; aber Kühle war nicht in dem Wasser . » Ich weiß es wohl , daß es da nicht gut steht « , flüsterte mir der weißhaarige Schiffs- und Fischersmann beim Aussteigen zu , indem er verstohlen mit dem Daumen nach den heimatlichen Bergwäldern deutete . » Jaja , junger Herr , es fließt alles hin wie das da ! « , und er deutete auf seinen Fluß . Das war kein neues Bild ; ich aber sah doch auf die eiligen Wasser zurück und fand den Vergleich von neuem tiefsinnig und einzig zutreffend . Wie kommt es , daß wir den Eindruck der höchsten Weltweisheit nie aus dem Verkehr mit den Herren vom Metier , wohl aber gar nicht selten aus der Bekanntschaft und dem Umgange mit dem Vater Klaus in seiner Fischerhütte , mit der alten Tante in ihrem Erkerstübchen und mit dem Unbekannten , dem wir seit vier Wochen täglich in der Gasse begegnen und mit dem wir noch nie ein Wort gesprochen haben - ziehen ? ! Weil es die Gemeinplätze , d.h. die höchsten Wahrheiten sind , auf denen unser Leben sprießt , wächst und wuchert , und nicht die hohen Offenbarungen des Menschen im einzelnen . In ruhiger Stimmung bereiten wir uns durch die letzteren wohl auf die entgegengesetzte vor , aber doch mehr , um die gute Stunde noch behaglicher zu machen ; die böse Stunde hat noch keiner behaglicher dadurch gemacht . Es donnerte hinter den Bergen - ein langgezogenes feierliches Rollen dann und wann den ganzen Nachmittag über . Wir kamen nach Hause , und der Herr Graf konnte mit seiner Tochter nichts mehr sprechen . Er starb in der Nacht . Wir anderen von Schloß Werden durchwachten sie , und wir hörten den heftigen Sommerregen in den Blättern rauschen . Elftes Kapitel Ich war dreißig Jahre alt geworden und , wie es in den Sternen geschrieben stand , ein Schulmeister . Ich war Doktor der Philosophie und hatte die venia docendi an der Universität Berlin . Wenn sie nur gekommen wären , um das von mir abzuholen , was ich selber gelernt hatte ! Aber sie blieben aus ; sie schienen der Sache nicht im mindesten zu trauen . Zuerst versuchte ich es , mein philologisches Wissen auf einem rheinländischen Gymnasium an die Jugend zu bringen ; jedoch bekam ich bald von maßgebender Stelle herunter den Rat , diesen Versuch aufzugeben . Man verwies mich zwar nicht offiziell dabei auf meine wirklich etwas hohe Schulter ; aber man zuckte doch nur die Achseln , wenn die Jungen lachten und meine Autorität gleich Null blieb . Die Kirche , die immer den Nagel auf den Kopf trifft , hat auch darin recht , daß sie keinen mit irgendeiner auffälligen Gebrechlichkeit Behafteten unter ihren öffentlichen Dienern leiden will . Sie hat selbstverständlich ihre Würde zu bewahren , selbst auf Kosten ihrer besseren Überzeugung . Hat sie der Schadenfreude und der Lust am Lachen unter ihren Lämmern ein testimonium divitiarum auszustellen , so tut sie es und fühlt nachher nicht das geringste Bedürfnis , sich die Hände zu waschen , wie weiland der römische Prokurator Pontius Pilatus . Ich ging und überließ es besser gewachsenen Oberlehrern und Kollaboratoren , die blonde und blauäugige Jugend der Germanen zum Einjährig-Freiwilligen-Dienst und auf das Abiturientenexamen vorzubereiten . Was ich dann trieb ? Ich war stark im Griechischen und Lateinischen . Einer Lieblingsneigung wegen hatte ich mich auf das Auffinden und Nutzbarmachen mittelalterlicher Geschichtsquellen geworfen , und man hat mich draußen eine Zeitlang schändlicherweise im Verdacht gehabt , Doktordissertationen aus vielerlei Fächern im Vorrat anzufertigen , auf Lager zu halten und sie bei sich bietender Gelegenheit gegen jedes Honorar unter dem Siegel der Verschwiegenheit ( Diskretion selbstverständlich ) zu verschleißen . Dies ist eine schnöde Verleumdung ! Ich habe nur einem Menschen zum » Doktor « verholfen , und der bin ich selber ; und , um eine Redensart der polis anzuwenden was ich mir dafür kaufen konnte , war unbedeutend . Aber es nennen sich , manche Leute Geschichtsforscher und edieren Monographien , Volks- und Völkerhistorien und haben seltsamerweise vor den Quellen gerade eine so große Scheu wie vielleicht in ihrer Jugend vor dem Quellwasser , wenn es am Sonnabendabend zu einer gründlichen Reinigung ihrer Person verwendet werden sollte . Für diese und ähnliche Herren war ich und bin ich der rechte Mann . Als wirklich geheimer Mitarbeiter bin ich denn auch für mehr als einen Parlamentarier schätzbar , und manches » Hört , hört ! « und manches » allgemeine Beifallsgemurmel « wäre eigentlich auf meine Rechnung und nicht die des » verehrten Vorredners « und weit und tief blickenden Realpolitikers auf der Tribüne der gegenwärtig tagenden hohen politischen Körperschaft zu setzen . Was ich mir hierfür kaufen konnte , war etwas , wenngleich nicht viel mehr als das , was mir die Sprachen der Griechen und Römer zu Utilitäts- und Luxuszwecken und Ausgaben abwarfen . So ging es mir denn erträglich nach Wunsch , und sogar was den Luxus anbetrifft ; das jedoch erst seit dem schlimmen schwarzen Tage , an dem ich meine gute Mutter verlor und leider nicht mehr für ihr Behagen in ihren Greisenjahren zu sorgen hatte . Ich saß im Winter warm zu Hause , ich speiste in einer der Restaurationen mittleren Ranges der Stadt , und ich konnte mir dann und wann ein Buch , wenn auch nur antiquarisch , anschaffen ; auf dem hohen Standpunkte wohlangewendeter Lehrjahre , der sich in dem französischen Wort » Je ne lis plus , je relis seulement ! « darlegt , bin ich auch bis heute noch nicht angelangt , hoffe ihn aber dermaleinst zu erklimmen . Mein » Zuhause « bestand in einer bescheidenen Junggesellenwohnung im vierten Stockwerk eines Hauses in der Mittelstraße . Ich besaß wohl eine eigene Bibliothek , aber keine eigenen Möbel . Ich hatte harte , steinige Pfade gehen und meine Wege häufig recht heftigem Winde , argen Staubwirbeln und unbehaglichem Regenschauer abkämpfen müssen . Selbst in