der Vater Wienand seinem Kinde durch all sein Gold nicht erkaufen können . Das Freifräulein wurde der Schutzengel , welcher das kleine Mädchen in die Höhe hob , von der es frei und gesichert in das Gewühl der armen Menschheit blicken konnte . So wuchs und gedieh Helene Wienand unter diesem guten Schutz und ward zu einem an Leib und Seele schönen Jungfräulein , und der Bankier wunderte sich manchmal sehr darüber , wie die » Gnädige « es anfing , alle löblichen Eigenschaften des Kindes zu finden , zu erwecken und zur Blüte zu bringen . Der Bankier , der in ganz andern Anschauungen lebte , bekam zuletzt nicht nur Respekt vor dem hinkenden Freifräulein - das verstand sich von selbst - , sondern auch vor seinem Töchterlein . Auf diese Weise erreichte Helene Wienand ihr achtzehntes Jahr , und wir fanden sie auf dem Wege unserer Geschichte , wie wir sie im Anfange geschildert haben . Siebentes Kapitel Auf dem Observatorium des Sternsehers Heinrich Ulex . Fräulein Juliane von Poppen hat eine Entdeckung gemacht Der Polizeischreiber Fiebiger klopfte an die Tür des Astronomen Heinrich Ulex . Trotzdem es nicht leicht denkbar war , daß ein irgend Unbekannter zu dieser Zeit der Nacht sich hierher störend verlieren könne , war die Pforte doch doppelt und dreifach verriegelt und öffnete sich auch nicht so leicht wie die Tür zum Polizeibüro Nummer dreizehn oder irgendeine andere vielgebrauchte Tür . Sie öffnete sich mit Gekreisch und schloß sich mit Geknarr . Der Mann , welcher den Riegel weggeschoben hatte , sah fast aus wie der Zauberer im Märchen - ein echter Gelehrter im langen grauen Schlafrock , graubärtig und grauhaarig . Er nickte dem Eintretenden freundlich , aber kurz zu und schritt schnell zu einem Teleskop zurück , welches gegen den Nachthimmel , der allmählich ziemlich klar geworden war und an dem nur noch dann und wann eine schnelle Wolke hinjagte , gerichtet war . Unbekümmert darum ließ sich der Schreiber in der Nähe des kleinen Kachelofens in einem Lehnstuhl nieder und sah dem Forscher gleichmütig zu ; ein Fremder würde sich jedenfalls verwundert in dem Gemache umgesehen haben . Mit Büchern und Instrumenten war es vollgestopft wie das Studierzimmer des Faust . Merkwürdigkeiten aus allen Naturreichen , Globen , astronomische Gerätschaften waren überall hingestopft , wo Raum war und auch nicht war , und schienen es darauf abgesehen zu haben , den Unvorsichtigen überall zum Stolpern zu bringen . Auf dem grünbehangenen schwerfälligen Tische neben der Lampe , unter ungeheuern Haufen beschriebenen Papieres stand ein zierliches Kunstwerk des achtzehnten Jahrhunderts , eine sogenannte Sphaera armillaris , das kopernikanische Weltsystem kunstreich und ganz vortrefflich darstellend . An der Wand hing eine genaue Abbildung der mensa Isiaca neben einem schönen Bildnisse Keplers . Des Jesuiten Kaspar Schotts » Magia naturalis « von 1657 lag auf einem Seitentischchen neben Hegels » Naturphilosophie « , und Vaninis » De admirandis Naturae Reginae Deaeque Mortalium arcanis libri IV « neben Kants » Kritik der reinen Vernunft « , Giordano Brunos » Del infinito universo « und » Della causa , del principio ed uno « neben Schellings Buch über die Weltseele . Eine geraume Zeit blickte der Sternseher , der Erdenwelt vollständig entzogen , durch sein Rohr , bis er sich endlich mit einem befriedigten Seufzer gegen den späten Besucher umwandte . » Eine sehr schöne Konstellation , Fritz . Beinahe hätte die Wolke , die jetzt dort zieht , mich ihren Gipfelpunkt verlieren lassen . O die Wolken und die Mauern ! Es ist ein Leiden , da hat mir dort südwärts wieder ein Mensch ein Stockwerk auf sein Haus gesetzt und mir meinen herrlichen Fomahand geraubt , der Barbar - grad am Maul des mittägigen Fisches . Der Globus aerostaticus ist auch schon fort mit den Schenkeln des Wassermannes . Wie lange wird ' s dauern , so verliere ich auch den Scheat , den Markab , den Algenib - den ganzen Pegasus . Sie rammen die Gerüste schon ein . Wahrlich , da möchte man wohl Bellerophon sein , um dieses Ungeheuer von aufschwellender Stadt , dieses chimärische Untier von Mörtel , Ziegel , Elend und Essenqualm niederzureiten in den Schmutz , aus dem es entstanden ist . Das ganze Firmament noch wird es mir dunkel und gierig verdecken . Ach meine schönen Sterne ! Immer höher muß man steigen , je mehr das Irdische andringt . Übrigens freue ich mich , Fritz , daß du noch gekommen bist ; in jetziger Jahreszeit muß man auf jeden klaren Augenblick achten und ihn benutzen . Sieh her , ich will - o weh - da sind die Wolken wieder ! Ach meine schönen Sterne ! « » Laß die Sterne , sie werden in einer andern Nacht um so heller scheinen ; ich habe dir etwas anderes mitzuteilen , welches auch dich angeht ; denn auf dich habe ich in mehr als einer Hinsicht dabei gerechnet ! « » Nun ? « » Ich will mich verändern ! « Der Sternseher sah den Schreiber höchst verwundert an : » Du - du - willst dich verändern - jetzt noch ? - heiraten , du - o Fritz , Fritz ! « Lachend schlug Fiebiger mit beiden Händen auf die Knie : » Sehr gut ! Ausgezeichnet ! Na , beruhige dich , mein Alter ; ganz so schlimm habe ich es doch nicht mit mir im Sinn . In anderer Art will ich mich verändern - « » Ausziehen ? ! « Der Schreiber schüttelte den Kopf : » Auch das nicht ; ich liebe die Musikantengasse und die hintere Aussicht auf diesen wackligen , närrischen Giebel und diesen Tubus , Heinz . Ich bin mit der Laterne umhergegangen , habe gesucht und endlich den jungen Taugenichts gefunden , den ich adoptieren will . ' s ist ein Landsmann aus dem Winzelwalde , Heinrich Ulex ; ' s ist ein Poppenhagener . « » Also das ist ' s ; gottlob ! « seufzte