sprechen läßt . Ein Glück nur , daß ich von dem allen nicht gewußt habe , sonst hätt ich gar nicht den Mut gehabt und wäre fortgeblieben . Und das wäre mir doch leid gewesen , einen so hübschen Fleck Erde gar nicht gesehen zu haben ... Aber Sie sagten vorhin , was ist Leben ohne Schlaf , und ich fühle , daß Sie recht haben . Ich bin müde trotz früher Stunde ; das macht , glaub ich , die Luft und das Wasser . Und dann muß ich doch auch sehn ... Ihre liebe Frau hat sich so bemüht ... Gute Nacht , Herr Wirt . Ich habe mich verplaudert . « Und damit stand er auf und ging auf das stillgewordene Haus zu . Lene , die Füße schräg auf dem herangerückten Stuhl , hatte sich aufs Bett gelegt und eine Tasse von dem Tee getrunken , den ihr die Wirtin gebracht hatte . Die Ruhe , die Wärme taten ihr wohl , der Anfall ging vorüber , und sie hätte schon nach kurzer Zeit wieder in die Veranda hinuntergehn und an dem Gespräche , das Botho mit dem Wirte führte , teilnehmen können . Aber ihr war nicht gesprächig zu Sinn , und so stand sie nur auf , um sich in dem Zimmer umzusehen , für das sie bis dahin kein Auge gehabt hatte . Und wohl verlohnte sich ' s. Die Balkenlagen und Lehmwände hatte man aus alter Zeit her fortbestehen lassen , und die geweißte Decke hing so tief herab , daß man sie mit dem Finger berühren konnte , was aber zu bessern gewesen war , das war auch wirklich gebessert worden . An Stelle der kleinen Scheiben , die man im Erdgeschoß noch sah , war hier oben ein großes , bis fast auf die Diele reichendes Fenster eingesetzt worden , das ganz so , wie der Wirt es geschildert , einen prächtigen Blick auf die gesamte Wald- und Wasserszenerie gestattete . Das große Spiegelfenster war aber nicht alles , was Neuzeit und Komfort hier getan hatten . Auch ein paar gute Bilder , mutmaßlich auf einer Auktion erstanden , hingen an den alten , überall Buckel und Blasen bildenden Lehmwänden umher , und just da , wo der vorgebaute Fenstergiebel nach hinten oder , was dasselbe sagen will , nach dem eigentlichen Zimmer zu die Dachschrägung traf , standen sich ein paar elegante Toilettentische gegenüber . Alles zeigte , daß man die Fischer- und Schifferherberge mit Geflissentlichkeit beibehalten , aber sie doch zugleich auch in ein gefälliges Gasthaus für die reichen Sportsleute vom Segler- und Ruderclub umgewandelt hatte . Lene fühlte sich angeheimelt von allem , was sie sah , und begann zunächst die rechts und links in breiter Umrahmung über den Bettständen hängenden Bilder zu betrachten . Es waren Stiche , die sie , dem Gegenstande nach , lebhaft interessierten , und so wollte sie gerne wissen , was es mit den Unterschriften auf sich habe . » Washington crossing the Delaware « stand unter dem einen , » The last hour at Trafalgar « unter dem andern . Aber sie kam über ein bloßes Silbenentziffern nicht hinaus , und das gab ihr , so klein die Sache war , einen Stich ins Herz , weil sie sich der Kluft dabei bewußt wurde , die sie von Botho trennte . Der spöttelte freilich über Wissen und Bildung , aber sie war klug genug , um zu fühlen , was von diesem Spotte zu halten war . Dicht neben der Eingangstür , über einem Rokokotisch , auf dem rote Gläser und eine Wasserkaraffe standen , hing noch eine buntfarbige , mit einer dreisprachigen Unterschrift versehene Lithographie : » Si jeunesse savait « - ein Bild , das sie sich entsann in der Dörrschen Wohnung gesehen zu haben . Dörr liebte dergleichen . Als sie ' s hier wiedersah , fuhr sie verstimmt zusammen . Ihre feine Sinnlichkeit fühlte sich von dem Lüsternen in dem Bilde wie von einer Verzerrung ihres eigenen Gefühls beleidigt , und so ging sie denn , den Eindruck wieder loszuwerden , bis an das Giebelfenster und öffnete beide Flügel , um die Nachtluft einzulassen . Ach , wie sie das erquickte ! Dabei setzte sie sich auf das Fensterbrett , das nur zwei Handbreit über der Diele war , schlang ihren linken Arm um das Kreuzholz und horchte nach der nicht allzu entfernten Veranda hinüber . Aber sie vernahm nichts . Eine tiefe Stille herrschte , nur in der alten Ulme ging ein Wehen und Rauschen , und alles , was eben noch von Verstimmung in ihrer Seele geruht haben mochte , das schwand jetzt hin , als sie den Blick immer eindringlicher und immer entzückter auf das vor ihr ausgebreitete Bild richtete . Das Wasser flutete leise , der Wald und die Wiese lagen im abendlichen Dämmer , und der Mond , der eben wieder seinen ersten Sichelstreifen zeigte , warf einen Lichtschein über den Strom und ließ das Zittern seiner kleinen Wellen erkennen . » Wie schön « , sagte Lene hochaufatmend . » Und ich bin doch glücklich « , setzte sie hinzu . Sie mochte sich nicht trennen von dem Bilde . Zuletzt aber erhob sie sich , schob einen Stuhl vor den Spiegel und begann ihr schönes Haar zu lösen und wieder einzuflechten . Als sie noch damit beschäftigt war , kam Botho . » Lene , noch auf ! Ich dachte , daß ich dich mit einem Kusse wecken müßte . « » Dazu kommst du zu früh , so spät du kommst . « Und sie stand auf und ging ihm entgegen . » Mein einziger Botho . Wie lange du bleibst ... « » Und das Fieber ? Und der Anfall ? « » Ist vorüber , und ich bin wieder munter , seit einer halben Stunde schon . Und ebensolange hab ich dich erwartet . « Und sie zog ihn mit sich fort an das noch offenstehende