wieder still und ruhig zu und nickte nur von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe . Als er mit seinem Bericht zu Ende war , sagte sie : » Freilich , es kann niemand wissen , wie dem Nachbar zumute ist , sei ' s , daß ihm eine Schale aus der Hand fällt und zerbricht , sei ' s , daß er vor den Scherben seines ganzen Lebensglückes steht . Ich suche mein Kind - meinen Sohn , Leonhard Hagebucher ; er hat mich verlassen und ist davongegangen in die weite Welt ; er ist geflohen vor dem Schimpf der Leute und hat mich bewegungslos hier zurückgelassen , und ich bin eine Närrin , Leonhard Hagebucher , glaube an Wunder und wäre schon längst gestorben , wenn ich nicht an Wunder glauben durfte . So sitze ich hier in der Katzenmühle und horche bei Tag und Nacht . Es muß einst in dem Wind eine Stimme zu mir herüberdringen , ein Stein muß anfangen zu reden , und während ich darauf harre , lasse ich keinen , der aus der weiten Welt kommt und über meine Schwelle tritt , los , ohne daß er mir Rechenschaft gab über seine Wege und alle , welche ihm auf denselben begegneten . Ich frage sie alle nach meinem Sohne ; wenn ich hundert Jahre lebte und wüßte , mein Kind sei längst tot , ich wurde doch fragen und fragen müssen - ich lebe nur , um mit angehaltenem Atem zu horchen ; o und es ist oft sehr schrecklich , so allein zu wohnen und nichts zu hören als das Niederfallen der Tropfen dort vor dem Fenster ! Ja , die Nikola , die weiß am meisten von allen Menschen davon ; aber sie darf auch am wenigsten davon sprechen . Sagen Sie ihr nicht , daß ich ungehalten auf sie war , Herr Hagebucher ! Ich darf keinem zürnen ; das Schicksal , das über mir ist , könnte es mich entgelten lassen , und ich habe schon so lange , so traurig lange gewartet . Nur die Geduld kann mir helfen , und ich will geduldig sein ; ich will nicht an dem Zeiger der Uhr rücken ; die Leute , die aus der Welt kommen , sollen mir nur sagen , wie es draußen aussieht , wie die Menschen es treiben und wer ihnen begegnete . Es muß einmal jemand kommen , der meinen Sohn kennt , der ihn im Gewühl streifte und ein Wort mit ihm wechselte ; ich aber will still sein hier in der alten Mühle und will mit Geduld auf ihn warten ; weiß ich es doch vor Hunderttausenden nur allzu gut , wie es da draußen zugeht und wie bitter , grausam und blutig das Treiben auf den Straßen der Erde ist ! « Bewegt rief Leonhard Hagebucher : » Liebe Frau , jetzt verstehe ich Sie ganz und hätte Ursache , eine tiefe Reue zu empfinden . Kein Mensch kann die Frau Klaudine so gut verstehen wie der , welcher sich auch zehn Jahre in der Gefangenschaft in Geduld zu fassen hatte und dem nicht einmal die Geduld , sondern nur der Stumpfsinn , das blödsinnige Hinstarren und Hinhorchen in die Leere übriggeblieben war . Ja , nun will ich auch zu der Frau Klaudine sprechen wie zu keinem andern und ihr wie keinem andern Rede stehen ; denn wer könnte gleich ihr einen Sinn in diese Trostlosigkeit und bodenlose Nichtigkeit legen ? ! « » Wir haben uns gegenseitig viel zu bieten und wollen einander nach Kräften helfen « , sprach die Frau aus der Katzenmühle , und dann - erzählte Hagebucher abermals seine Geschichte , diesmal jedoch in einem andern Ton , auf eine andere Weise und der rechten Zuhörerin . An diesem ersten Tage konnte er freilich nur einen Überblick geben ; schon nistete sich die Dämmerung in den tieferen Gründen des Waldes ein , und schon erglühten die höchsten Wipfel und Zweige der Bäume im rötern Lichte der untergehenden Sonne . Schon hatte Leonhard hundert Gestalten , und darunter wunderliche Gesellen , zu Land und zur See vor dem verlangenden Herzen der armen Mutter vorübergleiten lassen , aber den , welchen sie suchte , erkannte sie nicht unter ihnen . Die Dämmerung schlich von allen Seiten immer kühler und kühler aus dem Walde heran gegen die Mühle . Der moosige Fels über dem Dache erhob sich schwärzlich gegen den reinen Himmel des Sommerabends , und die erste Fledermaus verließ ihren Schlupfwinkel und prüfte ihre Schwingen , indem sie einen unsichern Kreis um den morschen Schornstein der Frau Klaudine beschrieb . Fern im Walde erhoben sich die Stimmen der Nacht , und der Spitzhund vor der Gartentür schlug leise an und schritt in dem engen Wege bis zur Tür der Mühle auf und ab , gleich einem treuen Wächter , der sich rüstet , sein Amt in der Finsternis wohl zu versehen . Noch immer saßen Leonhard und die Frau Klaudine neben dem offenen Fenster , und keines von beiden merkte , wie das Licht und die Zeit vorübergegangen waren . Noch immer sprach Leonhard Hagebucher , der jetzt längst seine Zuhörerin in das gelbe glühende Felsental von Abu Telfan zu seiner Lehmhütte geführt hatte , und nannte jetzt auch zum ersten Male den Namen des Herrn van der Mook . » Nun sagen Sie mir noch ein Wort von Ihrem Befreier und von der Stunde Ihrer Erlösung ! « rief die Frau Klaudine . » Schildern Sie mir den Mann , welchen Ihnen die Vorsehung sandte , um Sie zu retten , und wie es Ihnen war , als die Fesseln zur Erde fielen und das Fürchterliche hinter Ihnen lag . Sagen Sie mir mit Ihrem eigenen Munde , wie Sie erlöst wurden , das soll mich bestärken in dem Glauben an die eigene Erlösung ; ach , es sind zu viele , die sagen : Ihr kann nicht geholfen werden ! Und ich bin so allein ,