jedoch hatte er nicht den rechten Mann getroffen . Andreas erwiderte mit bitterem Lachen : » Und wo keine Ehr ' , ist auch keine Scham . Ich aber bin nun einmal der Lümmel bis in die alten Tage und hab ' nichts Gutes an mir , als daß ich zuweilen am hellen Werktag in eine Predigt komme . Nützen tun an mir diese Predigten freilich nichts , als daß ich den Trost daraus schöpfe , sie hab ' mich doch immer noch ein wenig lieb . « Bei den letzten Worten hatte seine Stimme ein wenig gezittert . Jetzt war es so still , daß man das im Nebenzimmer erwachende Kind die Mutter zu sich rufen hörte . Die Gerufene flog ans Bettchen , und Mutter und Kind beteten laut ihren Morgenspruch . Andreas fragte unterdessen , was sein früher Besuch eigentlich wolle . Hans brachte stotternd sein Anliegen vor . Er war jetzt gar nicht mehr zum Handeln aufgelegt , wie sicher ihn auch die Angaben seines Knechtes gemacht hatten . So mußte denn Jos das Geschäft abschließen , und es ging um so schneller , da Andreas das Geld gleich holen durfte . In seinem Eifer , zu zeigen , daß man künftig des Krämers Rat nicht mehr nötig haben werde , war Jos bemüht , mit der Not des Verschwenders den Preis des Tieres herabzudrücken . Es gelang ihm das auch so gut , daß sogar Hans es bemerkte und ihn gleich vor dem Hause darüber zur Rede stellte . » Ich sehe wohl , du bist nicht besser als der Krämer « , sagte er . Den Knecht ließ sein Gewissen sogleich erraten , was Hans damit meine . » Aber « , antwortete er , » der Andreas ist denn doch kein armer Lipp . « » Aber er hat auch Weib und Kind . « » Oh , die sind sich selbst genug ; sieh nur , wie froh sie sich da oben zulächeln . « Das Weib , welches mit einem wunderlieblichen Mädchen auf dem Arm am offenen Fenster stand , schien wirklich nicht mehr dasselbe , welches vorhin die Stube verließ . Hansen schien dieser Anblick recht in der Seele wohlzutun . Er langte sogleich in die Tasche und warf dem holden Geschöpfe ein großes Stück Zucker zu . Was er sonst noch in der Tasche hatte , warf er in Lipps Stube auf den Boden und hatte am Haschen und Zerren der ärmlich gekleideten Kinder seine Freude . Selbst die Mutter sah eine Zeitlang behaglich lächelnd dem Kriege zu , bei dem ja doch immer eines ihrer Kinder gewann . So gut als Hansen schien ihr aber die Sache doch nicht zu gefallen . Sie ging auf einmal seufzend hinaus , während Hans , der nun seine Taschen geleert hatte , seinen Geldbeutel zog und kleine Kupfermünzen auswarf . Der Eifer der Kinder wurde immer größer , immer weniger schonten sie sich , und es begann bald da , bald dort eines laut zu weinen . Das trieb die Mutter wieder in die Stube zurück . Rasch trat sie ein und sah den reichen Bauern gar nicht wie einen Wohltäter an , indem sie sagte : » Wenn du aus der Leidenschaftlichkeit der Kinder sehen willst , wie grausam nötig wir alles brauchen könnten , so wirst du nun bald fertig sein . Ich könnte dir noch viel erzählen , wenn du nicht selbst an den Heustock denkst , den wir aus purer Armut um einen Spottpreis verkaufen mußten . Mir hat das weh getan , aber doch nicht so weh , als es mir tut , meine Kinder jetzt um des leidigen Geldes willen zum erstenmal in ernstlichen Unfrieden zu sehen . « Der Schusterlipp warf einen großen Leisten so heftig in die Schublade , daß alle anderen Werkzeuge in derselben klirrend aufflogen . Dann sagte er mit schlecht verhaltenem Unwillen : » Sie werden sich noch viel mehr wehren müssen ums liebe Geld . Es gab auch zum Anfangen wohl keine erwünschtere Gelegenheit als heut ' . Eins gewinnt ja immer , und wenn dir das nicht recht ist , so mach ' dich lieber gleich wieder in die Küche . « Das Weib , so erschrocken über den seltenen Ton in den Worten ihres sonst so guten Lipp , daß sie die Anwesenheit der Fremden gar nicht mehr beachtete , bat mit feuchten Augen : » Sei doch um Gottes willen nicht so ! Du weißt ja , daß ich immer dabei bin , wenn es für die Kinder etwas zu verdienen gibt , du weißt , daß es mir da weder zu heiß noch zu kalt ist . Aber , Lipp , nicht gegeneinander sollen sie sein ; jedes für sich und gegen die anderen , das tät ' mir weher als alles , was sonst unsere Armut mitbringt . « » Wir wollen lieber in den Stadel zum Heu « , murrte der Schuster . » Wenn du einmal auf deine Kinder kommst , kann man dir doch nichts mehr aus- oder einreden . « Die letzten Worte sprach er weich , beinahe freundlich , und Jos hatte das Gefühl , hier wäre doch besser sein als in dem neugebauten Hause des Andreas . Trotzdem aber war er so froh als eine arme Seele über ein Vaterunser , daß man jetzt vom Gehen redete . Rasch wendete er sich und erfaßte den hölzernen Türnagel mit beiden Händen , Hans aber blieb wie angebannt stehen . Eine Zeitlang nestelte er an seinem Geldbeutel herum , dann warf er ihn auf den Tisch und sagte etwas unmutig : » Da , du böses Weib , nimm du die wenigen Taler und verteile sie besser , als ich es kann . Nimm nur ! « drängte er , » gleich vor meinen Augen nimm ! Es ist nicht gebettelt und auch nicht geschenkt . Ihr beide müßt mir dafür eine Gefälligkeit tun . « » Nur gefordert !