in der Ringstraße kam ihm heute noch heiterer vor als gewöhnlich , und das Haus selbst , das in mittäglichem Sonnenschein dalag , schien ihm , als er von der Innenstadt her in die Vorstadt einbog , nur Glück und Freude bedeuten zu sollen . Oben traf er Hannah , die mit einem Anfluge von Verlegenheit ihn einzutreten bat . Das Fräulein sei zur Probe , müsse jedoch sehr bald wieder dasein . Das Zimmer , in das er von Hannah geführt worden , war dasselbe , in welchem Franziska nach ihrem ersten Plauderabend bei der Gräfin eine Schilderung des cercle intime versucht hatte . Nichts darin , das im geringsten an ein Boudoir erinnert hätte , vielmehr herrschte statt alles russisch Patchoulihaften , das sonst wohl den Zimmereinrichtungen junger Schauspielerinnen eigen zu sein pflegt , eine norddeutsche Schlichtheit und Ordnung und eine beinahe holländische Sauberkeit vor . Auf dem Sofatische stand eine Marmorschale mit Weinlaub und Erdbeeren darin und daneben ein Schmuckständerchen , das hier wie zufällig oder vielleicht auch in der Hast einer etwas zu spät beendeten Toilette stehengeblieben war . Ein Kettenarmband lag auf dem Tische daneben , an dem Ständerchen selbst aber hing ein einfaches , nur aus zwei Golddrähten zusammengelegtes Ringelchen , das statt eines Steins nichts als eine Goldplatte mit einem emaillierten Vergißmeinnicht zeigte . Der Graf hing eben noch seinen Betrachtungen über das Ringelchen nach , das augenscheinlich ein Geschenk aus der Schul- oder Konfirmandenzeit her war , als Franziska durch eine Seitentür eintrat und ihn , unter Ausdruck ihres Bedauerns über eine Verspätung auf der Probe , mit leichter Handbewegung aufforderte , seinen Platz auf dem Fauteuil wieder einzunehmen . Er seinerseits hatte sich einige Worte zurechtgelegt , Worte , darin sich der » Graf « und der » Liebhaber « ziemlich genau die Waage hielten . Aber ihr Erscheinen änderte sofort seinen Entschluß und ließ ihn umgekehrt empfinden , daß es geraten sein würde , das erste Wort ihr zu lassen . Auch Franziska schien es von dieser Seite her anzusehen und das » erste Wort « als ihr gutes Recht in Anspruch zu nehmen . Sie sagte deshalb , während sie sich auf das Sofa niederließ : » Ihr Vertrauen zu meinen Erzählungskünsten , Graf ... « Er drohte scherzhaft mit dem Finger , aber Franziska ließ sich nicht stören und fuhr in leichtem und beinahe übermütigem Tone fort : » Ja , Graf , wir Frauen bleiben immer dieselben und wollen schließlich um unseres Ichs willen adoriert werden . Und nur um unseres Ichs willen . Darin bin ich wie andere . Statt dessen erscheint Graf Petöfy mit einem allerschmeichelhaftesten Antrage , der aber alles Schmeichelhaften unerachtet doch schließlich auf nichts anderes hinausläuft als darauf , eine Märchenerzählerin , eine Redefrau haben zu wollen , etwa wie Louis Napoleon einen Redeminister hatte . Werbung um eine Plaudertasche . Vielleicht der einzige Fall in der Weltgeschichte , die nach dem Maße meiner allerdings vorwiegend aus dem historischen Lustspiel herstammenden Geschichtskenntnis immer nur das Umgekehrte zu verzeichnen hatte . Nämlich : mulier taceat ... « » ... in ecclesia « , lachte der Graf . » Und zwar nur in ecclesia . Sie dürfen nicht halb zitieren , Franziska . Gleichviel indes , ich weiß nun alles ; Sie würden anders zu mir sprechen , wenn Sie vorhätten , mir mit einem Nein entgegenzutreten . Ich bin unendlich glücklich darüber , und wenn Sie das Ohr für die Stimme des Herzens haben - und Sie haben dies Ohr - , so wird es Ihnen auch gesagt haben , daß ich , um Ihre Worte zu wiederholen , keine Redefrau , keine Plaudertasche will , die mir Geschichten erzählt und mich abwechselnd durch Drolerien und Anekdoten unterhält . Allerdings will ich unterhalten sein , aber auch das Unterhaltlichste , das Beste , das Sie mir aus Ihrer Gaben Fülle zu bieten imstande sind , wenn ich es loslöste von Ihnen , von Ihrer Person , so wäre das Beste das Beste nicht mehr . Der Zauber Ihrer Rede sind schließlich doch Sie selbst . Und so komme ich denn noch einmal mit diesen meinen ausgestreckten Händen und bitte Sie , dem , was mir vom Leben noch bleibt , einen Inhalt und mit dem Inhalt einen Glanz , ein Glück und eine Freude geben zu wollen . « Es schien , daß Franziska nach einer Antwort suchte , der alte Graf aber fuhr fort : » Ich lese deutlich , was in Ihrer Seele vorgeht . O dieser Selbstling , der im Grunde nur einen gefälligen Ton für sein Ohr oder ein sich einschmeichelndes Bild für sein Auge sucht und doch zugleich einen Lebenseinsatz fordert , ein Leben und ein Herz . Aber nein , Franziska , kein Herz oder doch nicht das , was die Welt , die Jugend ein Herz zu nennen beliebt . Ein anderes , das nichts weiter bedeutet als Sympathie . Meine Wünsche , dessen bin ich gewiß , halten sich innerhalb des Erfüllbaren . Worauf bin ich aus ? Ich kann keine trüben Gesichter sehen und liebe Licht und Lachen und Esprit und Witz . Das ist alles , und nur darauf bin ich aus . In meiner Jugend galt ein Champagnerleben als ein Ideal . Aber auch das ist mir zu schwer . Es gibt eine Luft , unter deren Einatmung die Freude kommt und heitere Bilder aus der Seele sprießen . Nach der Luft dürst ich , und ich habe sie , wenn ich in Ihrer Nähe bin . Um diese Nähe werb ich , Franziska , nicht um mehr . Sie sollen frei sein und die Grenzen Ihrer Freiheit selber ziehen ; Ihr feiner Sinn ist mir Bürge , daß Sie sie richtig ziehen werden . « Franziska lächelte leise vor sich hin , und eine Verlegenheit , die sie , während sie sich ähnlicher Worte der Gräfin erinnerte , wenigstens momentan beschlichen hatte , fiel rasch wieder von ihr ab . »