Nein , entgegnete der Andere ; ihn dauernd in einer jüdischen Familie zu lassen , wäre doch nicht wohl thunlich gewesen , und ich zweifle auch , daß Herr Flies sich dazu verstanden haben würde , ihn aufzunehmen , da .... Und Ihr Vetter , der früher in dem Flies ' schen Hause wohnte ? unterbrach ihn der Baron ; ich habe an Ihren Vetter und dessen Frau gedacht .... Die Leute sind kinderlos , bemerkte der Caplan . Eben deshalb ! meinte jener lebhaft . Meine Verwandten sind so sehr an eine ruhige Häuslichkeit gewöhnt , daß eine Störung derselben ihnen durch Nichts aufgewogen werden könnte , sagte der Caplan ablehnend . Der Baron verstand ihn , das bewies das unwillkürliche Zusammenpressen seiner Lippen ; der Caplan ließ ihm aber zu seiner Mißempfindung nicht lange Zeit , denn er berichtete , wie der Juwelier Rath geschafft und ihn an die Familie gewiesen habe , welche jetzt den dritten Stock seines Hauses als Miether bewohnte . Wer sind die Leute ? fragte der Baron dazwischen , der sich im Bette aufgerichtet und den Kopf auf die weiße , wohlgepflegte Hand gestützt hatte , die vornehm aus den Spitzenmanschetten des weitärmeligen Nachthemdes hervorsah . Eine ebenfalls kinderlose Beamtenfamilie , wie meine Verwandten . Die Frau zeigte sich ohne Weiteres bereit , auf den Vorschlag einzugehen , da das Gehalt des Kriegsrathes nur beschränkt und die Familie doch zu einem gewissen Aufwande genöthigt ist . Eine Vermehrung der Einnahmen schien ihr also sehr erwünscht . Der Kriegsrath hatte Bedenken , sie wurden aber von der Gewandtheit des Juweliers ohne all mein Zuthun besiegt . Bedenken ? wiederholte der Baron mit einem Anfluge jenes empfindlichen Stolzes , der sich wundert , wenn sich Jemand seinen Wünschen nicht gefügig zeigt . Sie galten der Herkunft des Knaben , der möglichen Ungelegenheit , welche dieselbe verursachen könnte , und endlich auch der Sicherheit der Pensionszahlungen , für die Herr Flies sich dann natürlich alsobald verbürgte , während er zugleich auf die Förderung hindeutete , welche dem Kriegsrathe durch Ihre Vermittlung zu Theil werden könnte . Sie glauben also , daß der Knabe dort gut aufgehoben ist ? fragte der Baron , über die Antwort des Caplans leicht hinweggehend . Der Juwelier versicherte es mir , und eilig , wie ich war , fand ich es am besten , ihn in dem Hause zu lassen , da Herr Flies und seine Frau ein Auge auf ihn zu haben versprachen . Der Baron nickte zustimmend . Ich danke Ihnen , sagte er , Sie haben mir einen Dienst geleistet ; ich bin über den Knaben beruhigt , wenn Flies ihn in seiner Nähe und Aufsicht behält . Wollte Gott , ich könnte mich auch sonst beruhigen ! Man hätte vielleicht der Unglücklichen Zeit lassen , Sie hätten ihr nachgeben , ihr gestatten sollen , den Winter oder wenigstens noch einige Wochen in Rothenfeld zu bleiben . Ich beurtheilte Pauline richtiger , als Sie ! Der Caplan war , wie er den Baron kannte , darauf vorbereitet gewesen , daß er es zu seiner Selbstberuhigung versuchen würde , dem Freunde einen gewissen Antheil an dem Unheile aufzubürden , welches er selber angerichtet hatte . Er ließ also diese Aeußerungen absichtlich unbeachtet , und dadurch genöthigt , sich weiter kund zu geben , sagte der Baron , von dem Thatsächlichen der traurigen Angelegenheit abbrechend : Gewisse Erfahrungen muß man an sich selber machen , und so theuer man sie erkauft , bezahlt man sie doch wahrscheinlich nicht zu hoch . Sie werden sich künftig , mein werther Freund , über mich nicht mehr zu beklagen haben ! Der Caplan bat um eine Erklärung dieser Worte . O , versetzte jener , mich dünkt , darüber könnten Sie nicht in Zweifel sein ! Ich habe wohl sonst Ihre strengen Morallehren als unnatürliche Beschränkungen , Ihre ganze Weltanschauung und Lebensführung als die Frucht eines furchtsamen Aberglaubens angesehen , und Sie in meinem Innern beklagt , daß Sie sich in Folge Ihrer Gelübde nicht zu genießen erlaubten , was uns zum Genusse ladet und für denselben geschaffen ist . In den letzten Tagen , sagte er mit einem schweren Seufzer , habe ich mich aber oftmals des Gedankens nicht erwehren können , daß Sie jetzt der Glücklichere von uns beiden sind . Ja , ich habe Sie recht eigentlich um Ihre Gemüthsruhe , um Ihren Seelenfrieden beneidet und oft gedacht , daß man schon aus Selbstsucht und Berechnung ein einfaches , reines Leben führen müßte . Wenn ich daher in meiner Ehe mit Gräfin Angelika Kinder haben sollte , so will ich sie Ihnen und Ihrer Führung ausschließlich anvertrauen , und Sie sollen mich an diese Stunde erinnern , lieber Freund , wenn ich gegen dieses Versprechen handle . Es ist sicher ein köstlich Ding um ein unbeflecktes Gewissen und um die Möglichkeit des Glaubens und des Gebetes ! Der Geistliche sah ihn prüfend an . Er wußte , welcher schnell wechselnden Ansichten der Baron fähig war , und pflegte deßhalb auf seine Aeußerungen , sofern sie aus einer ungewöhnlichen Stimmung hervorgingen , kein großes Gewicht zu legen . Es däuchte ihm aber , als sei es Pflicht des Christen und vor Allen des Geistlichen , einem Schwerbeladenen und Niedergebeugten , und ein solcher war der Freiherr jetzt in jedem Betrachte , in der Stunde der Noth die Hand zu reichen , und ihm den Trost zu bieten , an welchem man sich in der eigenen Ohnmacht gehalten und an dem man sich aufgerichtet hat . Haben Sie es denn versucht , fragte er ihn deßhalb sanft und ernst , sich einmal innerlich Ihr ganzes bisheriges Leben darzulegen ? Haben Sie es versucht , recht in sich zu gehen und sich mit dem Gedanken an die Folgen Ihres Handelns Rechenschaft über dasselbe zu geben , als wäre diese Rechenschaft von einer Macht gefordert , die den Zusammenhang der Dinge besser kennt , als wir ? Haben Sie sich denn in letzter Zeit