keine Augen hat sie ! sonst müßte sie doch gewahr werden , daß Uriel nur für sie Augen hat . Welch ein Kreuz sind doch die Töchter ! man wird nie aus ihnen klug ! im Grunde freilich - aus keiner Frau . » Ist Uriel nicht ganz geschaffen , um einem jungen Mädchen den Kopf zu verdrehen ? « fragte er einmal Levin . » Je nachdem der Kopf ist ! « antwortete dieser lachend . Uriel war in der Tat ein herrlich begabter Mensch voll Adel der Gesinnung , Kraft des Charakters und hellem Verstande , noch nicht ganz abgeklärt in den innersten Tiefen seines Wesens , noch etwas übermannt von der chaotischen Bildung der Zeit ; ganz verschieden von Orest , der um ein Jahr jünger , aber schon ganz weltfertig in seiner Richtung und sehr entschlossen war , sich das Leben nicht verkümmern zu lassen . Uriel war nichts weniger als befreundet mit Florentin , dessen skeptischer und negierender Verstand in der Schule moderner Aufklärungswissenschaft sein Element gefunden hatte . Orest hatte sich nicht sehr mit den Studien befaßt ; umso williger ging er auf die Ansichten ein , die sich bei Florentin entwickelt hatten und die er ungemein bequem für das Leben fand , ausgenommen einen Punkt . Florentin bezeichnete kurz und bündig seinen Standpunkt so : In der Religion - Protestantismus ; in der Philosophie - Radikalismus ; in den Rechts- und Naturwissenschaften - Empirismus ; in den allgemeinen Weltverhältnissen - Sozialismus . Zu diesem letzten Punkte vermochte Orest sich nicht zu erheben . Die Herrschaft Stamberg war das Bleigewicht , welches seinen Schwung lähmte . Wenn es an den Sozialismus ging , sprang er ab . Florentin hatte ihm hundertmal bewiesen , das sei unlogisch ; untergrabe man das Fundament eines Hauses , so stürzten Mauern und Dach ein , und es sei unmöglich , auch nur einen Dachziegel schwebend in der Luft zu erhalten . Man müsse nur den wahren Sachverhalt allen Gefühlsnebeln entrücken , die Dinge bei ihrem wirklichen Namen nennen , und die Empfindsamkeitsverbrämungen bei Seite schieben . Die Verwerfung der Autorität der Kirche im sechzehnten Jahrhundert sei der erste Akt der Mündigkeit des Menschengeistes und eine Verwerfung derjenigen Lehre gewesen , welche unter dem Namen Christentum von herrschsüchtigen und heuchlerischen Pfaffen ersonnen und gehandhabt , während anderthalb Jahrtausenden die Menschheit in krasser Stupidität erhalten habe . Damit sei selbstverständlich der Christengott über Bord geworfen , dessen Stellvertreterin und Lehrorgan die Kirche zu sein behauptet habe . Sie und ihr Oberhaupt , der Papst , wurden als Lügner gebrandmarkt . Da nun seit anderthalb Jahrtausenden von dieser alten Lügnerin jede Autorität auf jedes Gebiet des Lebens im Namen Gottes übertragen worden sei , so habe ganz folgerichtig jede Autorität durch ihren Sturz einen tötlichen Schlag auf ' s Herz bekommen , ob zwar bornierte Köpfe gewähnt hatten , es sei nur auf den römischen Papst abgesehen gewesen und der König auf seinem Throne , der Prediger auf seiner Kanzel , der Magister auf seinem Katheder , der Familienvater hinter seinem Ofen , der Besitzer mit seinem Geldsack übten vor wie nach ihre alte Autorität . Kindischer Wahn ! Der Individualismus habe sich nicht von seiner anderthalbtausendjährigen Knechtschaft erhoben , um nur auf religiösem Gebiet eine heilsame Revolution zu machen und dann wieder schlafen zu gehen . O mit nichten ! er pflanze das revolutionäre Banner mit demselben Recht auf dem politischen und sozialen Boden auf und werde auch dort unfehlbar denselben siegreichen Erfolg haben , denn der Individualismus sei die echte Religion jedes Menschen , das Grundgesetz seiner Natur , das Ziel seiner Entwicklung , die Richtschnur seines Willens . Durch ihn gelange die Menschheit zu ihrer eigentlichen Bestimmung : zu einer erhabenen Freiheit , die keine äußerlich gegebene , sondern nur eine selbstgewählte Schranke anerkenne . So lange noch von außen aufgezwungene Schranken des alten Herkommens , der alten Gesetze , der alten Familien- und bürgerlichen Einrichtungen existierten , sei die Menschheit verkümmert in ihrem Recht und in ihrer Größe , denn innerhalb derselben reibe sich das Individuum wie ein Sklave an seiner Kette wund und werde verhindert , die selbsteigen gewählte Schranke sich zu setzen . Wer nur einen Funken von Liebe zur Menschheit habe , müsse den Sturz der alten Knechtschaft in den bestehenden Verhältnissen fördern helfen und an der Zertrümmerung der Traditionen von Religion , von historischem Recht , von Familie , von Eigentum aus allen Kräften arbeiten . Zu dieser Höhe nun , die für Florentins Denkweise ganz folgerichtig ist , vermochte Orest nicht sich zu erschwingen . Er blieb unerschütterlich bei seiner Behauptung : der Sozialismus streite wider den gesunden Menschenverstand ; wogegen denn Florentin behauptete , der Menschenverstand von heutzutage sei so krankhaft borniert durch Vorurteile , daß er nicht wagen dürfe , sich Gesundheit zu vindizieren . » Findest Du aber in der Tat , daß der Sozialismus gegen den gesunden Menschenverstand streitet , « setzte Florentin hinzu , » so mußt Du auch dasselbe vom Protestantismus behaupten , denn , wie der Stamm , so der Ast . Dann verfällst Du der römischen Finsternis , aber Du bist doch wenigstens konsequent . « Orest hätte allerdings antworten können , daß der Protestantismus den gesunden Menschenverstand wider sich habe , sobald es sich darum handle , eine allgemeine Kirche zu stiften ; denn der gesunde Menschenverstand ist positiv , verlangt Positives und läßt sich nicht abspeisen mit der Verneinung . Bevor er sich dazu versteht , muß er kränkeln durch Einfluß der Leidenschaften , die ihn blenden und verwirren , und durch Unwissenheit , die ihn angemessener Nahrung beraubt . Aber Orest wollte durchaus nicht mit Florentin disputieren , dessen Ansichten ihm soweit zusagten , als sie für seine persönliche Theorie des Individualismus paßten ; die genügte ihm . Um Religionslehren kümmerte er sich nicht . Er legte sie so ziemlich bei Seite , indem er fand , daß der Vorrat , den er in seiner Kindheit eingesammelt habe , übergroß sei