alte Mamsell bitterböse , aber der Schalk leuchtete aus ihren Augen . Sie fuhr leicht mit den Fingern über die Wange des jungen Mädchens . Beide lachten und schritten nach dem Glasschranke . Dies schwerfällige , altväterische Möbel hatte auch seine Geheimnisse . Tante Cordula drückte auf eine harmlos scheinende Verzierung , und an der äußeren Seitenwand sprang eine schmale Thür auf . Der sichtbar werdende Raum war die Bank der alten Mamsell , und in früheren Zeiten hatte er für Felicitas ' Kinderaugen den Nimbus einer Christbescherung gehabt ; denn nur selten durfte sie einen scheuen , halbbefriedigten Blick auf all die hier aufgespeicherten Kostbarkeiten und Raritäten werfen . Auf den schmalen Regalen lagen einige Geldrollen , Silberzeug und Schmucksachen . Während die Tante eine Rolle anbrach und die Thaler bedächtig zählte , ergriff Felicitas eine in der dunkelsten Ecke stehende Schachtel und öffnete sie neugierig . Es lag ein goldener Armring , weich auf Watte gebettet , darin ; kein edler Stein blitzte an dem Reifen , allein er wog schwer in der Hand und mußte wohl massiv von Gold sein . Was aber ganz besonders an ihm auffiel , das war sein Umfang - einer Dame wäre er sicher über die Hand geglitten , er schien somit weit eher für das derbe Handgelenk eines kräftigen Mannes bestimmt zu sein . Nach der Mitte zu wurde er bedeutend breiter , und hier hatte der Grabstichel in wundervoller Weise Rosen und feines Gezweig zu einem Medaillon ineinander geschlungen . Der Kranz umfaßte folgende Verse : » Swa zwei liep ein ander meinent herzelichen âne wanc Und sich beidiu sô vereinent , « Das junge Mädchen drehte den Ring nach allen Seiten und suchte eine Fortsetzung ; denn wenn auch des Altdeutschen nicht mächtig , übersetzte sie doch mit Leichtigkeit den letzten Vers in die Worte : » Und sich beide so vereinen , « - das war aber kein Schluß . » Tante , kennst du das weitere nicht ? « fragte sie , immer noch eifrig suchend . Die alte Mamsell hielt den Finger auf einen eben hingelegten Thaler und sah mitten im Zählen auf . » O Kind , über was bist du da geraten ! « rief sie heftig - es lagen Unmut , Schrecken und Trauer zugleich in ihrer Stimme . Sie griff rasch nach dem Armbande , legte es mit bebender Hand in die Schachtel und drückte den Deckel darauf . Ein feiner , roter Fleck brannte plötzlich auf der einen Wange , und die gerunzelten Augenbrauen gaben ihrem Blick etwas düster Brütendes - ein nie gesehener Anblick für das junge Mädchen . Ja , es schien fast , als versänke die Gegenwart völlig vor einer gewaltsamen Flut plötzlich heraufbeschworener Erinnerungen , als wisse die alte Dame gar nicht mehr , daß Felicitas neben ihr stehe , denn nachdem sie mit fieberhafter Hast die Schachtel in die Ecke gestoßen hatte , ergriff sie einen danebenstehenden , mit grauem Papier beklebten Kasten und fuhr streichelnd und liebkosend mit der Rechten über die abgestoßenen Ecken desselben ; ihre Züge wurden milder , sie seufzte und murmelte vor sich hin , während sie ihn gegen ihre eingesunkene Brust drückte : » Es muß vor mir sterben ... und ich kann es doch nicht sterben sehen ! « Felicitas schlang ängstlich die Arme um die kleine schwächliche Gestalt , die in diesem Augenblick wie hilf- und haltlos vor ihr stand . Es war zum erstenmal seit ihrem neunjährigen Verkehr , daß die Tante die Herrschaft über sich selbst verlor . So zart und hinfällig in der äußeren Erscheinung , hatte sie doch unter allen Umständen einen merkwürdig starken Geist , eine unerschütterliche Seelenruhe gezeigt , die kein äußerer Anlaß aus dem Gleichgewichte zu bringen vermochte . Sie hatte sich mit jeder Faser ihres Herzens liebend an Felicitas angeschlossen und alle ihre Kenntnisse , ihren ganzen Schatz kerngesunder Lebensansichten in die junge Seele niedergelegt , aber vor ihrer Vergangenheit lagen heute noch wie vor neun Jahren Siegel und Riegel . Und nun hatte Felicitas in unvorsichtiger Hast an dies scheu verschlossene Stück Leben gerührt - sie machte sich die bittersten Vorwürfe . » Ach , Tante , verzeihe mir ! « bat sie flehentlich - wie kindlich rührend konnte dies junge Mädchen bitten , das Frau Hellwig einen Starrkopf , ein Stück Holz genannt hatte ! Die alte Mamsell fuhr sich mit der Hand über die Augen . » Sei still , Kind , du hast nichts verbrochen , aber ich , ich schwatzte kindisch wie das Alter ! « sagte sie mit erloschener Stimme . » Ja , ich bin alt , alt und gebrechlich geworden ! Früher , da biß ich die Zähne zusammen , die Zunge lag still dahinter , und ich stand stramm nach außen - das will nicht mehr gehen - es ist Zeit , daß ich mich hinlege . « Sie hielt den kleinen schmalen Kasten noch immer zögernd in den Händen , als ringe sie nach Mut , das ausgesprochene Todesurteil jetzt gleich zu vollziehen . Allein nach einigen Augenblicken legte sie ihn rasch an seine frühere Stelle und schloß den Schrank . Und damit schien auch die äußere Ruhe zurückzukehren . Sie trat an den runden Tisch , der neben dem Schranke stand , und auf welchem sie das Geld hingezählt hatte . Als sei nicht das mindeste Störende vorgefallen , nahm sie die Rolle wieder auf und legte noch zwei Thaler zu den blanken Reihen . » Das Geld wollen wir in ein sauberes Papier wickeln , « sagte sie zu Felicitas - an ihrer Stimme hörte man freilich noch den schwer bekämpften inneren Aufruhr - » und das Päckchen in die kleine rote Mütze stecken , da ist doch schon etwas Segen darin gewesen , ehe das junge Köpfchen hineinkommt ... Und Heinrich soll heute abend punkt neun Uhr auf seinem Posten sein - vergiß das ja nicht ! « Die alte Mamsell hatte nämlich auch ihre großen Eigenheiten