wartete ihr , alleine müßte sie pilgern , weit und immer weiter . Noch tönten die Glocken , die ihr sagten , wo die Andern seien , aber sie verhallten bald , und stille wards . Sie hörte nichts als ihre eigenen Tritte , nicht einmal ein Hund bellte im Tale ; so stille mußte es im Grabe sein . Und wenn sie nun alleine wäre in der Welt , fände keinen Menschen mehr im Dorfe , keinen in der Kirche , keinen mehr in der ganzen Welt , und alle wären fortgezogen durch das unsichtbare Tor , zu welchem der Herr einzig den Schlüssel hat ! Da schwollen von der Kirche her feierliche Klänge und mächtige Töne rauschten auf , und Änneli faltete die Hände , es war ihr , als wäre ihr wieder Mut ins Herz gekommen , und doch bebte sie in ihrer Seele , es war ihr , als höre sie aus den Tönen heraus eine Stimme als wie eines Richters Stimme , die sie riefe vor Gericht . Angefüllt war die Kirche , kein Platz schien mehr für Änneli da , sie stund im Türwinkel . Sieh , wenn es dir so ginge , wenn du sterben würdest , dachte sie , und kämest unter des Himmels Türe , und kein Platz wäre mehr da für dich , und du müßtest stehen , müßtest wieder gehen , weil kein Platz für dich da wäre , weil du zu spät gekommen , alle vorangelassen im Wahne , du kämest noch früh genug . Und wieder nun wuchs ihr Angst ums Herz , denn es gibt Augenblicke , wo unser Herz angstvoll ist und alles auf sich bezieht , wo die Angst um die Seele zuvorderst ist und alle Augenblicke die Augen voll Wasser sind . Da winkte ihr eine Taunersfrau , welcher sie auch manche Guttat unters Fürtuch gegeben ; aber Änneli merkte es nicht , bis im nächsten Stuhl eine ihr einen Mupf gab und deutete . Da sah sie , wie die arme Frau ihr ängstlich winkte , den Andern deutete , daß sie noch näher zusammenrücken sollten , und ihr dann ein Plätzchen frei machte im Stuhle . So machte die arme Frau der reichen Platz in der Kirche , und diese trat demütig näher und nahm jetzt auch eine Wohltat an . Wer weiß , dachte Änneli , wenn ich so spät komme und voll Sündenschuld in den Himmel , wer weiß , ob mir dann nicht vielleicht auch eine arme Frau weichet , um ein Plätzchen für mich bittet , das ihre mit mir teilt , für Weniges , das ich getan , mir so Vieles gibt . Dann erfahre ichs , wie reich vergolten wird das Wenige , was man auf Erden an Nebenmenschen getan . Und als sie neben die arme Frau niedersaß , war es ihr fast , als sitze sie neben ihren Engel und hätte jetzt einen sichern Platz gewonnen , und niemand werde sie aus demselben stoßen , und ihr sei jetzt wohlgegangen in alle Ewigkeit . Als der Gesang verklungen war , begann der Pfarrer zu beten , und die Gemeinde stand auf . Es schmerzte Änneli , vom erhaltenen Platze aufzustehen , wo ihr so wohl geworden , als sei sie zur himmlischen Ruhe gekommen . Sie dachte , wie es wohl einem sein müßte , der den Himmel erlangt und wieder daraus weg müßte , in die Hölle vielleicht , wo Heulen und Zähneklappen ist ewiglich . Da zuckte es in ihrem Herzen , als ob feurige Pfeile durch dasselbe fuhren , und vor ihr standen die vergangenen Tage , und nach ihnen kamen die gegenwärtigen , und über den ersten stand Freude und Glück , und die letztern waren in Weh und Schmerz gehüllt , und sie fühlte in ihrem Herzen , wie es einem sein muß , der aus dem Himmel in die Hölle muß . War sie ja auch in schaurigem Jammertale und sah ihrem Elende kein Ende , und von hier weg , wo ihr so wohl geworden , mußte sie in kurzer Stunde wieder heim in Qual und Zank , in des Unfriedens graulicht Gebäude . Mußte alleine dort wieder einziehen , von all den Hunderten kam niemand mit , keine arme Frau , welche ihr ein still , friedsam Plätzchen bereitete ; dort warteten ihrer wieder die alte Not , das Elend , das nicht aus mißratenen Ernten kommt und mit den schlechten Jahren zu Ende geht , sondern das andere , das aus übelberatenen Seelen stammt und dauert so lange als der üble Rat in den Seelen , oft so lange als die Seele selbst , ewiglich . Ach , müßte sie doch nimmer heim , könnte sie ihr müdes Herz doch legen an ein ruhig Plätzchen , wo es schlafen konnte , bis ihr Plätzchen im Himmel bereitet sei . Da tönte in diese Gedanken hinein des Pfarrers Stimme , welcher den Text verlas , der also lautete : » Aber ich sage euch : Ich werde von nun an nicht mehr vom Gewächs dieses Weinstockes trinken , bis an den Tag , da ich es neu trinken werde mit euch in meines Vaters Reich . « Es war ihr , als hätte der Pfarrer in ihr Herz gesehen und die Worte gerade auf sie gerichtet , als eine schöne Verheißung , daß ihr Wunsch bald sollte erfüllet und sie befreit werden aus ihrem Elend und an ein ruhig Plätzchen kommen . Sie freute sich des Sterbens , und doch kam eine unbeschreibliche Wehmut über sie . Sie dachte anfangs wohl : Mir ginge es so wohl und niemand übel , wenn ich darausstellen könnte . Vielleicht , wenn ich einmal fort wäre , merkten sie , was ich gewesen und daß ich nicht mehr da bin , und sie sinneten vielleicht noch manchmal an mich , wenn an das nicht gesinnet wird und für jenes nicht gesorget . Sie würden vielleicht denken : Es