sich tragen ließ , rückte sie weit , weit fort in jenes ferne Land , wo die Glücklichen wohnen . Und schien sie an Lieb ' und Güte auch die alte , sie mußte ihn ja verachten lernen , er war ja bloß ein Bauernjunge und dumm und linkisch und trübselig dazu . In seinem Kopfe wogte ein wirres Durcheinander von Glück und Scham und Selbstvorwürfen , denn er fand , daß er sich weit würdiger und weit vornehmer hätte benehmen können . - Hierin mischte sich eine rätselhafte Angst , die ihm fast die Kehle zuschnürte - wiewohl er vergebens in seiner Seele nachforschte , wem sie wohl gelten mochte . Am nächsten Vormittag sah er vom Hofe aus , auf dem er Pfähle eingrub , etwas Weißes am Waldrande sich hin und her bewegen . - Er biß die Zähne zusammen in Weh und Ingrimm , aber er brachte es nicht übers Herz , seine Arbeit zu verlassen . Noch zwei Tage lang fand das Weiße sich ein - dann blieb es verschwunden . Am Sonntagvormittag holte er sich das Liederbuch aus seinem Kasten und wanderte damit nach dem Walde - zur Mahlzeit blieb er aus - , und am Abend fanden ihn die Zwillinge , die auf der Heide Haschen spielten , pfeifend unter einem Wacholderbusch liegen , während ihm die Tränen über die Wagen liefen . So übersetzte er sich das » Buch der Lieder « in seine Sprache . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Kurze Zeit darauf hörte er , daß Frau Douglas von den Ärzten ein dauernder Aufenthalt im Süden angeordnet sei und daß Elsbeth sie begleiten werde . » Es ist ganz gut so , « sagte er sich , » dann wird sie mir nicht mehr so viel im Kopfe herumspuken . « Lange war er unschlüssig , ob er ihr das entliehene Buch wiederschicken sollte oder nicht ; er hätte es gern behalten , aber sein Gewissen ließ das nicht zu . Er wartete auf eine günstige Gelegenheit - bis er erfuhr , daß sie abgereist sei . Da gab er sich zufrieden . 9 Fünf Jahre vergingen - fünf Jahre voll Sorgen und Mühen . Paul ließ sich das Leben gar sauer werden , er schaffte von morgens früh bis in die Nacht hinein , seine fleißige Hand lag auf jeglichem Werke , und was er anfaßte , gedieh . Aber er merkte es kaum , denn allstündlich ging sein Geist sorgend in die Zukunft . Seine Stirn trug zu allen Stunden die gleichen Falten , sein Auge schaute mit dem gleichen gedankenschweren , grüblerischen Ausdruck vor sich nieder , gleichsam ins Innere hinein , und oft vergingen Tage , ohne daß er bei Tisch und bei der Arbeit ein einzig Wort gesprochen hätte . Er trug die Überzeugung , daß im Grunde sein Schaffen ein hoffnungsloses war . Auf des Vaters Dank hatte er niemals rechnen können , und er lernte leicht , ihn verschmerzen , aber was er schwerer lernte , war , sich geduldig fügen , wenn des Vaters Laune in einer Stunde zerstörte , was er mühsam durch Wochen hin aufgebaut hatte . Wenn der Vater von seinen Reisen heimkam , so geschah es nicht selten , daß er ihn vor den Ohren der Knechte einen Pinsel , einen Dummkopf schalt und sich bitter beklagte , die Wirtschaft in so unfähigen Händen zurücklassen zu müssen , wenn die Pflicht - niemand wußte , welche Pflicht dies war - ihn in die Ferne rief . Paul schwieg alsdann , denn tief in seinem Herzen ruhte das Gebot : » Du sollst Vater und Mutter ehren . - Den Vater um der Mutter willen , « so hatte er es umgemodelt - aber sein Auge glitt mit einem düster spähenden Blicke von einem der Knechte zum andern , und wen er lächeln oder in heimlicher Schadenfreude des Nachbarn Ellbogen streifen sah , den entließ er am folgenden Morgen . Einen unter den Knechten gab es , der fast die ganze Zeit über auf dem Heidehof gearbeitet hatte . Er hieß Michel Raudszus und war litauischer Herkunft . Er bewohnte auf der Heide , unweit von Helenental , eine armselige , verfallene Kate , deren Wände mit Torf belegt waren , damit sie der Sturm nicht umfegte . Er hatte ein verwahrlostes Weib , das schon zweimal im Gefängnis gesessen hatte und die Kinder zum Betteln anhielt . Er war ein schweigsamer , finsterer Gesell , der seine Arbeit musterhaft verrichtete und ohne ein Wort des Murrens von dannen ging , wenn man ihn nicht mehr brauchte , aber pünktlich zur Stelle war , wenn es von neuem Arbeit gab . Paul hatte ihn anfangs nicht leiden mögen , denn sein wortkarges , einsames Wesen und seine scheuen , düsteren Mienen hatten auf ihn einen unheimlichen Eindruck gemacht , aber dann war ' s ihm plötzlich eingefallen , daß er selber sich nicht viel anders betrüge , und seit dieser Stunde hatte er ihn in sein Herz geschlossen . Der Vater seinerseits schien einen gewissen Respekt vor ihm zu haben , denn obwohl er , wenn er betrunken war , die Knechte durchzuprügeln pflegte , hatte er ihn noch niemals angerührt . - Es war , als ob der Blick , den der Mensch unter seinen buschigen Brauen hervor ihm zuwarf , ihn im Zaume hielte . Dieser Knecht war Pauls treuester Gehilfe . Ihm konnte er selbst den Marktverkauf des Getreides anvertrauen , und stets wußte er die höchsten Preise zu erhandeln . - - - Auf dem stillen Heidehof hatte sich in diesen fünf Jahren langsam und unmerklich eine große Veränderung vollzogen . Mehr und mehr verloren sich die Spuren der Armut , seltener und seltener kehrte die Not bei Tische ein . - Im Garten zeigten sich zierliche Blumenrabatten , in langen Reihen