wohl auf Eleonore machen würde , wenn ich plötzlich mein bleiches Gesicht von der Tischplatte erhöbe und zu ihr spräche : Das hast Du ja auch zu mir gesagt vor einigen Jahren auf der Wiese im Walde von Fichtenau ; aber ich bezwang mich und lauschte dem Gespräch , das noch eine Weile in derselben Weise fortging . Zuletzt sagte der Cavalier : Und wann werde ich Sie wiedersehen ? Wann Sie wollen - Das heißt ? Daß ich für meine Freunde immer zu Hause bin . Und wo ist zu Hause ? Boulevard des Capucins numéro dix sept , fragen Sie nur nach Mademoiselle Eleonore - Adieu ma reine ! Sie wollen schon fort ? Leider muß ich . Weshalb ? Meine Braut erwartet mich im Salon ihrer vortrefflichen Frau Mutter ; und wird au désespoir sein , daß ihr getreuer Seladon sie so lange schmachten läßt . Sie haben eine Braut ? O , Sie Unglücklicher ! Ich hoffe , Sie werden mir mein Unglück tragen helfen . Nous verrons . Und das Paar entfernte sich lachend ; Eleonorens seidenes Gewand streifte mich , als sie an mir vorüberschritt . Mein Begleiter trat wieder zu mir und legte die Hand auf meine Schulter . Ich weiß Alles , sagte er . Ich auch , antwortete ich , den Kopf emporhebend . Woher ? Sie hat es mir selbst gesagt . Der Freund glaubte , ich rede irre . Kommen Sie , sagte er , die Hitze greift Sie sehr an . Du kannst Dir denken , daß ich in dieser Nacht nicht viel schlief . Ich entwarf und verwarf tausend Pläne , wie ich Eleonore aus dieser Hölle retten könne , denn daß ich sie retten müsse - daran hatte ich keinen Augenblick gezweifelt . Ich stand am Morgen auf , ohne zu einem bestimmten Entschlusse gekommen zu sein . Ich fürchtete nicht für mich . Denn mein Herz konnte nicht tiefer zerfleischt werden , als es gestern Abend geschehen war ; ich fürchtete für Eleonoren , daß ein plötzliches Wiedersehen sie zu entsetzlich demüthigen , vielleicht vernichten würde . Und doch wußte ich nach mehreren Tagen der Unentschlossenheit keinen bessern Rath , als gerade zu ihr zu gehen . Mein Freund schüttelte zu Allem den Kopf . Aber , mon cher , rief er einmal über das andere . Sie lieben das Mädchen ja noch immer ! Hatte er Recht ? Ich weiß es nicht . Jedenfalls war diese Liebe anderer Art , als die gewöhnliche , denn sie wußte nichts von verletztem Stolz , gedemüthigter Eitelkeit - - ja , nicht einmal von der Furcht , sich möglicherweise durch den Versuch der Rettung eines Wesens , das gar nicht gerettet sein wollte , lächerlich zu machen . Ich ging , nachdem ich mit mir einig geworden , des Vormittags nach dem Hause an dem Boulevard . Der Portier lächelte , als er auf meine Frage , ob hier Mademoiselle Eleonore wohne , sein : Oui Monsieur , au troisième , antwortete : Mademoiselle wird schwerlich schon zu sprechen sein , fügte er hinzu : sie ist erst gegen Morgen nach Hause gekommen . Ich stieg die mit Teppichen belegten Treppen hinauf ; in der dritten Etage stand auf einem Porzellanschilde neben einem Klingelzug : » Mademoiselle Eléonore de Saint - Georges « . Der wievielte Name mochte dies sein , den die Unglückliche führte , seitdem sie den ehrlichen Namen ihres Vaters abgelegt hatte ? Ich schellte . Eine häßliche Person , die halb Magd und halb Kammerfrau zu sein schien und die durch die Reinlichkeit ihres Anzuges und die affectirte Ehrbarkeit wo möglich nur noch häßlicher wurde , öffnete und fragte nach meinem Begehr . Ich wünschte Mademoiselle Eleonore zu sprechen . Mademoiselle ist unwohl und nimmt heut keine Besuche an . - Ich muß sie sprechen . - Unmöglich , sagte das Weib ; ich habe so eben nach einem Arzt geschickt ; und sie wollte die Thür wieder schließen . - Aber , Madame , der Arzt bin ich . - Ah , c ' est autre chose ; entrez Monsieur , entrez ! Sie führte mich durch ein kleineres Vorzimmer in ein hohes , stattliches , mit beinahe fürstlicher Pracht ausgestattetes Gemach und bat mich , einige Augenblicke zu verweilen , bis ihre Gebieterin erscheinen würde . Ist Mademoiselle schon aufgestanden ? Ja , ich komme sogleich zurück . Sie verschwand durch einen dichten Vorhang . Ich blieb mitten in dem Gemache stehen und blickte auf alle die Pracht , die mich umgab , auf all ' die herrlichen Spiegel , die üppigen Gemälde von Watteau und Boucher in ihren breiten Goldrahmen , die chinesischen Pagoden auf dem marmornen Kaminsims , die Vasen und Schalen von dem feinsten Porzellan , auf die schwellenden Sophas und Divans mit derselben Andacht , mit welcher ein Arzt auf die kostbare Manchette einer Hand blickt , die er amputiren soll . War ich doch als Arzt hierher gekommen ! hatte ich doch nur als Arzt das Recht , hier zu sein ! Die Kammerfrau erschien wieder und bat mich , ihr zu folgen . Sie schlug den Vorhang zurück , um mich durchzulassen . Ich trat in einen halbdunklen , mit weichen Teppichen , wie alle die Zimmer belegten , und dunkelrothen Seiden-Tapeten ausgeschlagenen Raum , das Schlafgemach der Gebieterin , und dann wieder durch einen Vorhang in ein anderes schönes helles Gemach . Von der Ausstattung dieses Gemachs sah ich nichts mehr ; ich sah nur die schlanke weiße Gestalt , die sich bei meinem Eintreten von dem Divan , auf dem sie gekauert hatte , erhob , und mir einige Schritte entgegentrat . Und diese schlanke weiße Gestalt mit dem bleichen , verfallenen , schönen Gesicht , aus dem die großen dunklen Augen mit fast gespenstischer Klarheit leuchteten - dieses schöne , geistig und physisch gebrochene , verlorene Wesen war meine angebetete , einst wie eine Rose in Unschuld und Jugend prangende Eleonore .