welche wir fahren , aus lauter Christen bestehe , zu welcher Frage jener natürlich große Augen machte , und nicht recht wissen mochte , wie sie hieher komme . Mit wenigen , aber treffenden Zügen entwarf uns der Dichter den Zirkel , der uns aufnehmen sollte . Die milde und sinnige Frömmigkeit , die in dem zarten Charakter der gnädigen Frau vorwalten sollte ; der feierliche Ernst , die stille Größe des ältern Fräuleins , die , wenngleich Protestantin , doch ganz das Air jener wehmütig heiligen Klosterfrauen habe , die , nachdem sie mit gebrochenen Herzen der Welt Ade gesagt , jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem großartigen , interessanten Schmerz zehren.3 Das jüngere Fräulein , frisch , rund , blühend , heiter , naiv , sei verliebt in einen Gardelieutenant , der aber , weil er der ältern nicht sinnig genug sei , nicht zu dem ästhetischen Tee komme . Sie habe die schönsten Stellen in Goethe , Schiller , Tieck usw. , welche ihr die Mutter zuvor angestrichen , auswendig gelernt und gäbe sie hie und da mit allerliebster Präzision preis . Sie singt , was nicht anders zu erwarten ist , auf Verlangen italienische Arietten mit künstlichen Rouladen ; ihre Hauptforce besteht aber im Walzerspielen . Die übrige Gesellschaft , einige schöne Geister , einige Kritiker , sentimentale und naive , junge und ältere Damen , freie und andere Fräulein4 werden wir selbst näher kennenlernen . Der Wagen hielt , der Bediente riß den Schlag auf und half meinem bangen Mentor heraus ; schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe hinan ; ein lieblicher Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen ; Geräusch vieler Stimmen und das Gerassel der Teelöffel tönte aus der halbgeöffneten Türe des Salons , auch diese flog auf , und umstrahlt von dem Sonnenglanz der schwebenden Lüsters , saß im Kreise die Gesellschaft . Der Dichter führte uns vor den Sitz der gnädigen Frau und stellte den Doktor Mucker und seinen Eleven , den jungen Baron von Stobelberg , vor . Huldreich neigte sich die Matrone , und reichte uns die schöne zarte Hand , indem sie uns freundlich willkommen hieß ; mit jener zierlichen Leichtigkeit , die ich einem Wiener Incroyable abgelauscht hatte , faßte ich diese zarte Hand , und hauchte ein leises Küßchen der Ehrfurcht darüber hin . Die artige Sitte des Fremdlings schien ihr zu gefallen , und gern gewährte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zöglings die nämliche Gunst ; aber o Schrecken ! indem er sich niederbückte , gewahrte ich , daß sein grauer , stechender Judenbart nicht glatt vom Kinn wegrasiert sei , sondern wie eine Kratzbürste hervorstehe ; die gnädige Frau verzog das Gesicht grimmig bei dem Stechkuß , aber der Anstand ließ sie nicht mehr , als ein leises Gejammer hervorstöhnen ; wehmütig betrachtete sie die schöne weiße Hand , die rot aufzulaufen begann , und sie sah sich genötigt im Nebenzimmer Hülfe zu suchen ; ich sah , wie dort ihre Zofe aus der silbernen Toilette Kölnisches Wasser nahm und die wunde Stelle damit rieb ; sodann wurden schöne glacierte Handschuhe geholt , die Käppchen davon abgeschnitten , so daß doch die zarten Fingerspitzen hervorsehen konnten , und die gnädige Hand damit bekleidet . Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflüstert , die Herren traten uns näher und befragten uns über Gleichgültiges , worauf wir wieder Gleichgültiges antworteten , bis die Seele des Hauses wieder hereintrat . Die Edle wußte ihren Kummer um die aufgelaufene Hand so gut zu verbergen , daß sie nur einem häuslichen Geschäft nachgegangen zu sein schien , und sogar der » alte Sünder « selbst nichts von dem Unheil ahnete , das er bewirkt hatte . Die einzige Strafe war , daß sie ihm einen stechenden Blick für seinen stechenden Handkuß zuwarf , und mich den ganzen Abend hindurch auffallend vor ihm auszeichnete . Die Leser werden gesehen haben , daß es ein ganz eleganter Tee war , zu welchem uns der Dichter geführt hatte ; die massive silberne Teemaschine , an welcher die jüngere Tochter Tee bereitete , die prachtvollen Lüsters und Spiegel , die brennenden Farben der Teppiche und Tapeten , die künstlichen Blumen in den zierlichsten Vasen , endlich die Gesellschaft selbst , die in vollem Kostüm , schwarz und weiß gemischt war , ließen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau schließen . Der Tee wies sich aber auch als ästhetisch aus ; gnädige Frau bedauerte , daß wir nicht früher gekommen seien ; der junge Dichter Frühauf habe einige Dutzend Stanzen aus einem Heldengedicht vorgelesen , so innig , so schwebend , mit so viel Musik in den Schlußreimen , daß man in langer Zeit nichts Erfreulicheres gehört habe ; es stehe zu erwarten , daß es allgemein Furore in Deutschland machen werde . Wir beklagten den Verlust unendlich , der bescheidene , lorbeerbekränzte junge Mann versicherte uns aber unter der Hand , er wolle uns morgen in unserm Hotel besuchen , und wir sollten nicht nur die paar Stanzen , die er hier preisgegeben , sondern einige vollständige Gesänge zu hören bekommen . Das Gespräch bekam jetzt aber eine andere Wendung ; eine ältliche Dame ließ sich ihre Arbeitstasche reichen , deren geschmackvolle und neue Stickerei die Augen der Damen auf sich zog ; sie nahm ein Buch daraus hervor und sagte mit freundlichem Lispeln : » Voyez-là das neueste Produkt meiner genialen Freundin Johanna ; sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt , und ich bin so glücklich , die erste zu sein , die es hier besitzt ; ich habe es nur ein wenig durchblättert , aber diese herrlichen Situationen , diese Szenen , so ganz aus dem Leben gegriffen , die Wahrheit der Charaktere , dieser glänzende Stil - « » Sie machen mich neugierig , Frau von Wollau « , unterbrach sie die Dame des Hauses , » darf ich bitten - ? ah , Gabriele , von Johanna von Schopenhauer ;