von der konventionellen Maske immer noch verführen . Ich nicht . Wir werden uns in gewissen Fragen niemals verstehen , fürchte ich . « » Ist schließlich auch gar nicht nötig , « bemerkte der Baron leise , mit gereiztem Accent . Dann laut : » Lieber Herr Weiler , wir verschwatzen die Zeit und Zeit ist Geld - für Sie , nicht für mich , leider ! - Sie müssen heute schon rasend gute Geschäfte gemacht haben , wenn Sie jetzt so verschwenderisch sein dürfen . Und Verschwendung ist hoch sonst Ihre Sache nicht ! « » Sie scherzen , Herr Baron ; die Bank-Geschäfte gehen momentan schlecht - man muß zwar viel arbeiten , aber der Nutzen ist gering . « » Ich würde mich z.B. mit Ihrem geringen Nutzen gern begnügen , wenn ich heute einen passenden Platz unter Euch Erwerbsleuten fände ... Das wissen Sie aus unserem seitherigen Verkehr , daß ich der Not des Lebens Konzessionen zu machen verstehe . Ich habe Ihnen meine und meiner Wirtschafterin Gelder anvertraut ; Sie haben mir gewisse Spekulationen erleichtert und aus alter Freundlichkeit manchen kleinen Vorteil verschafft . Dafür bin ich Ihnen verbunden , meine sonstigen Ideen und Meinungen werden davon nicht berührt . Die Pflege Praktischer Beziehungen wird doch durch keine Philosophie beeinträchtigt , nicht wahr ? Offengestanden , ich habe alle Hochachtung vor geregeltem Erwerb aus eigener Kraft .... « Mit einem : » Verzeihung , meine Herren , wenn ich störe , aber ich .... pardon , messieurs ! « wurde die Unterhaltung von einem unangemeldet hereinfliegenden Menschen , offenbar Kommis-Voyageur , plötzlich unterbrochen . Schon an der Außenthür hatte er die Kontorjünglinge angeschrieen : » Herr Weiler ist doch da ? « mit dem einen Fuß noch auf dem Wagentritt . Die Droschke hielt hart am schmalen Trottoir . Die vorübergehenden Arbeiter fluchten , sich vorbeizwängen zu müssen . Es war ein vieux beau , eine Figur , wie aus dem Grévinschen » Journal amusant « geschnitten , mittelgroß , hager , in einen hellbraunen Sackanzug gekleidet , darüber einen eleganten , frêmefarbigen Überrock , aufgeknöpft , zurückgeschlagen , damit das fein abgesteppte blaue Seidenfutter herauskokettieren konnte , und das Beinkleid über den Schnabelschuhen bis an die Knöchel aufgekrempelt , so daß noch ein roter Streifen vom Strumpf sichtbar wurde . Die dünnen , graumelierten Haare , in der Mitte gescheitelt und glänzend glatt gestrichen , bedeckten die halbe Stirn : auf der langen , schlanken Nase saß ein Binocle , das den flimmerigen Glanz der dunkeln , tiefliegenden Augen durch Spiegelung erhöhen half . Zwei schmale Streifchen Backenbart , schwarz gefärbt , wie das keck aufgezwirbelte Schnurrbärtchen , ein kreideweißer Stehkragen und eine grellrote Kravatte vollendeten den Eindruck geckenhaft-liebevollster Pflege der äußersten Modejournal-Schönheit . Die Herren hatten sich vor dem Ankömmling erhoben . Weiler stellte halbfranzösisch vor : » Monsieur le Baron de Drillinger , Monsieur Paillard aus Paris , Repräsentant des Hauses Trippier und Kompagnie in Bordeaux und Paris , mein alter Geschäftsfreund . « » Ah ! « machte der Franzose . Drillinger verneigte sich stumm , ärgerlich über die Störung . Der Bankier schob hastig seinen Stuhl dein Franzosen hin . Da keiner sich zuerst setzen wollte , zog jedermann vor , im Wettstreite der Höflichkeit einstweilen stehen zu bleiben . Der Franzose schwatzte fast ohne Unterbrechung : » Bin nur gekommen , Monsieur Weiler , wegen Rendez-vous heute Abend . Superbe Geschäfte gemacht , auch mit Ihrem Konkurrenten da unten an der Isar , in der Quaistraße ; große Bestellung in Kognak - hat sich sogar angeboten , Vertretung unseres Hauses zu übernehmen ; ja , Monsieur Raßler scheint ein Mann von Welt , hat da magnifikes Haus , splendide Einrichtung , herrliches Weib .... « Bei dem Namen Raßler fuhr ein schielender Blick über Weilers Brille blitzartig zu Drillinger hinüber . Drillinger verzog zwar keine Miene , aber seine Hand fühlte unwillkürlich nach dem Brief in der Brusttasche . Zum erstenmale hatte der Name Raßler im fremden Munde für sein Ohr einen unangenehmen Klang und bei der Erwähnung des Weibes fühlte er etwas wie einen bitteren Geschmack auf der Zunge . Der näselnde Klang des französisch ausgesprochenen Raßläär summte ihm jetzt während der ganzen Unterredung durch den Kopf . Raßläär .... Raßläär .... » In der That , bedeutende Bestellungen , hauptsächlich in fine Champagne . Ach , München , die Stadt des Bieres , fängt an , sich zu entwickeln , es gewinnt Geschmack an den großen Weinen und Likören Frankreichs .... Also wegen heute Abend , nach dem Theater etwa , Monsieur Weiler .... « » Das trifft sich unglücklich , Monsieur Paillard ; ich bin gerade heute Abend durch dringende Geschäfte abgehalten . « » Sehr bedauerlich ; ich hätte für Amüsement gesorgt . Den ganzen Tag in Arbeit , freute ich mich doppelt auf Ihre angenehme Gesellschaft . Es geht wirklich nicht ? « » Wirklich nicht . « » Das ist hart . Ah , Monsieur le Baron , es ist schwierig , sich in München zu amüsieren , wenn die besten Freunde ausschlagen . Was soll ich denn ganz allein anfangen ? Ins Theater gehen ? Gut , ich gehe ins Theater . In welches ? Die Wahl ist nicht groß : ich gehe ins Gärtnertheater . Lauter bekannte , alte Gesichter - das reine Konservatorium . Schadet nichts , ich gehe jedesmal hin . Ich ärgere mich zwar , aber das macht nichts . Hernach , wenn das Theater aus ist , von 9 bis 12 Uhr , bis Nachmitternacht - was fangen wir da an in München ? Das ist das große Problem für jeden Fremden und zumal für einen Pariser , für einen Boulevardier ! Nun hatte ich gerade für heute Abend ein reizendes Programm ersonnen - mein Geheimnis ! Und Sie lassen mich im Stich , Herr Weiler ? Das ist sehr garstig , gar nicht freundschaftlich . « » Geschäfte , nichts als Geschäfte , Monsieur Paillard