heidnische Spuk des Erlkönigs ließ diesen vortrefflichen Mann seine Patienten vergessen , « unterbrach sie die Baronin höhnisch . » Nun , ich bescheide mich ... Es liegt leider in unserer traurigen Zeit , daß die Vertreter des Unglaubens die herrschenden werden . « » Aber , mein Gott , Amalie , was willst du denn , daß ich thun soll ? Du weißt ja nur zu gut , daß Fels mir unentbehrlich ist .. er ist der erste und einzige Arzt , der meine körperlichen Leiden zu lindern versteht ! « rief Helene , und ihr Auge schimmerte feucht , während die Röte der Aufregung in ihre blassen Wangen stieg . » Ich dächte , mein Fräulein , « begann hier Frau von Lehr , die bis dahin schweigend und lauernd wie eine Spinne in einer Ecke gesessen hatte , langsam und feierlich , » vor allem müsse wohl das Seelenheil berücksichtigt werden ; die Sorge für das körperliche Wohl kommt meiner Ansicht nach erst in zweiter Linie ... Im übrigen hat L. noch mehr vortreffliche Aerzte aufzuweisen , die es getrost mit der Gelehrsamkeit des Herrn Doktor Fels aufnehmen können ... Glauben Sie mir , liebes Fräulein , es berührt die Gläubigen in unserem guten L. oft schmerzlich , wenn sie sehen müssen , wie ihr offenkundiger Widersacher als Freund und Ratgeber in Ihrem Hause aus und ein gehen darf . « » Wenn ich auch das Opfer bringen wollte , einen anderen Arzt zu nehmen , « entgegnete Helene , » so dürfte ich doch ohne die Einwilligung meines Bruders diesen Schritt nicht thun . Da aber würde ich auf den heftigsten Widerstand stoßen - ich weiß es - denn Rudolf hält sehr viel auf den Doktor und schenkt ihm sein unbedingtes Vertrauen . « » Ja , Gott sei ' s geklagt ! « rief die Baronin . » Das ist auch so eine schwache Seite in Rudolfs Charakter , die ich nie habe begreifen können ! ... Mit diesem sogenannten Freimute , den man am besten mit Frechheit übersetzen könnte , imponiert ihm der Herr Fels ... Nun , ich wasche meine Hände , werde mir aber künftig die Besuche des Herrn Doktors verbitten und halte mich bei dir , liebe Helene , für die Zeit stets entschuldigt , wenn du ihn bei dir siehst . « Fräulein von Walde erwiderte kein Wort . Sie erhob sich , während ihr getrübtes Auge durch das Zimmer glitt , als vermisse sie etwas ; es schien Elisabeth , als gelte dieser suchende Blick Herrn von Hollfeld , der vor einer Weile unbemerkt das Zimmer verlassen hatte . Die Baronin griff nach ihrer Spitzenumhüllung , und auch Frau von Lehr nebst Tochter rüsteten sich zum Aufbruche . Beide sagten dem Kandidaten , der seinen Vortrag geendet hatte und nun , verlegen seine Hände reibend , am Flügel stand , noch einige Liebenswürdigkeiten und verabschiedeten sich dann in Begleitung der Baronin von Helene , die ihnen mit erschöpfter Stimme gute Nacht sagte . Als Elisabeth die Treppe hinunterstieg , sah sie Herrn von Hollfeld in einem gegenüberliegenden , nur schwach beleuchteten Korridor stehen . Er hatte droben während des Zornergusses seiner Mutter in einem Album geblättert und sich mit keinem Worte in die leidenschaftlichen Verhandlungen gemischt . Das war Elisabeth ganz abscheulich vorgekommen ; sie hatte lebhaft gewünscht , er möge zu Helene stehen und dem Treiben der Baronin durch ein männlich ernstes Wort ein Ende machen . Noch mehr aber mißfiel es ihr , als sie bemerken mußte , daß er , über das Buch hinweg , sie unausgesetzt fixiere . Möglich war es schon , daß er in ihren Zügen den Verdruß über sein Benehmen gelesen hatte , aber sie meinte , dafür habe er sie nun lange genug angestarrt . Sie fühlte , daß sie endlich unter seinem Blicke tief errötete , und ärgerte sich darüber um so mehr , als dies ihm gegenüber , ganz gegen ihren Willen , schon einige Male der Fall gewesen war . Ein eigentümlicher Zufall wollte nämlich , daß sie beim Nachhausegehen von Schloß Lindhof Herrn von Hollfeld stets begegnete , sei es nun im Korridor , auf der Treppe , oder daß er plötzlich hinter einem Boskett hervortrat . Warum ihr dies zuletzt peinlich wurde und sie verlegen machte , wußte sie selbst nicht . Sie grübelte auch nicht weiter darüber und hatte die Begegnung meist vergessen , ehe sie noch daheim war . Jetzt nun stand er da drunten in dem dunklen Gange . Ein schwarzer , tief herabgedrückter Hut bedeckte halb sein Gesicht , und den hellen Sommerrock hatte er mit einem dunklen Ueberzieher vertauscht . Er schien auf etwas gewartet zu haben und trat , sobald Elisabeth die letzte Stufe erreicht hatte , rasch auf sie zu , als ob er ihr etwas sagen wolle . In dem Augenblicke erschienen Frau und Fräulein von Lehr droben auf der Treppe . » Ei , Herr von Hollfeld , « rief die alte Dame hinab , » wollen Sie denn noch eine Promenade machen ? « Die Züge des jungen Mannes , die Elisabeth auffallend belebt und erregt vorgekommen waren , nahmen sofort einen gleichgültigen , ruhigen Ausdruck an . » Ich komme aus dem Garten , « sagte er in eigentümlich nachlässigem Tone , » wo ich mich in der milden Nachtluft noch ein wenig ergangen habe . Bringe Fräulein Ferber nach Hause , « gebot er dann dem Hausknechte , der eben zu diesem Zwecke mit einer Laterne aus der Domestikenstube trat , und schritt , nach einer Verbeugung gegen die Damen , in den Korridor zurück . » Wie gut ist ' s , « sagte Elisabeth eine Stunde später , als sie , am Bette der Mutter sitzend , ihren Bericht über die heutigen Erlebnisse schloß , » daß wir morgen Sonntag haben . Da wasche ich in unserer lieben , einfachen Lindorfer Dorfkirche den häßlichen Eindruck aus der Seele , den mir die