, daß es sich um die Abreise des Kammerherrn , seine alte doch noch beschlossene Vermählung mit einem Freifräulein handelte , aber auch von seiner Weigerung und dem unwiderruflichen Entschluß , nur Lucinden zu seiner Gemahlin zu erheben ... An dem wilden Lachen des Vaters , das dann und wann heraufschallte , merkte man den Eindruck dieser Eröffnungen des Kammerherrn , der immer stiller wurde und zuletzt sogar in das gewöhnliche Schlußstadium seiner Wuthanfälle fiel , in ein an diesem starken und mächtigen Manne ganz besonders schreckhaftes feiges Verzagen , das sich bis zum Weinen und lauten Wehklagen steigern konnte . Wie dies stoßweise Schluchzen schon vernehmbar wurde , hörte man von unten heraufkommen . Fort ! rief Lucinde dem Diener zu und stand auf dem Sprunge , die Thür zu schließen . Der Diener ging und that , als wär ' er im Begriff gewesen eben auf den Boden zu steigen . Die Pfarrerin aber war ' s , die kam . Sie klopfte leise an und bat Lucinden mit weicher Stimme herunterzukommen , der Vater wünschte sie zu sehen . Er kann heraufkommen ! antwortete sie in beklommener Angst . Ich bitte Sie , Fräulein Schwarz ! sagte die Frau und drängte . Nein ! Nein ! Ich komme nicht ! Damit verschloß sie auch noch ihre Thür . Verriegelt hatte sie sie gleich beim ersten Hineinschlüpfen . Nach einer Weile , während die Pfarrerin seufzend gegangen war , hörte Lucinde den schweren , sporenklirrenden Tritt eines Mannes auf der Stiege . Eines der Kinder zeigte ihm den Weg ; und bald hörte sie ein Klopfen , das unfehlbar mit keinem menschlichen Finger , sondern mit dem Knopfe der Reitpeitsche erfolgte . Zitternd stand sie und wagte nicht zu öffnen . Als das Klopfen mit einigen freundlichen Worten wiederholt wurde , öffnete sie und mußte staunen , den Kronsyndikus ohne Stock oder Reitpeitsche zu sehen ; wirklich waren es nur seine Finger gewesen , die geklopft hatten . Die große Gestalt trat ein . Auffallend war die Aehnlichkeit mit dem Sohne , nur hatten Wuchs und Kopf nichts Gedunsenes wie bei diesem . Wettergebräunt , mit leisen Pockennarben überlaufen und hier und da mit Warzen besetzt war das Antlitz ; rothe Flecken um die stumpfe Nase und die knochigen Wangen verriethen die Liebe zum Wein ; die dicken Augenbrauen waren gelbweiß , die Haare noch stark und von gleicher gelbweißer Farbe . Man sah das Bild eines auf seinen Namen , seinen Rang , seine Verbindungen , vielleicht auch auf seine eigenen Meinungen und Entschließungen sich mit unerschrockener Festigkeit stützenden Adeligen , das Bild eines Mannes , den Widerspruch erbitterte . Lucinde hatte aber kaum einige Worte von ihm gehört , so bemerkte ihre Klugheit auch sogleich , daß diese Art Menschen dann ungefährlich , ja sogar zuvorkommend und liebenswürdig werden kann , wenn man allen ihren Gedanken nachgiebig folgt und sie ganz für etwas ebenso Großes und Vorzügliches nimmt , als wofür sie gehalten sein will ... Auf die ersten von ihm statt drohend sogar im Gegentheil schmeichelnd ausgesprochenen Begrüßungen des schönen Mädchens , auf seine Versuche zur Courtoisie und sogar eine Befangenheit , die von Lucindens Erscheinung geblendet war , gewann sie bald den Muth , seinen Worten Stand zu halten . Sie war in der gewählten Tracht , die der Kammerherr , der sie noch nie unzart berührt hatte , und sie nur anschauend und bewundernd liebte , an ihr besonders gern hatte . Sie trug ein schwarzseidenes Kleid , hatte in ihr geflochtenes , offenes Haar einige bunte Bandschleifen gesteckt , die ihr weit bis in den Nacken hingen , und benahm sich mit der ihr eigenen und , wie alle , die sie näher kannten , es nannten , ihr siegreich zu Gebote stehenden träumerischen Kindlichkeit , die den Eindruck eines Wesens sogar voll Poesie und Unschuld machte . Der wilde Freiherr war sogleich gewonnen und rühmte den Geschmack seines Sohnes mit vielen humoristischen Donnerwettern , Sackerlots und zudringliche à la bonne heures . Ohne viel Umschweife zu machen , erklärte er , daß der Kammerherr eine Baronesse von Tüngel heirathen müsse ; er wisse sehr wohl , und auch seiner künftigen Gemahlin würde es nicht verborgen bleiben , daß der Junge seine tollen Stunden hätte , doch lasse er sich leiten , wie ja dieser Aufenthalt hier in Eibendorf bewiesen hätte . Ferner : Er wisse auch , daß ihm selbst die Kunst abginge , mit einem Menschen , der ganz aus der Art geschlagen , richtig zu verkehren ; daß Jérôme das Pulver nicht erfunden , sei bekannt ; der Titel eines Kammerherrn wäre die Gnade eines benachbarten Fürsten gewesen , in dessen Gebiete einige seiner Güter lägen ; sein älterer Sohn , der Regierungsrath , hätte dafür des Verstandes nur zu viel ; die Natur gliche gern aus , und ein Unglück wär ' es nicht , wenn der Bund mit den Tüngels zur Ausführung käme ; Kinder würde es schwerlich geben ; wie viel eine richtige weibliche Behandlung zu thun vermöchte , hätte ja Lucinde bewiesen , und er wäre ihr von Herzen dankbar dafür . Daß er seinen Dank , wie er gleich aufrichtig hier bekennen wollte , bis zur Adoption einer solchen Schwiegertochter , wie sie wäre , steigerte , davon könnte natürlich keine Rede sein . Der große Narr weine zwar und wolle nicht von ihr lassen ; es würde sich aber auch das bei ihm geben . Einstweilen möchte er selbst nicht allzu lange in dem Hause hier verweilen : er müsse bekennen , weder allzu viel Weihrauchduft noch luthersche Pfarrhausluft wäre sein besonderer Geschmack ; leider hätte er einen katholischen Pfarrer nicht wählen können , da es ja den » armen Käuzen « an einer Pflegerin und zerstreuenden Kindern fehle . Das Beste wäre , sie folgten ihm einmal vorläufig alle beide , der Kammerherr und Lucinde . Schloß Neuhof wäre sehr groß , hätte nicht nur zwei Seitenflügel , sondern im Park auch