: Sie interessiren mich . Ich hatte neulich die Ehre , Ihr Fräulein Tochter gelegentlich eines Soupers bei Herrn Quöck kennen zu lernen . Und da erfuhr ich - « ( Adam improvisirte eben wieder einmal ) - » daß wir so etwas wie ... wie - verzeihen Sie ! - das Wort ist eigentlich häßlich , aber man hat es nun einmal so an der Hand - da erfuhr ich also , daß wir Collegen wären . Sie haben auch schon verschiedene philosophische Schriften veröffentlicht - ich allerdings ... noch nicht - aber die Philosophie ist doch das Einzige geblieben , was mir noch ein gewisses Interesse einflößt . Im Uebrigen ... mein Gott ! Man wird alt und müde , nicht wahr ? - blasirt ... nicht wahr ? - gâté ... râté ... « » So ... so ! ... Aber bitte ... nehmen Sie doch Platz , Herr Doctor ... Ich habe leider keine Gewalt mehr über mich ... kann mich nur wenig bewegen ... Sie müssen mir schon erlauben , hier sitzen zu bleiben ... « Die Worte waren leise , mühsam , fast ohne jede Tonfärbung gesprochen . Auf dem bleichen Gesicht Herrn Irmers lag ein Ausdruck , der halb Hülflosigkeit , halb Verlegenheit verrieth . Irmer war nicht gewöhnt , Besuche zu empfangen . Zudem befremdete ihn wohl auch die etwas burschikose Art , die abgebrochene Geständnißhaftigkeit Adams . Adam schob seinen großen Schlapphut nachlässig ungenirt in ein Fach des Bücherrücks und warf sich in die Sophaecke . Eine Pause entstand . Doctor Irmer blickte fragend , erwartend , verlegen zu seinem Gaste hinüber . » Sie schriftstellern also auch ? « fragte er endlich . » Schriftstellern ? Mein Gott ! Nun ja , wenn man ' s so nennen will ... Aber weit ist ' s damit Gott sei Dank ! nicht her - ich bin durchaus kein sogenannter Schriftsteller von Beruf - um Himmelswillen - nein ! ... nein ! ... Ich habe Dies und Das gemacht - einige Artikel philosophisch-kritischen , nationalökonomischen , literarhistorischen Charakters für Zeitungen zusammengestoppelt - ein paar längere Aufsätze über psychophysische Materien für wissenschaftliche Fachblätter geliefert - na ! das ist aber auch Alles ... Allerdings ... nicht zu vergessen die ulkigen Brochüren , die mich momentan beschäftigen .... « Das war leichthin , nachlässig gesprochen , ohne weitere innere Theilnahme , mit dem Accente halb ehrlicher , halb affectirter Selbstironie . Herr Doctor Irmer nickte mit dem Kopfe . Wiederum trat eine Pause ein . Was wollten die beiden Menschen nur von einander ? Adam musterte seine Umgebung . Zur Noth konnte man diese Einrichtung ja behaglich nennen ! Und doch athmete das Zimmer einen Geruch der Aermlichkeit aus , der kaum verschleierten , kaum zu verkennenden Nüchternheit , der Adam etwas beklemmte . Er liebte den mit feinem , ästhetisch durchgebildetem Geschmacke angewandten Luxus . Er bewohnte selbst zwei sehr comfortabel ausgestattete Zimmer , die ihn eigentlich mehr kosteten , als er nach seinen Verhältnissen an Miethszins dafür hätte ausgeben dürfen . Aber es war ihm Bedürfniß , in einer vornehmen , eleganten , weichen , mit künstlerischem Verständniß arrangirten Umgebung , die soviel als möglich alle trivialen , hyperboreischen Reibungen überflüssig machte , zu leben . In dieser Hinsicht besaß Adam also auch sehr epicureische Gelüste . » Was enthalten denn die Brochüren , die Sie jetzt geschrieben haben , Herr Doctor ? « fragte Irmer endlich . » Ach Gott ! das sind mehr feuilletonistische Stilübungen . Ich lege weiter keinen Werth auf sie . Moderne , zeitgemäße Themata übrigens . Hoffentlich bringen sie mir ein paar Dreier ein . In dem einen Hefte habe ich allerlei Pikanterie ' n über das specifische Wesen des deutschen Gymnasiallehrers ausgekramt - - ich hatte nämlich selbst einmal die Ehre , einem Präceptorencollegium anzugehören , Herr Doctor - na ! und da lernt man ja diese famose , menschliche pêle-mêle-Speise kennen - in dem ander ' n Hefte , das aber noch nicht ganz fertig ist , plaudere ich über - - oder sagen wir meinetwegen : liefere ich eine psychologische Analyse des geistigen Proletariats von heute - modern , wie gesagt , zeitgemäß sind die Motive jedenfalls ... « » Ja ! ... Ja ! ... versicherte Doctor Irmer zustimmend . Er sah vor sich hin . Sein Gesicht nahm sich sehr nachdenklich aus . Zugleich etwas schmerzhaft verzogen . Adam konnte sich des Gefühls nicht erwehren , daß sein Gegenüber bedauerte , auf den Gedanken , derartige brennende Fragen zu behandeln , nicht selbst gekommen zu sein . « » Und wie denken Sie sich Ihre Zukunft , Herr Doctor - ? « fragte Irmer drauflostolpatschend . » Ich interessire mich aufrichtig für die Dame , « gestand Adam lachend . » Sie kennen die orientalische Methode , Herr Doctor , zwei Wesen zu copuliren , die sich nie gesehen haben : so kommt es mir immer vor , wenn ich an mich und meine Zukunft denke ... Schließlich ergeht es ja jedem Individuum also ... aber Unsereiner - hm ! nun ! ich wiederhole : ich interessire mich sehr ... sehr ... für meine ... Zukünftige ... « » Ihr Fräulein Tochter ist nicht zu Hause - ? « fragte Adam nach einer Weile . Er hatte vergeblich einer Erwiderung Irmers auf seinen spaßigen Vergleich geharrt . » Nein ! . die macht sich um diese Zeit immer etwas Bewegung . Das arme Mädchen kommt ja sonst nicht viel heraus . Hedwig ist mein Ein und Alles , ohne sie wäre ich vollständig hülflos , sie liest mir vor - ich dictire ihr - ich habe sie ganz in meine philosophische Weltanschauung eingeführt . Ich glaube , sie hat überwunden und die große Lebensillusion erkannt ... « » Prost ! « wäre es Adam beinahe über die Lippen gefahren . Im letzten Augenblicke hakte er das fatale Wörtchen noch zurück . » Sie sind Schopenhauerianer , Herr Doctor ? « vermochte