meiner ausbrechenden Heftigkeit . » Meinst du denn , es kann das ganze Leben lang so fortgehen , Heinz , daß das Kind wie ein Heide den ganzen lieben Tag über draußen herumtobt und mir abends barfuß , mit Schuhen und Strümpfen in der Hand , heimkommt ? ... Sie kann nichts und versteht nichts und läuft fort wie eine wilde Katze , wenn ihr ein fremdes Gesicht über den Weg geht ! ... Wo soll ' s endlich hinaus ... Das ist immer mein stiller Kummer gewesen , und ich hab ' manchmal vor Angst nicht einschlafen können ; aber solange die Großmutter lebte , konnte ich nicht fort - das ist vorbei , und nun halten mich keine zehn Pferde mehr ! Sei vernünftig , mein Kind ! « sagte sie zu mir und zog mich wie ein kleines Kind auf ihre Kniee . » Ich bringe dich zu deinem Vater - nur zwei Jahre bleibe draußen und lerne was Rechtes , und wenn es dir durchaus nicht gefallen will , da kommst du wieder heim auf den Dierkhof , und nachher bleiben wir zusammen , gelt ? « Zwei Jahre ! Das war ja eine ganze Ewigkeit ! ... Zweimal sollte die Heide blühen , sollten die Störche fortziehen und wiederkommen , und ich war nicht auf dem Dierkhof ; ich steckte zwischen vier dumpfen Wänden und knebelte am verhaßten Strickstrumpf , oder mußte wohl gar Schreibübungen halten und neue Bibelsprüche auswendig lernen ! ... Ich schauderte und schüttelte mich , und jede Fiber in mir stählte sich zu Aufruhr und energischem Widerstand . » Ilse , da lasse mich nur gleich drüben auf dem Gottesacker einscharren ! « sagte ich trotzig . » In die entsetzliche Hinterstube bringst du mich nicht - « » Dummes Zeug ! « unterbrach sie mich . » Glaubst du denn , dein Vater kann sie im Koffer mitnehmen ? ... Er ist ja fortgezogen , und vieles ist anders geworden - nun wohnt er ja in K. « Husch , da war der braune Lockenkopf mit der blendend weißen Stirne wieder und sah mich mit spöttischen Augen an - er kam immer so unversehens und erschreckte mich jedesmal so heftig , daß mir das Blut heiß nach den Schläfen schoß ! » Mein Vater will mich ja nicht ! « sagte ich und steckte das Gesicht in Ilses Halstuch . » Das wollen wir sehen ! « versetzte sie mit einem schlecht unterdrückten Seufzer ; aber sie warf herausfordernd den Kopf zurück und schob mich von sich . » Muß es wirklich sein ? ... Ach Ilse - « » Es muß sein , Kind ! ... Und nun sei still und mache mir das Leben nicht schwer ! Denke an deine Großmutter - die hat ' s auch so gewollt ! « Sie nähte mit verdoppeltem Eifer den zweiten Aermel in das schwarze Kleid ; Heinz aber schob die kaltgewordene Pfeife in die Tasche und schlich fort . Gegen Abend sah ich ihn drüben auf dem großen Hünenbett sitzen ; er hatte die Arme um die Kniee gelegt und sah unverwandt hinaus ins Weite ... Ich lief hinüber und setzte mich zu ihm , und nun flossen die Thränen unaufhaltsam , die sich in Ilses strenger Gegenwart nicht hervorgewagt hatten . Ein so tiefes Trennungsweh hatte das blaue Stück Himmel über uns wohl lange nicht gesehen ! Am anderen Tage sah die Wohnstube schrecklich aus . Eine große hölzerne Truhe stand auf den Dielen , und Ilse packte ein . » Da sieh her ! « sagte sie und hielt mir ein Paket grober , buntgewürfelter Bettüberzüge hin . » Ist das nicht eine wahre Pracht ! ... Ja , da ist Kern drin ! ... Das Spinnwebenzeug , in dem die Großmutter schlief , ist mir von jeher ein Greuel gewesen ! « Sie schob einen Stoß außerordentlich feinen , mit Stickerei besetzten Leinenzeugs verächtlich auf die Seite . » Die neuen Ueberzüge bekommst du mit ; die habe ich nach und nach für den Haushalt angeschafft , seit wir auf dem Dierkhof sind - halte sie ordentlich ! « Auch ein ganzes Regiment jener steifen , unförmlichen Strümpfe aus Heidschnuckenwolle wanderte in den Koffer und füllte einen beträchtlichen Raum . Ilse hatte jahrelang beträchtliche Vorräte für mich aufgespeichert , die nun draußen in der Welt » Staat machen « sollten ... Dann wurden kolossale strotzende Federbetten zu einem Ballen geknetet und in Sackzeug eingenäht - ein riesiges Frachtstück ! Mir verursachten alle diese Vorbereitungen entsetzliches Herzweh , und doch gab es Augenblicke , wo meine junge Seele plötzlich schwoll , wo es über sie kam wie ein frohes Ahnen , eine schöne Hoffnung ; aber das erschien und erlosch wie der Blitz , und - seltsame Gedankenverbindung - mein Blick huschte jedesmal scheu und prüfend über meine Schuhe hin . Sie waren jetzt recht hübsch ausgetreten und gewährten meinen Füßen in liberalster Weise Spielraum . Ich trat so stark auf , als ich vermochte , und suchte mein ängstliches Herz mit der unumstößlichen Gewißheit zu beruhigen , daß die Nägel doch bei weitem nicht mehr so entsetzlich klapperten wie vor vier Wochen . Aber das half nicht immer , und so verstieg ich mich denn einmal in meiner Bedrängnis zu der schüchternen Bitte , Ilse möchte mir unterwegs ein Paar neue Schuhe kaufen . Aber da kam ich schön an . Sie zog mir einen Schuh aus und hielt ihn gegen das Licht . » Solche Nähte und solche Sohlen , die kann man suchen ! « sagte sie . » Das sind Schuhe , in denen du noch nach zwei Jahren zum Tanze gehen kannst ! ... Brauchst keine neuen ! « Damit war die Sache erledigt . Und er kam wirklich , der Morgen , da ich meinen geliebten Dierkhof verlassen sollte ... Früh vor vier Uhr lief ich schon durch die tautriefende Heide . Ich winkte mit ausgebreiteten Armen über die Millionen blütenbeschwerter Erikastengel