Ton Deiner Briefe ist melancholisch . Du hattest immer einen gewissen Hang zu dieser Richtung der Empfindungen , die , wie alle Blüthen eines schönen Frühlings , die Köpfe neigen , wenn der hohe Sommer heraufzieht . Bei Dir stand die Sonne schon sehr frühe in ihrem Culminationspunkte . Sonderbar ! der kalte Norden drängt die Uebergangsperioden alljährlicher Entwickelung fast in einen Zeitmoment zusammen . Wäre auch in Dir mehr Gluth als Wärme , und der Winter Dir nahe , wenn Du noch Rosen zu brechen gedenkst ? Es waltet eine gewisse , laue Ergebung in Allem , was Du sagst , die mich ängstigt . Sie erinnert eben nicht tröstlich an das Senken der Flügel , ehe man weiß , daß diese gebrochen sind . Lieber Hugo ! Dir steht eine fatale Zwischenzeit bevor , und wohin Dich diese auch führe , ohne harte Kämpfe kann das nicht abgehen . Rüste Dich immer im Stillen dazu . Ueber Eins bin ich nur unsicher geworden . Hattest Du jemals einen eigenthümlichen Lebenszweck ? und warst Du völlig im Klaren darüber ? Sage mir das aufrichtig in Deinem nächsten Briefe . Das Maaß der Deutlichkeit unserer Vorstellungen hierüber bestimmt wohl zumeist das Nothwendige oder Zufällige einer Richtung . Ich bin begierig auf Deine Antwort , lieber Hugo . Lebe bis dahin recht glücklich . Ganz der Deinige . Emma an einen Geistlichen Wenn ich aus Gründen , die Sie , theuerster Lehrer , heller durchschauen , als ich sie angeben darf , in den Briefen an meine Mutter nur allgemeine Umrisse der verflossenen Tage , der neuen Verhältnisse , der Personen , welche diese bilden , hinwerfe , so will ich Ihnen in dem Allen mich selbst mit meinen innigsten Gefühlen , mit meinen geheimsten Gedanken ungetheilt geben . Sie sollen niemals aufhören , mich in jedem Zuge der Seele , in den bangen Regungen , wie in der stillen , sichern Befriedigung des empfundenen Daseins zu begleiten . Durch Sie will ich mich und Andere verstehen lernen . Lieber , väterlicher , verehrter Freund ! es ist nicht alles mehr so einig in mir wie sonst . Jeder Schritt vorwärts in das Leben hinein öffnet neue Ansichten , theilt den Blick , vervielfältigt die Eindrücke . Ich werde nicht irren , aber vielleicht unbillig sein , und hierüber bin ich ängstlich . Erschrecken Sie nicht . Es ist nichts vorgefallen , es hat sich nichts verändert , ich , ich allein muß anders geworden sein ! Das Leben hört auf , dasselbe zu bleiben , seit die leichten Umrisse sich plötzlich körperlich gestalten , die Dinge zwei Seiten gewannen , ein jedes Dasein für sich , wie im Zusammenhange mit Andern betrachtet sein will . Meine einfache Weise es zu nehmen , paßt nicht mehr . Es wird so voll , so laut um mich . Weder die innere noch die äussere Stimme reicht aus , mich meiner Welt verständlich zu machen . Ich werde in dem Maaße sprachloser , als mir die rechten Worte fehlen . In dieser Einsamkeit der Seele quält mich ein entsetzlicher Zweifel . Ich fürchte , nicht im Einverständniß mit Gott gewünscht , gewollt , und in der Gebetserhörung nur eine Prüfung erstürmt zu haben , die um so schwerer zu bestehen sein wird , als sie mich nicht allein trifft . Sehen Sie , das ist es , das ist es hauptsächlich , was mich beugt . Ach Gott ! und ich kann mich fast nicht länger täuschen , daß ich unbewußt zwar , doch nicht unschuldig das Geschick des geliebtesten Menschen verwirrt , einen Vorwurf auf sein großes Herz geladen habe ! Hugo ' s kühner Gang wird durch mich gehemmt . So kann und darf ich nicht einmal versuchen , seinen Weg zu gehen . Ich erschrecke oft , wenn es mir klar wird , daß er den Kampf allein hätte ausfechten , ich aber im Verborgenen , beschränkt und entsagend , für ihn beten sollen , ohne unser beider Geschick in unklare Beziehung zu einander zu stellen . Vielleicht war ich überhaupt nur für das Kloster geboren . In der Dunkelheit entfaltet sich das Geheimniß des Innern am besten . Hier , unter so verschiedenen Menschen , zwischen die entgegengesetztesten Richtungen geschoben , wie kann ich , ohne anzustoßen , mich frei bewegen ? Der Comthur , der mir eigentlich eine Stütze sein müßte , verletzt mich durch sichtliche Abgeschlossenheit gegen Hugo . Er mißtraut diesem , und scheint auf der Huth gegen Angriffe , welche gleichwohl nie erfolgen . Mich betrachtet er oft bedenklich . Sein ernster , hoher Blick wird dann von unverkennbarer Rührung gemildert , er findet immer ein inniges Wort für mich . Der Ton der Stimme , das Herabbeugen des stolzen Nackens , die stumme Sprache seiner Mienen , alles an ihm athmet in solchem Augenblicke fast unwiderstehliche Wärme , ich glaube , wir verstehen uns dann vollkommen , allein wir gleiten beide über das hinweg . Ich wüßte nicht , wie ich es anfinge , ihm gegenüber gewisse Saiten zu berühren , die nur den Mißton zwischen Oheim und Neffe noch schärfer herausheben würden . Ich fühle ja ohnehin deutlich genug , daß Hugo niemals darin gewilligt haben würde , sich mit dem Urheber so großer Familienstörungen auf eine Weise zu vergleichen , die ihm drückende Verpflichtungen auflegt , wäre es nicht in Bezug auf die Verbindung mit mir geschehen . Auch hierin glaube ich ein Werkzeug höhern Willens zu sein . Mit heimlichem Stolze betrachtete ich mich , als unverkennbare Vermittlerin verjährter , gehässiger Mißverständnisse . Allein auch hier diente ich nur , den stumpf gewordenen Stachel tiefer in die alte Wunde zurückzudrücken . Was vergessen , oder unbeachtet , mit der Zeit seine Schärfe verliert , das wetzt sich an den täglichen , unmerklichen Reibungen so schneidend heraus , daß jede Berührung verwundet . Ich fühle Hugo etwas Aehnliches an . Er wird immer einsilbiger . Auf seinem Gesicht liegen die Schatten unauslöschlicher