- « » Um Gottes willen , sei still Freund , und nenne keine Namen « , fiel Georg ein , » sage schnell , was du mir bringst . « » Ein Brieflein , Junker ! « sprach der Bauer , indem er die breiten , schwarzen Kniegürtel , womit er seine ledernen Beinkleider umwunden hatte , auflöste , und einen Streifen Pergament hervorzog . Mit hastiger Freude nahm Georg das Pergament ; es waren wenige Worte mit glänzend schwarzer Dinte geschrieben ; den Zügen der Schrift sah man aber an , daß sie einige Mühe gekostet haben mochten , denn die Mädchen von 1519 waren nicht so flink mit der Feder , um ihre zärtlichen Gefühle auszudrücken , als die in unseren Tagen , wo jede Dorfschöne ihrem Geliebten zum Regiment eine Epistel , so lange als die 3. St. Johannis schreiben kann . Die Chronik , woraus wir diese Historie genommen , hat uns jene Worte aufbewahrt , welche Georgs gierige Blicke aus den verworrenen Zügen des Pergamentes entzifferten : » Bedenk deinen Eid . - Flieh beizeit . Gott dein Geleit . - Marie dein in Ewigkeit . « Es liegt ein frommer , zarter Sinn in diesen Worten ; und wer sich ein liebendes Herz dazu denkt , wie es mit diesen Zeilen in die Ferne fliegen möchte , ein Auge voll Zärtlichkeit umflort von einem Schleier stiller Tränen , einen holden Mund , der das Blättchen noch einmal küßt , verschämte Wangen , die bei diesem geheimnisvollen Gruße erröten - wer dies hinzudenkt , der wird es Georg nicht verargen , daß er einige Augenblicke wie trunken war . Ein freudiger , glänzender Blick , nach den fernen blauen Bergen hin , dankte der Geliebten für ihren tröstenden Spruch und wahrlich er war auch zu keiner andern Zeit nötiger gewesen als gerade jetzt , um den gesunkenen Mut des jungen Mannes zu erheben . Wußte er doch , daß ein Wesen , das teuerste was für ihn auf der Erde lebte , ihn nicht verkannte . Der Schluß jener Zeilen erhob sein Herz zur alten Freudigkeit , er bot dem guten Boten die Hand , dankte ihm herzlich und fragte , wie er zu diesen Zeilen gekommen sei . » Dacht ich ' s doch « , antwortete dieser , » daß das Blättchen keinen bösen Zauberspruch enthalten müsse . Denn das Fräulein lächelte so gar freundlich , als sie es mir in die rauhe Hand drückte . Es war vergangenen Mittwoch , daß ich nach Blaubeuren kam wo unser Kriegsvolk stand . Es ist dort in der Klosterkirche ein prächtiger Hochaltar , worauf die Geschichte meines Patrons des Täufers Johannes vorgestellt ist . Vor sieben Jahren als ich in großer Not und einem schmählichen Ende nahe war , gelobt ich alle Jahre um diese Zeit eine Wallfahrt dahin . So hielt ich es alle Jahre seit der Zeit , daß mich der Heilige durch ein Wunder von Henkers Hand errettet hat . Wenn ich nun mein Gebet verrichtet hatte , ging ich allemal zum Herrn Abt , um ihm ein paar schöne Gänse oder ein Lamm zu bringen , oder was er sonst gerade gerne hat . - Aber ich mache Euch Langeweile mit meinem Geschwätz , Junker ? « » Nein , nein , erzähle nur weiter « , antwortete Georg , » komm , setze dich zu mir auf jene Bank . « » Das würde sich schön schicken ! « entgegnete der Bote , » wenn ein Bauer an des Junkers Seite sitzen wollte , den der Oberfeldhauptmann vor aller Augen so oft grüßte ; erlaubt mir , daß ich mich vor Euch hinstelle . « Georg ließ sich auf einen Steinsitz am Wege nieder , der Bauer aber fuhr auf seine Axt gestützt , in seiner Erzählung fort : » Ich hatte diesmal bei den unruhigen Zeiten wenig Lust zur Wallfahrt , aber gebrochener Eid , tut Gott leid , heißt es , und so mußte ich mein Gelübde vollbringen . Wie ich vom Gebet aufstund , um dem Abt zu bringen was recht ist , sagte mir einer der Pfaffen , daß ich diesmal nicht zu seiner Ehrwürden könne , weil viele Herren und Ritter dort zu Besuch seien . Ich bestand aber doch darauf , denn der Abt ist ein leutseliger Herr , und hätte mir ' s nicht verziehen , wenn ich ihn nicht heimgesucht hätte . Wenn Ihr je ins Kloster hinauskommt , so vergesset nicht nach der Treppe zu schauen , die vom Hochaltar zum Dorment führt . Sie geht durch die dicke Mauer , welche die Kirche ans Kloster schließt , und ist lang und schmal . Dort war es , wo mir das Fräulein begegnet ist . Es kommt mir nämlich ein feines Weibsbild im Schleier mit Brevier und Rosenkranz die Treppe herab , entgegen ; ich drücke mich an die Wand um sie vorbeizulassen , sie aber bleibt stehen und spricht : Ei Hanns , woher des Wegs ? « » Woher kennt Euch denn das Fräulein ? « unterbrach ihn Georg . » Meine Schwester ist ihre Amme und - « » Wie , die alte Rose ist Eure Schwester ? « rief der junge Mann . » Habt Ihr sie auch gekannt ? « sagte der Bote , » ei seh doch einer ! aber daß ich weiter sage : ich hatte eine große Freude sie wiederzusehen , denn ich besuchte meine Schwester häufig in Lichtenstein , und habe das Fräulein gekannt als man sie noch in ihres Vaters Schwertkuppel gehen lernte . Aber ich hätte sie kaum wiedererkannt , so groß war sie geworden , und die roten Wangen sind auch weg wie der Schnee am ersten Mai . Ich weiß nicht wie es ging , aber mich dauerte ihr Anblick in der Seele , und ich mußte fragen was ihr fehle , und ob ich ihr nicht etwas helfen könne ? Sie besann sich eine Weile und