bis sie herausgebracht worden . Nur während ihrer Krankheit hatte er nicht stolz ausgesehen ; sie hatte ihm sogar , als es besser mit ihr ging , und er allein an ihrem Bett gesessen , von der hübschen Stube im Packhaus erzählen dürfen , und von dem schönen Mädchen , wie es so weiß und mit offenem Haar vom Gange hereingekommen , wie es ihren Kopf so fest an die Brust gedrückt habe , daß ihr das weiche , dicke Haar ganz schwer über das Gesicht gefallen sei . Und da hatte der Papa gar nicht gezankt - er war ganz still gewesen ; er hatte sie auf die Stirn geküßt und gerade so fest an sein starkpochendes Herz gedrückt , wie es die schöne Blanka gethan . Und darüber verwunderte sie sich heute noch ... 7 Die Stadt B. war nicht die Residenz des Landes ; aber ihre schöne , gesunde Lage machte sie zum bevorzugten Sommeraufenthalt des regierenden Herrn , trotzdem das Schloß , auch in seinem Aeußeren nichts weniger als imposant , für eine größere Hofhaltung kaum den nötigen Raum bot ... In den letzten drei Jahren übrigens machte sich » das nahe Zusammenrücken « der Sommergäste im Schlosse nicht mehr so nötig - die beiden schönen Prinzessinnen waren , kaum dem Kindesalter entwachsen , weggeholt worden und hatten , selbst für Prinzessinnen , glänzende Partieen gemacht , und der Erbprinz befand sich auf Reisen . Ob nun bereits der Wonnemond durch weiche Lüfte und süße Düfte seine köstlich klingende Bezeichnung verdiente , oder ob er , noch über liegengebliebene Schneefelder der Berggipfel einherziehend , einen rauhen Aprilatem in die letzten , zum flachen Land auslaufenden Thäler des Thüringer Waldes hineinblies , gleichviel - pünktlich mit dem fünfzehnten Mai rückte alljährlich die Wagenkolonne aus der Residenz in das hübsche B. ein , und bald darauf sah man die Schlöte des Schlosses gastlich dampfen , die wohlbekannte Livree der herzoglichen Bedienten tauchte in den Straßen auf , und vor den vornehmsten Häusern hielt dann und wann eine Equipage - die Hofdamen machten Besuche . Auch das Lamprechtsche Haus war eines der wenigen bürgerlichen , denen diese Auszeichnung widerfuhr - die Frau Amtsrätin Marschall war heute noch so wohlgelitten bei Hofe wie vor zehn Jahren ; denn volle zehn Jahre waren verstrichen seit jenem unglückseligen Bleichtag , an welchem die kleine Margarete aus Furcht vor dem Institut nach Dambach gelaufen war . Die herzogliche Gnadensonne bestrahlte selbstverständlich auch alles , was der alten Dame verwandtschaftlich nahe stand ; so zum Beispiel wurde jetzt die Firma Lamprecht und Sohn durch einen Kommerzienrat repräsentiert , den einzigen der Stadt B. , denn Serenissimus kargte sehr mit diesem Titel-Geschenk . Herr Balduin Lamprecht war auch gegen die seltene Auszeichnung durchaus nicht unempfindlich ; seine Geschäftsfreunde behaupteten , er trüge seine Nase so hoch , daß kaum noch mit ihm auszukommen sei . Früher habe er doch wenigstens verbindliche Manieren gehabt , aber auch die seien untergegangen in einem abstoßend finsteren Hochmut . Seit Jahren hatte ihn niemand mehr lächeln sehen . Er reiste viel in Geschäften und war thätig , wie kaum in den ersten Jahren seiner Selbständigkeit ; aber wenn er heimkam , da wurde es förmlich dunkel im Hause , da sanken die Stimmen der Untergebenen zum Flüstern herab , in aller Mienen lag ängstliche Spannung , und die Fußtritte klangen gedämpft , als fürchte jedes , einen in irgend einer Ecke lauernden bösen Geist aufzuscheuchen . » Die leidige Hypochondrie - ein Lamprechtsches Erbstückchen ! « sagte achselzuckend der Hausarzt im Hinblick auf die düstere Stimmung des Heimgekehrten , der sich oft tagelang einschloß . » Tüchtig Wassertrinken und Holzsägen , das wäre am Platze ! « Und die Frau Amtsrätin nickte eifrig mit dem Kopfe dazu - einzig und allein das alte Erbübel war ' s - sonst absolut nichts ! - Tante Sophie aber lächelte ingrimmig , wenn ihr dieser salomonische Ausspruch zu Ohren kam . » Jawohl , sonst absolut nichts ! « pflegte sie ihn ironisch zu bekräftigen . » Beileibe nicht etwa das bißchen Sehnsucht nach einem richtigen Familienleben - ei bewahre ! Der Mann muß ja Gott danken , daß er einmal vor so und so viel Jahren eine Frau gehabt hat , und kann nun bis an sein seliges Ende von der Erinnerung zehren ... Der Fanny muß doch die letzte Bosheit der seligen Judith gar zu gut gefallen haben , weil sie ' s gerade so gemacht hat . Na meinetwegen , ich wollte nichts sagen , wenn sie dem armen Kerl , dem Witwer , wenigstens ein paar stramme Buben hinterlassen hätte ; aber der Reinhold , das Angstmännchen - du lieber Gott , dem sah man ' s ja schon im Wickel an , daß es irgendwo haperte ! « Reinhold Lamprecht war in der That das Angstkind des Hauses verblieben . Er litt an einem Herzfehler , der ihm jede geistige und körperliche Anstrengung verbot . Er selbst fühlte die Entbehrung aller schönen Jugendfreuden wohl kaum , denn sein ganzes Dichten und Trachten ging im Geschäft auf . Wenn aber der Kommerzienrat den langen , bleichen , dünnen Zahlenmenschen mit der kühlen Gemessenheit eines Greises am Schreibtisch stehen sah , unbekümmert ob draußen Blütenschnee von den Bäumen flog oder wirkliche winterliche Flocken vor den Scheiben wirbelten , da ging es wie Zorn und Grimm durch seine Züge , und ein bitter verächtlicher Blick streifte das Häuflein Gebrechlichkeit , welches dereinst das Haus Lambrecht repräsentieren sollte . Aber er sprach nie darüber ; er ballte nur im stillen krampfhaft die Faust , wenn die Frau Amtsrätin sich freute , daß die vornehme Ruhe der seligen Fanny in so frappanter Weise auf den Sohn übergegangen sei . Und eigentlich kränklich war der Stammhalter der Lamprechts nach ihrem Dafürhalten absolut nicht - Gott behüte ! Er war nur zarter , empfindlicher Konstitution - eine Frau wie Fanny konnte selbstverständlich nicht die Mutter von robusten Bauernkindern gewesen sein . Margarete war ja