft habe und überall in den Kretschams herumsitze und den Leuten Widersetzlichkeit beibringe , was um so törichter und strafenswerter sei , als er eigentlich einen guten Verstand habe und sehr gut wisse , daß alles , was er so predige , bloß dummes Zeug sei . Er sei ein Verführer für die ganze Gegend , so recht eigentlich , was man einen Aufwiegler nenne , und rede beständig von Freiheit und Amerika und daß es da besser sei als hier , in diesem dummen Lande . Ja , Frau Menz , das alles hat Opitz geschrieben , und am Schlusse hat er auch noch geschrieben , daß man an Lehnert ein Exempel statuieren müsse , damit das Volk mal wieder sähe , daß noch Ordnung und Gesetz und ein Herr im Lande sei . « » Das alles ? « » Ja , Frau Menz , das alles . Denn das weiß ich schon , weil ich öfter so was lese ; wenn er erst mal im Zug ist , dann ist kein Halten mehr , und auf eine Seite mehr oder weniger kommt es ihm dann nicht an , schon weil er eine hübsche Handschrift hat und mitunter zu mir sagt : Nu , Christine , wie gefällt dir das große H ? , und vor allem , weil er gerne so was schreibt von Ordnung und Gesetz und dabei wohl denken mag , so was lesen die Herren gern und halten ihn für einen pflichttreuen Mann . Ja , liebe Frau Menz , so redt er in einem fort zu Haus , und so schreibt er auch , und dann stellt er sich vor meine gute Frau hin und sagt : Sieh , Bärbel , ich bin nur ein kleiner Mann , aber das tut nichts , jeder an seinem Fleck , und das weiß ich , ich sorge darfür , daß die Fundamente bleiben , und bin eine Stütze von Land und Thron . « Christine hätte wohl noch weitergesprochen , aber Lehnert , der schon von früh an oben im Dorf gewesen war , kam eben von Krummhübel zurück , wohin er eine Wagenachse abgeliefert hatte . Christine mocht ihm nicht begegnen , um nicht aufs neue in ein Gespräch verwickelt zu werden , oder vielleicht auch , weil sie die Wirkung der schlimmen Nachricht auf ihn nicht selber sehen wollte . So nahm sie denn ihren Weg über den nach der Waldseite hin gelegenen Brückensteg und kehrte auf einem Umwege und unter Benutzung einiger im Lomnitzbette liegender Steine nach der Försterei zurück . Elftes Kapitel Frau Menz hatte zu schweigen versprochen , aber sie war unfähig , etwas auf der Seele zu behalten , und so wußte Lehnert nach einer Viertelstunde schon , was Christine berichtet hatte . » Laß ihn , er wird nicht weit damit kommen ! « Er sagte das so hin , um die Mutter , so gut es ging , zu beruhigen , in seinem Herzen aber sah es ganz anders aus , und er ging auf das Fenster zu , das er aufriß , um frische Luft einzulassen . Er hatte diesen Ausgang wohl für möglich , aber , bei der Fürsprache drüben , keineswegs für wahrscheinlich gehalten , und nun sollte doch das Schlimmste kommen , und wenn er sich diesem Schlimmsten entziehen wollte , so gab es nur ein Mittel und mußte nun das geschehen , womit er bis dahin in seiner Phantasie bloß gespielt hatte : Flucht . Ungezählte Male war es ihm eine Freude gewesen , von dem elenden Leben in diesem Sklavenlande zu sprechen , von der Lust , dieser Armseligkeit und Knechterei den Rücken zu kehren und übers Meer zu gehen , und doch - jetzt , wo die Stunde dazu da war , das immer wieder und wieder mit Entzücken Ausgemalte zur Tat werden zu lassen , jetzt wurd er zu seiner eigenen Überraschung gewahr , wie sehr er seine Heimat liebe , sein Schlesierland , seine Berge , seine Koppe . Das sollte nun alles nicht mehr sein . Um nichts , oder um so gut wie nichts , war er das erstemal von Opitz zur Anzeige gebracht worden , und um nichts sollt es wieder sein . Was war es denn ? Ein Has , der in seinem Kornfeld gesessen und den er über Eck gebracht hatte . Das war alles , und dies alles war eben nichts . Und wenn es etwas war , wer war schuld daran ? Wer anders als » der da drüben « , der ihm den Dienst verleidet hatte , sonst wär alles anders gekommen , und er wäre , was eigentlich sein Ehrgeiz und seine Lust war , bei den Soldaten geblieben und hätte seinem König weiter gedient und hätte jedes Jahr Urlaub genommen und wäre dann mit dem Hirschfänger und dem Czako durch die Dorfstraße gegangen , und alles hätte gegrüßt und sich über ihn gefreut . » Um all das hat er mich gebracht , weil er mir ' s mißgönnte , weil er nicht wollte , daß wer neben ihm stünde . Ja , er ist schuld , er allein . Um das Kreuz hat er mich gebracht , aber mein Haus- und Lebenskreuz war er von Anfang an und hat mich geschunden und gequält , und wie damals , so tut er ' s auch heute noch . Er hat mir das Leben verdorben und mein Glück und meine Seligkeit . « Als er das letzte Wort gesprochen , brach er ab und sah vor sich hin . Alles , was in Nächten , wenn er nicht schlief , ihm halb traumhaft erschienen war , erschien ihm in diesem Augenblicke wieder ,