! « Dabei stand ich auf und blickte nach der Uhr . » Schon halb zehn .. Ich werde Dir jetzt adieu sagen , Papa - « Mein Vater schaute von seinen Karten auf : » Gehst Du noch in eine Soirée ? « » Nein , nach Hause - ich bin gestern sehr spät zu Bett gegangen - « » Und da bist Du schläfrig ? Tilling , das ist kein Kompliment für Sie . « » Nein , nein , « protestierte ich lächelnd , » den Baron trifft keine Schuld ... wir haben uns sehr lebhaft unterhalten . « Ich verabschiedete mich von meinem Vater und dem Doktor ; Tilling bat sich die Erlaubnis aus , mich bis zu meinem Wagen zu geleiten . Er war ' s , der mir im Vorzimmer den Mantel umhing und der mir über die Treppe hinab den Arm reichte . Beim Hinuntergehen blieb er einen Moment stehen und fragte mich ernsthaft : » Nochmals , Gräfin , habe ich Sie etwa erzürnt ? « » Nein - auf Ehre . « » Dann bin ich beruhigt . « Indem er mich in den Wagen hob , drückte er fest meine Hand und führte sie an die Lippen . « » Wann darf ich Ihnen meine Aufwartung machen ? « » An Samstagen bin ich - « Er verneigte sich und trat zurück . Ich wollte ihm noch etwas zurufen , aber der Bediente schloß den Wagenschlag . Ich warf mich in die Ecke zurück und hätte am liebsten geweint - Thränen des Trotzes , wie ein erbostes Kind . Ich war auf mich selber wütend : wie konnte ich nur so kalt , so unhöflich , so beinahe grob mit einem Menschen sein , der mir so warme Sympathie einflößte ... Daran war diese Prinzessin schuld - wie ich die haßte ! Was war das ? ... Eifersucht ? Jetzt blitzte mir das Verständnis dessen auf , was mich bewegte : ich war in Tilling verliebt - - - - » Verliebt , liebt , liebt « rasselten die Räder auf dem Pflaster , » Du liebst ihn , « leuchteten mir die vorüberfliegendem Straßenlaternen zu - » Du liebst ihn , « duftete es mir aus dem Handschuh , den ich an meine Lippen führte - an der Stelle , die er geküßt . Tags darauf trug ich in die roten Hefte folgende Zeilen ein : » Was mir gestern die Wagenräder und die Straßenlaternen sagten , ist nicht wahr , oder doch zum mindesten sehr übertrieben . Ein sympathischer Zug zu einem edlen und gescheidten Menschen : - ja ; aber Leidenschaft ? - nein . Ich werde doch mein Herz nicht so hinschleudern an jemand , der einer Anderen gehört . Auch er empfindet Sympathie für mich - wir verstehen uns in vielen Dingen ; vielleicht bin ich die Einzige , der er seine Gedanken über den Krieg mitteilt - aber darum ist er noch lange nicht verliebt in mich - und ebensowenig darf ich es in ihn sein . Daß ich ihn nicht aufforderte , mich an einem anderen Tage , als an den ihm so verhaßten offiziellen Empfangstagen zu besuchen , mochte wohl nach dem vorausgegangenen , vertrauensvollen Gedankenaustausch etwas unfreundlich geschienen haben ... Aber es ist vielleicht besser so . Wenn nur erst ein paar Wochen über die geistigen Eindrücke , die mich so tief erschüttert haben , verstrichen sind , dann werde ich Tilling wieder ganz ruhig begegnen können , mit der Idee vertraut , daß er eine andere liebt und mich harmlos an seinem freundschaftlichen und geistanregenden Umgang erlaben . Denn es ist wahrhaft ein Vergnügen , mit ihm zu verkehren - er ist so anders , so ganz anders als alle anderen . Ich bin wirklich froh , daß ich das heute so gelassen konstatieren kann - gestern mußte ich einen Augenblick schon fürchten , daß es um meine Ruhe geschehen sei , und daß ich die Beute quälender Eifersucht würde ... heute ist diese Furcht verflogen . « Am selben Tage besuchte ich meine Freundin Lori Griesbach - dieselbe , bei der ich den Tod meines armen Arno erfahren . Sie war unter den jungen Frauen meiner Bekanntschaft diejenige , mit welcher ich am meisten und am intimsten verkehrte . Nicht , daß wir in vielen Hinsichten übereinstimmten , oder daß wir uns gegenseitig vollkommen verstanden - wie dies doch die Grundlage echter Freundschaft sein soll ; - aber wir waren als Kinder Gespielinnen , als jung verheiratete Frauen Stellungsgenossinnen gewesen ; hatten damals fast täglich verkehrt und so war eine gewisse Gewohnheitsvertraulichkeit zwischen uns entstanden , welche - trotz so mancher Grundverschiedenheit unserer Wesen - unseren gegenseitigen Umgang zu einem recht angenehmen und gemütlichen gestaltete . Es war ein gewisses , engbegrenztes Gebiet , auf dem wir uns begegneten , aber auf dem waren wir einander aufrichtig gut . Ganze Seiten meines Seelenlebens blieben ihr ganz verschlossen . Von den An-und Einsichten , zu welchen ich in meiner stillen Studienzeit gelangt war , hatte ich ihr nie ein Wort mitgeteilt und fühlte auch kein Bedürfnis dazu . Wie selten kann man sich einem Menschen ganz geben ! Das habe ich recht oft im Leben erfahren , daß ich dem einen nur diese , dem anderen nur jene Seite meiner geistigen Persönlichkeit erschließen konnte ; daß , so oft ich mit diesem oder jenem verkehrte , sozusagen nur ein gewisses Register sich aufzog , die ganze übrige Klaviatur aber stumm blieb . Zwischen Lori und mir gab es der Gegenstände genug , die uns zu stundenlangem Plaudern Stoff boten : unsere Kindheitserinnerungen , unsere Kleinen , die Ereignisse und Vorkommnisse unseres Gesellschaftskreises , Toilette , englische Romane und dergleichen mehr . Loris Knabe , Xaver , war im Alter meines Sohnes Rudolf und dessen liebster Spielkamerad ; und Loris Töchterchen , Beatrix , damals zehn Monate alt , wurde scherzweise von uns bestimmt , einst Gräfin Rudolf Dotzky zu werden