erfahren hatten . Daß sie fortfliegen würde , daran glaubte freilich niemand mehr , mit alleiniger Ausnahme der Mädchen in den Spinnstuben , die voll Spuk- und Gespensterbedürfnis immer Neues und Wunderbares von ihr zu erzählen wußten . Und nicht alles war Erfindung . So hatte sie wirklich eine unbezwingbare Vorliebe für den Schnee . Wenn die Flocken still vom Himmel fielen oder tanzten und stöberten , als würden Betten ausgeschüttet , dann entfernte sie sich aus dem Vorderhause , kletterte die lange Schrägleiter hinauf , die bis auf den First des Scheunendaches führte , und stand dort oben schneeumwirbelt . Die Mädchen versicherten auch , sie hätten sie singen hören . Es bedarf keiner Ausführung , welche phantastisch weitgehenden Schlüsse daraus gezogen wurden . So war es im Winter . Als der Sommer kam , der eine freiere Bewegung gönnte , gewann sie vollends alle Herzen . Sie besuchte nicht nur die einzelnen Bauerhöfe , sondern auch die ausgebauten Lose , die weiter ins Bruch hinein lagen , spielte mit den Kindern und erzählte Geschichten . Das Fremde und Geheimnisvolle , das sie von Anfang an gehabt hatte , blieb ihr , aber niemand wunderte sich mehr darüber . Auch die Dorfmädchen nicht . Einmal verirrte sie sich ; im Kniehaseschen Hause war große Aufregung ; alles lief und suchte bis an die Oder hin . Endlich fand man sie , keine tausend Schritt vom Dorfe . Sie lag schlafend im Korn , ein paar Mohnblumen in der Hand ; ein kleiner Vogel saß ihr zu Füßen . Niemand kannte den Vogel , als er aufflog und aller Augen ihn verfolgten . » Der hat sie beschützt ! « sagten die Hohen-Vietzer . In der Regel spielte sie auf dem Abhange zwischen der Kirche und dem Dorfe , am liebsten auf dem Kirchhofe selbst . Sie las die Inschriften , umarmte den Rasen von ihres Vaters Grabe , kletterte auf die hohe Feldsteinmauer und sah auf die Segel der Oderkähne nieder , die , angeglüht von der sich neigenden Sonne , unten auf dem Strome vorüberzogen . Kam dann des alten Küsters Kubalke Magd , um zu Abend zu läuten , so folgte sie dieser , zog ein paarmal mit an dem Glockenstrang und huschte dann in die schon halbdunkle Kirche hinein . Hier setzte sie sich mit halbem Körper auf das äußerste Ende der Frontbank , auf der am Tage nach der Kunersdorfer Schlacht der Major vom Regiment Itzenplitz verblutet war , blickte seitwärts scheu nach dem dunkeln Fleck , den alles Putzen nicht hatte wegschaffen können , und sah dann , um das selbstgewollte Grauen wieder von sich zu bannen , nach dem großen Vitzewitzschen Marmorbilde hinüber , das die Inschrift trug : » So du bei mir bist , wer will wider mich sein « . So blieb sie , bis der Glockenton verklang . Dann trat sie wieder auf den Kirchhof hinaus , sah der Magd nach , die den Schlängelpfad ins Dorf herniederstieg , und umkreiste bang , aber immer enger und enger die alte Buche , deren zweigeteilter Stamm , der Sage nach , an den Bruderzwist der Vitzewitze gemahnte . Fiel dann ein Blatt oder flog ein Vogel auf , so fuhr sie zusammen . Es waren schöne Tage , dieser erste Sommer in Hohen-Vietz ; aber diese schönen Tage konnten nicht dauern . Die Schulzenleute , Mann wie Frau , hatten längst ihre Sorge darüber . All dies Umherstreifen währte schon zu lange ; Arbeit , Ordnung , Schule mußten an seine Stelle treten . Aber wie ? Beide Kniehases waren weitab davon , ein Prinzeßchen aus ihrem Pflegekind machen zu wollen , aber ebenso bestimmt fühlten sie auch , daß die Dorfschule kein Platz für sie sei . Sie paßte nicht unter die Holzpantoffelkinder , ganz abgesehen davon , daß sie , ohne je eine Schulstunde gehabt zu haben , um ein beträchtliches besser lesen konnte als der alte Jeserich Kubalke , zumal wenn er seine Hornbrille vergessen hatte . In dieser Not half die gute Frau von Vitzewitz . Sie hatte längst daran gedacht , das sonderbare Kind , von dessen phantastischem Wesen sie so manches gehört hatte , als Spiel- und Schulgenossin Renatens in ihr Haus zu ziehen , allerhand Erwägungen aber , die dagegen sprachen , hatten es damals nicht dazu kommen lassen . Der Kniehasesche Pflegling , so gewinnend er sein mochte , war doch immer eines Taschenspielers , im günstigsten Falle eines verarmten Schauspielers Kind , und sowenig sie persönlich einen Anstoß daran nahm , so glaubte sie dennoch in Erziehungsfragen weniger ihr eigenes , durchaus freies und vornehmes Empfinden als vielmehr allgemeine , aus Pflicht und Erfahrung hergeleitete Anschauungen zu Rate ziehen zu müssen . So zerschlug es sich denn wieder . Pastor Seidentopf hätte es freilich wohl schon damals in der Hand gehabt , einen andern Ausgang herbeizuführen ; er wollte jedoch , in einer so verantwortungsvollen Angelegenheit , nicht ungefragt eingreifen und zog es vor , sich die Dinge selber machen zu lassen . Und sie machten sich auch , und zwar in sehr eigentümlicher Weise . Am Rande des Vitzewitzschen Parks , schon in einiger Erhöhung , stand eine Florastatue und sah einen breiten Kiesweg hinunter auf die Gartenfront des Herrenhauses . Zu Füßen der Statue waren fünf dreieckige Blumenbeete angelegt , die in ihrer Gesamtheit einen einfassenden Halbkreis bildeten . An dieser Stelle hatte Marie , bei ihren täglichen Streifereien , häufig ein paar Blumen gepflückt , Balsaminen oder Reseda , und war dabei niemals einem Verbot begegnet . Im Gegenteil . Der Gärtner , des zierlichen und fremdartigen Kindes sich freuend , hatte ihr zugenickt und einmal sogar ihr ein paar Fuchsia-Knospen über das linke Ohr gehängt . Nun war es September geworden ; die roten Verbenen blühten , und dazwischen , aus eingegrabenen Töpfen , wuchsen ein paar unscheinbare Blumen auf , die dem spielenden Kinde als dunkle Vergißmeinnicht erschienen . Sie pflückte sie ab . Es war