So hauste Martin Salander mit den Seinen wieder auf altem Grunde und konnte beruhigt in die Welt und in die Jahre hinausschauen , soweit es der Mensch verlangen kann ; denn wer auch nicht Welt und Zeit zu überholen strebte , dem kamen sie von selbst vor die Füße gerollt . Trotz der Täuschung , die ihm auf seinem Sonntagsspaziergang ins Volk so trübselig zerflossen war , mußte er die Augen doch wieder auf die öffentlichen Dinge richten und sich näher mit ihnen vertraut machen , wie sie sich nun darstellten . Die neue Verfassung , die die Münsterburger angenommen hatten , wurde von den vorgeschrittensten Staats- und Gesellschaftsfreunden fremder Länder als etwas Zufriedenstellendes belobt , womit sich erreichen lasse , was man mit Entschlossenheit wolle ; und die gleichen Grundsätze , welche man dem Volke in einem gemäßigten , ja bescheidenen Sinne hatte belieben können , sollten schon in ihrer jetzigen wörtlichen Gestalt genügen , von Tag zu Tag die ungeheuersten Veränderungen einzuführen , an welche dasselbe Volk nicht gedacht hatte . In diesen ersten Jahren summte es denn auch wie ein Bienenkorb von Gesetzesvorschlägen und Abstimmungen , und Salander sah mit Verwunderung , wie im Halbdunkel eines Bierstübchens zwei Projektenmacher den Entwurf eines kleinen , Millionen kostenden Gesetzes oder Volksbeschlusses fix und fertig formulieren konnten , ohne daß die vom Volke gewählte Regierung ein Wort dazu zu sagen bekam . Dazu erhielten die massenhaften Wahlen aller kleinen und großen Beamten in Verwaltung , Gericht , Schule und Gemeinde , sich in kurzen Zwischenräumen drängend , die stimmberechtigte Bevölkerung unaufhörlich auf den Beinen , und da Martin Salander keine dieser Pflichten versäumte , so befand er sich unvermerkt mitten in der Strömung . Um sich besser zu unterrichten , besuchte er die politischen Versammlungen , fing an mitzureden und Vorschläge zu machen , und da seine Unabhängigkeit bekannt war und man daher wußte , daß er für sich nichts wollte , wurde er in allerhand Ausschüsse gewählt , deren Arbeiten er sich mit ehrlichem Eifer unterzog , obgleich ein Umherreisen im Lande damit verbunden und er eigentlich kein Vagant war . Auf diesem weitläufigen Wege geriet er in die unmittelbare Volksleitung oder unterschlächtige Regierung hinein , welche in Gestalt von Wanderlehrern dem Volke die schwierigeren Punkte seiner Selbstbestimmung zu erklären , d.h. vom übel unterrichteten an das besser zu unterrichtende Volk zu appellieren hatte . Zwar gab es Gegenstände , die ihm selber nicht recht geläufig waren , weshalb er sich vorher rasch mit ihnen bekanntmachen oder die gedruckten Aktenstücke auf Treu und Glauben verteidigen mußte . Indessen ließ er sich dergleichen nicht oft zuschulden kommen , während er es an anderen häufiger beobachtete . Zuweilen wollte ihn eine trübe Ahnung beschleichen , als ob das Personal der politischen Ober- , Mittel- und Unterstreber gegen früher im ganzen ein klein wenig gesunken wäre , so daß die etwas geringere Beschaffenheit der einen Schicht diejenige der anderen bedinge und erkläre . Allein er faßte bald wieder guten Mut , auf den unverlierbaren guten Ackergrund des Volkes vertrauend , der stets wieder gradgewachsene hohe Halme hervorbringe . Und er gelobte dann , obschon nun kein Jüngling mehr , auf sich selbst zu achten , wissentlich nie ein gemeiner Streber zu werden und das gedachte Niveau nicht auch herunterdrücken zu helfen . So löblichem Vorsatze getreu erlebte er aber nochmals einen Verdruß , ähnlich demjenigen des ersten Spazierganges nach seiner Rückkehr aus Brasilien . Ebenfalls an einem Sonntagnachmittage wohnte er in seinem eigenen Heimatorte der Besprechung einer Nahrungsfrage bei , die in allen Kulturstaaten dieselbe ist und die gleiche neutrale und rein sachliche Behandlung erfährt . Hier aber handelte es sich um den Vorschlag einer nicht nur absonderlichen , sondern ganz unsinnigen Einrichtung , die ein einzelner Kopf ausgeheckt und die in der Gegend einigen Anklang gefunden hatte . Martin Salander sollte im Einverständnis mit seinen Freunden dagegen auftreten . Erst hörte er die Begründung des Vorschlages und eine Anzahl weiterer Reden an , in welchen von ungeschulten , meist jüngeren Leuten statt eingehender Gründe nur immer das Wort Republik , republikanisch , Würde des Republikaners usw. vorgebracht und geschrien wurde . Dieses Pochen auf die Republik bei jedem passenden und unpassenden Anlaß hatte ihn schon lange betrübt , gerade weil er ein aufrichtiger Republikaner war in Ansehung seines Vaterlandes . Als er sich nun zu seinem Votum erhob , fühlte er sich gedrungen , eine diesfällige Ansprache vorauszuschicken , zumal ihm die anwesende Mannschaft einer wohlgemeinten Belehrung bedürftig schien . » Liebe Mitbürger ! « begann er mit möglichster Ruhe , » ehe ich meine abweichenden Ansichten von der vorwürfigen Sache darlege , kann ich nicht umhin , das auch mir teure Wort Republik zu berühren , das wir jetzt seit einer Stunde gewiß zwei Dutzend Male gehört haben . Unsere Vorfahren haben seit bald sechshundert Jahren die Republik in heißen Schlachten begründet und befestigt , ohne das Wort je in den Mund zu nehmen , und die vielen alten Bundesbriefe und Landbücher enthalten es nicht . Erst später haben es die Patrizier und Bürger der herrschenden Städte für sich angewendet , um mit dem schönen Wort ihrer irdischen Herrlichkeit einen antiken Glanz zu verleihen . Wir haben es jetzt im Sprachgebrauch , aber nicht zum Mißbrauch . Mich will bedünken , wer es immer im Munde führt und dabei auf die Brust klopft , könne ebensogut sich der Gleisnerei schuldig machen wie jeder andere Pharisäer oder Mucker ! Doch damit haben wir jetzt nichts zu schaffen ; nur darauf möchte ich aufmerksam machen , werte Mitbürger , daß auch der Republikaner alles , was er braucht , erwerben muß und nicht mit Worten bezahlen kann ; über Naturgesetze hat die Republik nicht abzustimmen , die Vorsehung legt ihr den Plan über die dem Landwirte nützliche Witterung der Jahreszeiten so wenig zur Annahme oder Verwerfung vor als den Untertanen der Könige und diesen selbst , und der Weltverkehr kümmert sich nicht um die Staatsformen der Länder und Weltteile , die er